Aufrufe
vor 1 Jahr

diebank 10 // 2019

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

DIGITALISIERUNG FREIHEIT

DIGITALISIERUNG FREIHEIT BEIM ZAHLEN Wie ApplePay, WeChat und Co. das Bankensystem bedrohen Neulich bei einem Rugbyspiel in Malaysia: Ein Zuschauer kauft Satay-Spieße an einem Stand. Den günstigen Snack muss er nicht etwa bar bezahlen, die Kosten von rund 1 € begleicht er mit Grab – für diese Smartphone-App besitzt der Grillmeister den passenden QR-Code. Immer mehr Unternehmen bieten weltweit derartige elektronische Zahlungsdienste an. Sowohl im stationären Handel als auch in Onlineshops können Kunden den Kaufpreis einfach per Handy oder Mausklick entrichten. Techkonzerne wie Apple und Tencent oder der britische Geldüberweisungsdienst TransferWise entwickeln ständig neue Geschäftsmodelle rund um das Bezahlen, die den Konsumenten das Einkaufen erleichtern. Entsprechend begeistert zeigen sich die Verbraucher von den praktischen und preiswerten E-Wallets. Die große Beliebtheit der innovativen Zahlungsmittel birgt jedoch ernsthafte Gefahren für die traditionellen Finanzinstitute, die derzeit Transaktionen mit Bargeld, Kredit- und EC-Karten oder Überweisungen managen. Die wachsende Konkurrenz durch digitale Zahlungssysteme dürfte ihre ohnehin schon sinkende Profitabilität weiter bedrohen. Laut einer Prognose des globalen Zahlungsdienstleisters Worldpay werden schon im Jahr 2022 weltweit fast die Hälfte aller E-Commerce- Transaktionen und mehr als ein Viertel der Zahlungen in Geschäften digital abgewickelt – zulasten von Cash, Karten und Schecks. ÿ 1 Speziell in Asien sind die neuartigen Bezahlmethoden beliebt. In den sich rasant entwickelnden Nationen – allen voran China – haben die Konsumenten die Phase der Kreditkarten einfach übersprungen. Dort wird die E-Wallet in drei Jahren das Bargeld als meistgenutztes Zahlungsmittel ablösen. Konkurrenz durch Gratisdienste Besonders heikel für die Banken ist, dass digitale Zahlungen nicht nur den prinzipiell lukrativen Zeitverzug bei der Abwicklung von Transaktionen beseitigen. Auch bieten die E-Wallet-Betreiber ihren Service häufig kostenlos an. So offeriert etwa Grab den Bezahldienst für Käufer wie Händler gratis. Statt an der Abwicklung der Finanztransaktion verdient das Unternehmen aus Singapur an der schnellen Vermittlung von Kundenkontakten und entwickelt aus den erhobenen Daten zusätzliche Services. Bei 36 10 // 2019

DIGITALISIERUNG 1 | Banken erwirtschaften erhebliche Gewinne mit grenzüberschreitenden Zahlungen 100 826 Mrd. US-$ Grenzüberschreitend Durchschnittliche Gebühren auf Transaktionswert, in Basispunkten 340 80 Inland Business-to-Consumer, Consumer-to-Consumer 22 60 40 Grenzüberschreitend 11 20 Business-to-Business Inland 2 0 Aufteilung nach Absendern und Regionen Quelle: Studie „Payments Just Want to Be Free – How can Providers Adapt?”, 2019, Bain & Company. Grab finden die Kunden auch Lieferdienste, Hotel- und Reisebuchungen, Veranstaltungstickets und Videostreaming. Die Zahlungs-App Go-Jek aus Indonesien ist als Zusatzgeschäft entstanden. Sie ergänzt den gleichnamigen Dienst, der Motorradtaxis, Paketauslieferungen, Umzüge oder Wäschereien vermittelt. In Indien können die Abonnenten von Truecaller, eigentlich spezialisiert auf das Enttarnen von Eindringlingen oder unerwünschten Roboteranrufern, jetzt auch mobile Zahlungsdienste nutzen. Die in China dominierende Zahlungs-App WeChat startete als Mitteilungsdienst, und ist mittlerweile ein führendes Netzwerk für Onlinespiele, Sozialunternehmen und Nachrichten. Selbst der US-Onlinehändler Amazon entwickelt eigene Zahlungsformen etwa für Telefonrechnungen oder Kabelanschlüsse. Bald könnten diese neuen Super-Apps, in denen die Zahlungsfunktion nur eine von vielen Dienstleistungen darstellt, ihre kostenfreien Überweisungen auch auf den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr ausweiten. Damit rechnen beispielsweise heute schon die Behörden in Singapur, Thailand und auf den Philippinen. Margen unter Druck Selbst wenn sich die gebührenfreien digitalen Zahlungsmittel zunächst vor allem in Asien durchsetzen dürften – die Margen der Banken geraten auch in Regionen unter Druck, in denen sie heute noch mit der Zahlungsabwicklung gutes Geld verdienen. In den etablierten Kreditkartenmärkten in Europa, den USA, Brasilien oder Australien werden die Gebühren für die Abwicklung durch den verschärften Wettbewerb und die neuen technischen Möglichkeiten mit Sicherheit sinken. Derzeit belaufen sich die Erträge im weltweiten Zahlungsverkehr noch auf 826 Mrd. US-$ pro Jahr. Etwa die Hälfte davon entfällt auf Transaktionen zwischen Unternehmen. In diesem B2B-Geschäft betragen die Margen für die Banken 0,02 bis 0,11 Prozent. Die anderen 50 Prozent verteilen sich auf das Business mit Konsumenten und den privaten Austausch von Geldern. In diesen Bereichen erzielen Banken und Kreditkartenfirmen wie Visa oder Mastercard sogar eine Gewinnspanne von 0,22 Prozent. Finden die Transfers von und zwischen Privatleuten im internationalen Zahlungsverkehr statt, liegen die Profitmargen bei satten 3,4 Prozent – noch immer ein sehr lukratives Geschäft. ÿ 1 So hat eine europäische Großbank 2016 mit dem grenzüberschreitenden Geldaustausch fast ein Zehntel ihres gesamten weltweiten Gewinns erwirtschaftet. Unterschiedliches Entwicklungstempo Die neuen Zahlungsmethoden entwickeln sich in den einzelnen Weltregionen höchst unterschiedlich. So nutzen die US-Amerikaner selbst heute noch häufig Schecks und bleiben angesichts lukrativer Kundenbindungsprogramme ihren Kreditkarten treu. In Großbritannien und Australien gewinnt derzeit das kontaktlose Zahlen mit Karte an Beliebtheit. Und die Deutschen hängen nach wie vor am Bargeld. Doch diese noch profitablen Geschäfte könnten auch für die Banken in Europa und den USA bald der Vergangenheit angehören. Ihnen machen lokale Gründungen wie TransferWise Konkurrenz, die nur einen Bruchteil der üblichen Entgelte für Finanztransfers verlangen. Das britische Start-up wurde unlängst im Rahmen einer neuen Finanzierungsrunde mit 3,5 Mrd. US-$ bewertet. Ob Start-ups oder Tech-Riesen: Die Anbieter neuartiger Zahlungsmethoden bedrohen im Zahlungsverkehr das traditionelle Geschäft der Banken auf vielfältige Weise. Auf diese Herausforderungen können die 10 // 2019 37

die bank

© die bank 2014-2020