Aufrufe
vor 1 Jahr

diebank 10 // 2019

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT HERAUSFORDERUNG

MARKT HERAUSFORDERUNG FÜR BANKEN UND VERMÖGENSVERWALTER Sustainable Finance: Wie „grün“ sind die Banken? Das Thema Nachhaltigkeit hat auch den Finanzsektor erreicht. Geldanlagen sollen ethisch sein und das Klima nicht schädigen, fordern Regierungen und auch Anleger. Was ändert sich dadurch für die Branche, und worauf müssen sich Banken, Finanzinstitute und Vermögensverwalter in der nächsten Zeit einstellen? Die UN-Klimakonferenz von Paris im Winter 2015 war ein Warnschuss für die ganze Welt in Sachen Umweltschutz. Die formulierten Ziele zeigen drastisch, wie es um den Planet Erde steht: Bis 2030 sollen klimawirksame Emissionen um 40 Prozent gesenkt und die globale Erwärmung unter 2 Grad Celsius – im Vergleich zum vorindustriellen Niveau – gehalten werden, vereinbarte die Staatengemeinschaft. Die ambitionierten Vorgaben werden natürlich nicht nur dank des guten Willens aller Beteiligten umgesetzt, sondern benötigen eine Finanzierung. Man spricht von ca. 180 Mrd. € jährlich, die investiert werden müssen. Hier kommt der Bankensektor ins Spiel, der nicht nur die Finanzierung leistet, sondern dank Sustainable Finance die Finanzflüsse so auszurichten hat, „dass sie im Einklang stehen mit einem Entwicklungspfad hin zu geringeren Emissionen von klimawirksamen Gasen und einer gegenüber dem Klima widerstandsfähigen Entwicklung”, so fordert das Pariser Abkommen. Anleger fragen: Wie grün ist meine Bank? Nachhaltiges Finanzwesen lautet also die neue Aufgabe, denn auch Anleger fragen sich zunehmend: „Wie grün ist meine Bank?“ Im Fachjargon heißt „grün” sein, alle E(nvironment) S(ocial) G(overnance)-Kriterien zu erfüllen. Die Nachhaltigkeitskriterien orientieren sich aber nicht nur an der Verringerung von Klimaschäden, sondern auch an der Förderung von sozialer Teilhabe und guter Unternehmensführung. Banken und Finanzdienstleister müssen also umdenken, wenn sie zum Beispiel Fonds und Aktien empfehlen. Gefragt wird nicht nur nach der besten Rendite, sondern auch danach, wie das Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit abschneidet. Vernachlässigen Banken Nachhaltigkeitsrisiken, kann das für sie und ihre Kunden sogar existenziell schädlich sein, denn Investitionen in veraltete Technologien, die etwa auf fossilen Brennstoffen beruhen, können rasch obsolet werden. Die sogenannten Stranded Assets könnten den Portfoliowert deutlich reduzieren oder auch die Kreditwürdigkeit negativ beeinträchtigen. Daher ist es im gemeinsamen Interesse der Regierungen und des Finanzsektors, dass Sustainable Finance funktioniert. In Europa sorgt dafür die EU-Kommission mit einem eigens ins Leben gerufenen Aktionsplan. Seit 2016 arbeitet die „High-Level Expert Group on Sustainable Finance” (HLEG) an verbindlichen Empfehlungen. EU benennt sechs Umweltziele Die Expertengruppe hat im Januar 2018 ihren Abschlussbericht vorgelegt, der zahlreiche Maßnahmen zur Finanzierung von nachhaltigem Wachstum enthält, nach denen sich der Finanzsektor richten soll. Darin ist verankert, dass ökonomische Tätigkeiten als umwelt- 14 10 // 2019

MARKT freundlich bzw. nachhaltig eingestuft werden, sobald mindestens eins der sechs EU-Umweltziele verfolgt wird. Diese lauten: Klimaschutz, Klimawandel-Anpassung, nachhaltige Nutzung sowie Schutz des Wassers und der Meeresressourcen, Wandel hin zu einer Kreislaufwirtschaft, Abfall-Reduzierung und Recycling, Vermeidung / Verminderung von Umweltverschmutzung sowie schließlich Schutz eines gesunden Ökosystems. Taxonomie und Ökosiegel für Finanzprodukte Doch wie kann das bewertet werden? Wie wird entschieden, was nachhaltig ist oder nicht? Der Finanzsektor sollte besonders aufmerksam die Arbeit der EU-Experten verfolgen, da bis spätestens 2022 erwartet wird, denn schon für das Jahr 2020 wird erwartet, dass die EU eine umfassende Taxonomie veröffentlicht, die Kriterien für eine entsprechende Beurteilung definiert und damit eine einheitliche Klassifizierung der Kapitalanlagen ermöglicht. Das Klassifikationssystem soll Nachhaltigkeit klar definieren, um so Kapitalströme hin zu nachhaltigen Investitionen zu lenken. Die Taxonomie basiert auf NACE1 mit 21 Sektoren und 615 Kategorien. Davon sollen 13 Sektoren (sieben für Climate Change Mitigation, sechs für Climate Change Adaptation) von der Taxonomie abgedeckt werden. Auch ein Ökosiegel für Finanzprodukte ist in Arbeit. Die Klima-Benchmarks der EU setzen Richtlinien für Investmentstrategien mit niedrigem CO2-Gehalt. Um sich als EU CTB (EU Climate Transition Benchmark) zu qualifizieren, muss die Benchmark einen mindestens 30 Prozent geringeren Carbon Footprint aufweisen als eine traditionelle Benchmark. Um das Siegel EU PAB (EU Paris-Aligend Benchmark) zu erhalten, muss das Portfolio mindestens 50 Prozent an Carbon-Emissionen einsparen. Asset-Klassen, für die die EU-Klima-Benchmark verwendet werden darf, umfassen Aktien, Bonds, ETFs sowie UCITs Funds und Hedgefonds, aber auch Private Equity und Debt Infrastructure. Green Bond Standards für klimafreundliche Geschäftsaktivitäten Um die Finanzierung klimafreundlicher Geschäftsaktivitäten zu fördern, setzt die EU außerdem auf die Entwicklung eines Green Bond Standards. Die Arbeitsgruppe schlägt einen freiwilligen, nicht-legislativen Standard vor, der das Ziel hat, die Effektivität, die Vergleichbarkeit und Glaubwürdigkeit des Green- Bond-Markts zu verbessern und die Marktteilnehmer zu ermutigen, Green Bonds zu begehen und in diese zu investieren. Green Bonds sind im Kommen. In Europa wurden 2018 insgesamt 66,6 Mrd. US-$ in Green Bonds emittiert, was 15 Prozent mehr als im Jahr 2017 ist. Und die Anleger wollen mehr: Die letzten Green-Bond-Emissionen waren rund zwei- bis dreifach überzeichnet. Der Finanzsektor befindet sich also im Umbruch und muss der Sensibilität hinsichtlich Nachhaltigkeit Rechnung tragen. Tatsächlich integrieren mittlerweile viele Finanzdienstleister die Ziele nachhaltiger Entwicklung (englisch Sustainable Development Goal, SDG) explizit in ihr Zielsystem und ihre Berichterstattung. Anfang Februar 2019 etwa gab die HSBC bekannt, das CO2-Volumen ihres Kreditportfolios zu berechnen und einen signifikanten Teil ihrer Kreditvergabe für nachhaltige Projekte zur Verfügung zu stellen. Dass auch die Anleger auf „grün“ setzen, zeigen aktuelle Umfragen, nach denen 66 Prozent der Investoren davon überzeugt sind, dass die Beachtung von ESG-Faktoren dabei helfen kann, Risiken zu identifizieren und zu verringern. 56 Prozent gaben an, in den Geschäftsberichten von Unternehmen nach ESG-Informationen zu suchen und diese in ihre Entscheidungen bzw. Investitionsstrategien mit einfließen zu lassen. FAZIT Die EU-Initiative macht eine Umstrukturierung in den Kreditinstituten notwendig, und diese müssen sich auf die neuen Gegebenheiten einstellen. Erst im September 2019 hat die BaFin ein Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken (BaFin Konsultation 16/2019) veröffentlicht, das schon sehr konkret aufzeigt, an welchen Stellen Banken und Finanzdienstleister sich mit Nachhaltigkeitsrisiken auseinandersetzen müssen. Auf der Produktseite müssen Front-, Middle- und Backoffice sowie Research die neuen ESG-Kennzahlen verarbeiten können. Aber auch Risk Management, Compliance, Reporting und die Anlageberatung werden von den neuen Vorgaben betroffen sein. Zusätzlich sieht die BaFin die Revision in der Pflicht, die Prüfung der Angemessenheit und Wirksamkeit im Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken sicherzustellen. Für Investmentberater heißt es, zukünftig ESG-Kriterien als natürlichen Bestandteil einer jeden Investitionsentscheidung in den Anlageprozess einzubeziehen und diesen gemäß MiFID II transparent zu gestalten und zu dokumentieren. Wenn die ersten EU- Richtlinien verabschiedet werden, kommt viel Arbeit auf Banken und Vermögensverwalter zu. Am besten fangen sie bereits jetzt damit an. Autoren Frank Bormann, Senior Manager der Wepex Unternehmensberatung. Er ist Experte für Sustainable Finance, außerdem Kapitalmarktexperte mit langjähriger Managementerfahrung in den Bereichen Global Markets Trading, Business Development und Projektmanagement. Johannes Grebhahn ist Manager im gleichen Unternehmen und spezialisiert auf die Themen Project und Test Management bei Banken. Seine Tätigkeit umfasst außerdem Beratung und Implementierung zu Blockchain- und Distributed-Ledger- Technologien. 1 NACE: Nomenclature statistique des activités économiques dans la Communauté européenne (Statistische Systematik der Wirtschaftszweige in der Europäischen Gemeinschaft). 10 // 2019 15

die bank

© die bank 2014-2020