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diebank 09 // 2020

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

DIGITALISIERUNG PROJEKT

DIGITALISIERUNG PROJEKT GAIA-X Europäische Cloud-Alternative für Banken und Finanzdienstleister? Cloud Dienstleistungen und ihr wachsender Stellenwert sind auch für Banken sehr interessant. Dennoch haben viele deutsche Finanzdienstleister Bedenken bezüglich der Nutzung von Public Cloud Services. Sie befürchten eine zunehmende Abhängigkeit von Unternehmen aus den USA. Gaia-X soll als europäische Cloud eine Alternative zu den bestehenden Hyperscalern bieten. Kann hier, basierend auf europäischen Standards für Unternehmen und Finanzdienstleistungsinstitute, digitale Souveränität geschaffen werden? Die Cloud ist Grundlage für die fortschreitende Digitalisierung der Wirtschaft und den Erfolg von Unternehmen am Markt. Als Plattform erleichtert sie den Einsatz neuer IT-Technologien fundamental. Die drei größten Anbieter – Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud, die sogenannten Hyperscaler – halten knapp 60 Prozent des Marktanteils am weltweiten Cloud-Infrastruktur-Markt und investieren jährlich rund 270 Mrd. US-$ darin. Amazon erweitert seine AWS Cloud jährlich um 2.000 neue Features, bei Google und Azure ist dies ähnlich. Zusätzlich bieten sie ihren Kunden die Möglichkeit, Cloud-Dienstleistungen aus einer Quelle zu beziehen. Dadurch sind die Dienste in kürzester Zeit nutzbar und einsatzbereit. Die Hyperscaler investieren aktuell vor allem in Themen wie Big Data, Künstliche Intelligenz und Quanten-Computing. Um von ihren Erkenntnissen profitieren zu können und vereinfachten Zugang zu Innovationen zu bekommen, erscheint zumindest eine teilweise Nutzung der Google-, Azure- oder AWS Cloud sinnvoll. Obwohl Cloud-Dienstleistungen einen immer höheren Stellenwert bei Banken haben, gibt es bei deutschen Finanzdienstleistern noch immer Bedenken bzgl. der Nutzung von Public Cloud Services. Zu den größten Herausforderungen zählen regulatorische Themen sowie die zunehmende Abhängigkeit von Unternehmen mit Hauptsitz in den Vereinigten Staaten. Dadurch besteht das Risiko, dass Banken auf die Dienstleistungen des Cloud-Anbieters 68 09 // 2020

DIGITALISIERUNG angewiesen sein könnten (Lock-in) oder dass sie die Dienstleistungen nicht mehr nutzen können, falls der Cloud-Anbieter aus geopolitischen Gründen diese nicht mehr in Europa anbieten darf (Lock-out). Maßnahmen wie die Nutzung von Containern und ausgewählten Open-Source-Technologien helfen, nur das grundlegende Computing der Hyperscaler zu beziehen und somit die Abhängigkeit zu reduzieren. OpenShift für Plattform oder Terraform zur Orchestrierung sind Beispiele solcher Open-Source-Technologien. Weitere potenzielle Mitigation-Maßnahmen können im Einsatz von Multi-Cloud-Architekturen, Private Clouds oder Community Clouds – bis hin zu einer europäischen Cloud- Plattform liegen. Gaia-X als Alternative Das Projekt Gaia-X soll als europäische Cloud eine Alternative zu den bestehenden Hyperscalern bieten. Das Ziel ist es, basierend auf europäischen Standards für Unternehmen und Finanzdienstleistungsinstituten digitale Souveränität zu schaffen. Die Gaia-X Foundation soll hierbei unterstützen. Diese internationale Non-Profit-Organisation mit Hauptsitz in Brüssel wurde gegründet, um die Kooperation innerhalb der Gaia-X-Gemeinschaft zu stabilisieren und zu vereinfachen. Klar ist jedoch, dass Gaia-X kein europäisches Google wird, da die amerikanischen und chinesischen Hyperscaler einen immensen Investitions- und Innovationsvorsprung haben. Dennoch gibt es aus wirtschaftlicher und politischer Sicht einige Differenzierungsmerkmale der Gaia-X Initiative. Regulatorische Herausforderungen, wie der Schutz vor dem Datenzugriff aus dem Ausland, werden adressiert und können die Wettbewerbsfähigkeit des Projekts erhöhen. Zu den relevanten Richtlinien, auf die sich Gaia-X dabei stützt, gehören vor allem die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), der EU Cybersecurity Act und die Thematik des freien Verkehrs nicht personenbezogener Daten. Auch wenn Gaia-X nicht den Technologiestandard der Hyperscaler in allen Aspekten erreichen wird, bietet das Projekt Unternehmen die Möglichkeit, Applikationen im Rahmen einer Multicloud-Strategie entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse zu betreiben – unter Nutzung von Public Cloud über Gaia- X, Community Clouds und Private Clouds / On-Premise. Gaia-X wird auch über reine Basis-Cloud-Services hinaus fachliche Anwendungsfälle und Innovationen adressieren – beispielsweise die Entwicklung von KI-Applikationen. Besonders die Finanzdienstleistungsindustrie kann vom Einsatz Künstlicher Intelligenz im Rahmen des Financial Big Data Clusters (FBDC) in unterschiedlichen Anwendungsfällen profitieren. Zahlreiche Key Player der Branche haben sich zu einem Financial Big Data Cluster zusammengeschlossen, damit eine Datenplattform, die auf der Cloud aufbaut, entstehen und Finanzdaten in einer Quelle zusammenführen kann. Der Zugang zu FBDC wird für zusätzliche Teilnehmer vereinfacht und kann somit die Zielgruppe und den Umfang des entstehenden Ökosystems rund um Finanzdaten vergrößern. FAZIT Auch mit der europäischen Cloud-Alternative Gaia-X wird eine vollständige Umgehung der Hyperscaler nicht realistisch sein. Dennoch lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem Thema im Rahmen der unternehmensweiten Cloud-Strategie. Die aktuelle, stark zunehmende Geschwindigkeit von Cloud-Transformationen in der Finanzindustrie erfordert allerdings, dass das Gaia-X Projekt trotz seiner hohen Komplexität den ambitionierten Zeitplan für 2020 einhält, um für die Modernisierungsinitiativen der Banken nicht zu spät zu kommen. Autoren Dr. Christian Tölkes (Foto links), Geschäftsführer Banking Technology Strategy & Advisory, und Dr. Patrick Freudenstein (Foto rechts), Geschäftsführer Cloud Strategy & Advisory. Beide Autoren sind bei Accenture tätig. 09 // 2020 69

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