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diebank 09 // 2019

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

DIGITALISIERUNG

DIGITALISIERUNG KERNBANKENSYSTEME Innovation muss im Maschinenraum starten Kernbankensysteme und Innovation: An kaum einer Stelle scheinen Anspruch und Realität so weit auseinanderzugehen wie im „Maschinenraum“ der Banken. Im Jahr 2018 hat die BaFin mehr als 300 Störungen registriert. Die IT-Landschaft gleicht vielfach einem Flickenteppich, in dem immer neue Funktionen in veraltete Strukturen eingewebt werden. Verärgerte Kunden und Rügen der Aufsicht sind die Folge. Doch wo liegen die Gründe für diese Entwicklung, und wo sind die Hebel für Innovation und Digitalisierung? Bei den Stichworten Innovation und Nutzerfreundlichkeit denken viele eher an ihre Lieblings-App auf dem Smartphone als an ihre Bank. Einen Flug buchen? Kein Problem, drei Klicks und die Reise steht. Aber was ist, wenn der Trip nun statt nach New York nach Boston gehen soll oder sich die Abreise um einen Tag verschiebt? Dafür bietet die smarte App leider keine Lösung, da hilft dann hoffentlich der Mitarbeiter im Reisebüro weiter. Übertragen auf das Online Banking hieße das etwa: Der Widerruf einer Lastschrift wird von der App nicht unterstützt und erfordert den Anruf des Kunden in der Filiale. Einfache Lösungen stoßen schnell an Grenzen Die Lösung könnte in der radikalen Vereinfachung der Produkte und Geschäftsprozesse von Banken liegen. Dieses Modell wird von einigen Neueinsteigern sehr erfolgreich praktiziert. Aber es stößt eben auch schnell an Grenzen, wenn ein Kunde mehr braucht als seine Kontoübersicht und eine Überweisung. Gerade im Segment der Spezialbanken und des Private Bankings ist ein individuelles Produktangebot ein zentrales Unterscheidungsmerkmal im Wettbewerb und bildet den Markenkern der Institute. Dann muss eine Bankensoftware eben auch mal mehrere Währungen unterstützen, in Echtzeit Überweisungen tätigen können und am besten auch gleich Optionen, Swaps und Edelmetallgeschäfte mit anbieten. Parallel dazu sollte sie selbstverständlich noch alle regulatorischen Anforderungen abbilden, sämtliche Meldepflichten erfüllen und länderspezifische Steuersätze berücksichtigen. Mit den Anforderungen der Kunden an Funktionalität und Nutzerfreundlichkeit ist die Komplexität der IT-Systeme gewachsen. Bei der Vielzahl von Kernbankensystemen gibt es sicherlich einige, die funktional in den letzten Jahren nicht mehr weiterentwickelt wurden. Darüber hinaus haben viele Banken aber auch Angst vor Eingriffen in die Kernsysteme, denn aufgrund des steigenden Kostendrucks und sinkender Erträge wurden Mitarbeiter abgebaut, und damit ging wertvolles Wissen verloren. So wurden häufig Umgehungslösungen entwickelt, die nicht in der Kernbanken-Software verankert sind. Diese Entwicklung verstärkt den Eindruck, dass Kernbankensysteme als unbeweglich wahrgenommen werden. Gerne wird auch übersehen, dass viele Institute nicht nur ein Kernbankensystem betreiben, sondern eine sehr heterogene Landschaft von zum Teil nur notdürftig miteinander verbundenen Systemen. In vielen – auch kleineren – Häusern reicht der Platz auf einem DIN-A3- Blatt schon lange nicht mehr aus, um die Anwendungslandschaft zu visualisieren. Mitunter vermittelt die IT-Systemlandschaft den Eindruck eines Flickenteppichs, aus dem sich vielleicht sogar schon das eine oder andere Stück gelöst hat. Nutzerfreundliche Lösungen ohne Anbindung an das Kernsystem Was kann also die Lösung sein? Im Zuge der Digitalisierung haben viele Häuser Frontlö- sungen geschaffen, die dem Nutzer lediglich den Eindruck eines durchgängigen Prozesses vermitteln, aber dann endet die papierlose Kontoeröffnung in einem Ausdruck der Formulare im Backoffice. Auch scheinbar schnelle Fixes mittels der aktuell so beliebten Roboter-gesteuerten Prozessautomatisierung (RPA) setzen lediglich an der Software-Oberfläche an und bieten nur schnelle Abhilfe für die fehlenden Schnittstellen zwischen Systemen, aber keine dauerhafte und robuste Lösung. Deshalb ist es erforderlich, sich wieder in den Maschinenraum zu trauen, also an das – oder die – zentralen Systeme in der Mitte der Bank, eben die Kernbankensysteme. Vereinfachen heißt, dass die Prozesse wieder dorthin führen, wo auch die eigentliche Verarbeitung stattfindet. Und das erfordert zunächst eine genaue Analyse dieser Prozesse, um Brüche zu erkennen und zu hinterfragen. Das bedeutet natürlich nicht, dass dann auch tatsächlich jede Funktion wieder direkt in diesem Kernsystem initiiert werden muss. Vielmehr muss es eine moderne Servicearchitektur ermöglichen, dass die Kernprozesse von außen bedient werden können. Dabei sollte nicht eine praxisferne Diskussion über Mikroservices oder Architekturmodelle im Vordergrund stehen, sondern der konkrete Nutzen: Es kommt darauf an, solche Services sinnvoll, mit Blick auf den Nutzer und dessen fachliche Anforderungen zu gestalten. 58 09 // 2019

DIGITALISIERUNG Zeedin, ein Beispiel aus der Vermögensverwaltung Wie so etwas aussehen kann, zeigt das Beispiel der digitalen Vermögensverwaltung Zeedin des Bankhauses Hauck & Aufhäuser, die direkt in das Kernbankensystem integriert wurde. Sobald ein neuer Kunde ein Konto eröffnet, greift die Web-Funktion auf einen Service im Kernsystem zu. Kundenkonto und -depot werden dort komplett ohne manuellen Eingriff angelegt. Ebenso werden Kontosaldo und Depotbestand über eine serviceorientierte Architektur abgefragt, und es müssen keine Schattenbestände von Stammdaten in Frontsystemen vorgehalten werden. Das Kernbankensystem bleibt die Single Source of Truth, die einzige „Quelle der Wahrheit“. Das vereinfacht die Abläufe und reduziert die Fehlerquellen. Und natürlich ist auf Basis dieser Services jederzeit auch die direkte Anbindung weiterer Dienstleistungen möglich, ohne dass nochmals in das Kernbankensystem eingegriffen werden muss. Voraussetzung für eine solche Lösung ist natürlich die intensive Kooperation zwischen der Bank – vor allem den Abteilungen IT und Prozessorganisation – und dem Hersteller der Bankensoftware, sodass die Anforderungen präzise definiert und umgesetzt sowie bestehende Lösungen erweitert werden können. Auch wenn durchgängige End-to-End-Prozesse erst durch eine Kernbankenplattform in Form einer offenen Banking Engine möglich sind, so muss auch diese Lösung auf die Kundenanforderungen hin individualisiert werden. Die Dynamik einer solchen Lösung lässt keine klassischen Release-Zyklen mehr zu. Vielmehr sind agile Sprints gefragt, die eine schnelle Anpassung der Lösung an die Kundenbedürfnisse ermöglichen. Im Zeedin-Projekt lagen lediglich zwei Monate zwischen der Abnahme der Spezifikation für das direkte Onboarding von Kunden und der Auslieferung einer ersten Version durch den Kernbanken-Systemhersteller. Nach weniger als fünf Monaten konnten diese Services live gehen. Ein Continuous Deployment in einem hoch regulierten Umfeld mit weiterhin komplexen Prozessen wird wohl für das eigentliche Kernbankensystem zunächst noch ein Wunschtraum bleiben. Eine deutliche Beschleunigung halbjährlicher oder jährlicher Release-Zyklen aber ist heute schon möglich. Durch enge Zusammenarbeit konnten im Beispielfall kurze Entwicklungssprints mit einer Maximaldauer von zwei Monaten beim Hersteller und ebenso kurze Testzyklen bei der Bank dargestellt werden, um rasch auf Markt- und Kundenanforderungen reagieren zu können. FAZIT Nur wer sich in den Maschinenraum der Banken traut, kann wirklich nachhaltig innovativ sein und die Digitalisierung seines Instituts voranbringen. Dazu braucht es drei Dinge: erstens den Willen und die Bereitschaft zur Veränderung gewohnter und vielleicht liebgewonnener Abläufe, zweitens eine Gesamtbanken-Lösung mit offener Architektur, und drittens eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Anwenderbank und Software-Hersteller. So manche Lösung ist sicher auch für mehrere Banken interessant, sodass es sich lohnt, verstärkt über eine Kooperation mit anderen Instituten nachzudenken. Autor Klaus J. Friese, Geschäftsführer von Die Software Peter Fitzon, Ebersberg. 09 // 2019 59

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