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diebank 09 // 2019

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MANAGEMENT INTERVIEW

MANAGEMENT INTERVIEW Knacken kann man die Kunden nur über echten Mehrwert In Deutschland gibt es immer mehr Bezahlverfahren. Doch bevor sich der Kunde für eine neue Methode entscheidet, braucht er meist viel Zeit. Welche Anforderungen muss das perfekte Zahlungsverfahren erfüllen? Zahlen die Deutschen im Handel bald nur noch mit dem Smartphone? Darüber sprach unsere Autorin mit Dr. Ernst Stahl. Er ist Research Director der ibi research GmbH an der Universität Regensburg und dort im Kompetenzzentrum „Digital Commerce & Payment”. Das Institut bildet seit 1993 eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis. die bank: Online-Bezahlverfahren und mit ihnen die Branche der Zahlungsabwickler boomen. Welche großen Trends sehen Sie? Dr. Ernst Stahl: Die Wahrheit über das Bezahlen hat der Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg, der von 1742 bis 1799 lebte, sehr gut auf den Punkt gebracht. Er sagte: „Es gibt Leute, die gut zahlen, die schlecht zahlen, Leute, die prompt zahlen, die nie zahlen, Leute, die schleppend zahlen, die bar zahlen, abzahlen, draufzahlen, heimzahlen – nur Leute, die gern zahlen, die gibt es nicht.“ die bank: Und das bedeutet für die Branche bitte was? Stahl: Usability ist alles, Innovationen beim Bezahlen müssen echte Kundenprobleme lösen oder Mehrwerte bieten. Das ist für mich der erste große Trend. Die Umsetzung wird seit Inkrafttreten der Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 Mitte September 2019 jedoch erschwert, weil die Zwei-Faktor-Authentifizierung den Prozess zwar sicherer, aber komplizierter macht. Als zweiten Trend beobachte ich, dass Händler wie Amazon und Zahlungsanbieter wie Paypal vermehrt Kauf auf Rechnung anbieten, weil dabei die Zwei-Faktor-Authentifizierung entfällt. Das setzt natürlich ein gutes Risikomanagement voraus, da die Gefahr des Zahlungsausfalls bei der Rechnung am größten ist. Als dritten Trend schließlich sehe ich, dass auch die Bedeutung der Lastschrift steigt, bei der der aufwendige Identitätsnachweis gleichfalls entfällt. die bank: Die deutschen Banken und Sparkassen bieten ihren Kunden mit Paydirekt und Giropay zwei verschiedene Verfahren an, wie beurteilen Sie den Erfolg dieser Angebote? Stahl: Bezahlverfahren müssen drei Anforderungen erfüllen: erstens einen hohen Komfort dank hoher Usability, großer Akzeptanz beim Kunden, möglichst schneller Abwicklung sowie einfacher Integration ohne Prozessbrüche. Zweitens wird hohe Sicherheit gewährt, wenn der Prozess operativ sicher ist, der Kunde zuverlässig die Ware erhält und der Händler sicher sein Geld. Drittens schließlich sind niedrige Kosten unerlässlich. Der Kunde will fürs Bezahlen nichts zahlen. Und der Händler so wenig wie möglich. Verfahren wie Paydirekt, Giropay und Sofortüberweisung sind aus Sicht der Händler preislich sehr fair. die bank: Dann müssten ja eigentlich diese Anbieter einen extrem großen Zulauf haben, was aber nicht der Fall ist. Zudem wurde jüngst bekannt, dass nicht mehr alle der 375 Sparkassen ihren Kunden Paydirekt anbieten werden. Außerdem wollen Banken wie ING, Santander und Targo ihre Anteile an Paydirekt abgeben. Stahl: Der deutsche Verbraucher ist sehr träge. Warum soll er sich für ein neues Verfahren entscheiden, wenn er mit seinem bislang bevorzugten zufrieden ist? Händler oder Zahlungsanbieter können Anreize bieten, um ein Verfahren zu pushen, etwa indem sie kostenlose Retouren als Mehrwert anbieten, oder ein Verfahren bremsen, indem sie Gebühren für Kreditkarten erheben. Im Rahmen von PSD2 wird aber auch das schwieriger, weil gängige Bezahlverfahren nicht diskriminiert werden dürfen. die bank: Laut Medienberichten wollen die Banken und Sparkassen ihre Angebote in einem neuen Zahlsystem „X-Pay“ bündeln. Was müsste ein weiteres, so spät startendes Bezahlsystem auszeichnen, damit es Erfolg haben kann? 24 09 // 2019

MANAGEMENT Stahl: Wenn es tatsächlich ein ganz neues Verfahren geben sollte, wären die Hausaufgaben die gleichen wie beim Start von Paydirekt oder jedem anderen neuen Bezahlverfahren: Man muss Händler akquirieren und Kunden gewinnen. Die meisten Händler bieten aber schon diverse Zahlmethoden, und auch die Kunden haben ihre bevorzugten Verfahren. die bank: Eine neugegründete Allianz aus europäischen Zahlungsanbietern, die European Mobile Payment Systems Association (EMPSA), will einen Standard für das europaweite Bezahlen mit dem Smartphone entwerfen und damit die US-Anbieter wie ApplePay angreifen. Welche Chancen räumen Sie diesem Vorhaben ein? Stahl: Dahinter stehen ja u. a. das österreichische Start-up Bluecode sowie sechs weitere Gründungsmitglieder. In Regensburg kann ich das System aktuell bei zwei Händlern in vier Filialen nutzen, in Österreich ist es hingegen schon weiter verbreitet. Wie bei jedem neuen Bezahlverfahren stellt sich die Frage: Was ist der Mehrwert für Händler und Endkunde? Man darf nicht vergessen: Dem Kunden fehlt doch in der Regel nichts. Und seit Deckelung der Gebühren kann er ja auch europaweit und in Deutschland problemlos mit seiner Kreditkarte zahlen. „Knacken“ kann man den Kunden somit nur über echten Mehrwert, den er auch selbst erkennt und nutzen möchte. die bank: Deutschland gilt eigentlich als Land der Barzahler. Im vergangenen Jahr wurde allerdings im stationären Einzelhandel erstmals mehr Geld per Giro- und Kreditkarte ausgegeben als in bar. Welche Trends sehen Sie, und welche Chancen räumen Sie neuen Methoden wie Bezahlen mit dem Smartphone ein? Stahl: Diese Aussage gilt aber nur, wenn man die Umsätze betrachtet. Mit Blick auf die Transaktionen entfallen immer noch 75 Prozent aller Einkäufe im Einzelhandel auf das Bargeld. Techies und Zahlungsverkehr-Nerds sind sicher für neue Methoden sehr aufgeschlossen. Und in einem Land wie China, das lange underbanked war, hat sich Zahlen mit dem Smartphone viel schneller durchgesetzt. In Deutschland ist das eher ein Marathon und kein Sprint. Der Bargeldanteil sinkt im Schnitt jährlich um ein bis 1,5 Prozent. Auch der Vergleich mit Schweden oder Finnland hilft nicht wirklich. Das sind große Länder mit wenig Einwohnern, in denen sie nicht an jeder Ecke Bargeld bekommen. In Deutschland gibt es mittlerweile bei Händlern fast genauso viele Bargeldausgabestellen wie es auch Geldautomaten gibt. die bank: Welche Auswirkungen wird die EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 auf die Branche haben, wenn auch FinTechs mit Erlaubnis der BaFin als Zahlungsauslöse- und Kontoinformationsdienst agieren dürfen? Stahl: In das klassische Bankgeschäft drängen sich damit neue Anbieter. Für bestimmte Dienstleistungen geht der Kunde dann ggf. zu diesen und braucht die Bank seltener. Letztlich verbindet der Gesetzgeber mit PSD2 den Anspruch, verkrustete Marktstrukturen aufzubrechen. Wie einst bei der Telekommunikation öffnet er das System für Dritte. Die neuen Spielregeln sollen auf Basis von Open Banking Mehrwerte für die Kunden generieren. die bank: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Wie bezahlen Sie selbst am liebsten? Stahl: Ich zahle am liebsten kontaktlos mit der Girocard oder mit dem Smartphone mit hinterlegter Kreditkarte, weil das am schnellsten geht, und ich bin immer froh, wenn niemand vor mir das Portemonnaie zückt. Laut einer Studie dauert kontaktloses Bezahlen elf Sekunden, die Barzahlung 24 Sekunden. Nutzt jemand die Girocard mit PIN, steht er 23 Sekunden an der Kasse. die bank: Herr Stahl, vielen Dank für das Gespräch. Die Fragen stellte Eli Hamacher. 09 // 2019 25

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