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diebank 08 // 2020

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MANAGEMENT pierbuchungen

MANAGEMENT pierbuchungen global ermöglicht, ist nur eine der häufig zum Einsatz kommenden Technologien. Insbesondere der Zahlungsverkehr mit verhältnismäßig niedrigen regulatorischen Einstiegshürden gehört zu den hart umkämpften Teilsegmenten, die noch vor einigen Jahren ausschließlich klassisches Territorium der Banken und deren Kerngeschäft waren. PayPal als einer der bekanntesten Dienstleister in diesem Segment hat nach eigener Aussage allein in Deutschland 20,5 Millionen Kunden. Das aus London geführte FinTech Transferwise wird inzwischen nach seiner letzten Kapitalrunde mit 5 Mrd. US-$ bewertet. Im Finanzierungsbereich gibt es eine Reihe von FinTechs, die sich auf Crowdfunding, Kredite oder Factoring konzentrieren und damit ein Gegenangebot zum Bankdarlehen bieten. Das Konzept von Crowd-Finanzierungen basiert auf der Idee, dass die klassische Bank als Darlehensgeber von der sogenannten Crowd („Menge“) abgelöst wird, also einer Vielzahl von Einzelpersonen oder Unternehmen, die finanzielle Mittel für ein Vorhaben zur Verfügung stellt – sowohl im reinen Konsumentenbereich (C2C), als auch in der Konstellation B2C oder B2B. Beim Crowdfunding agiert die Crowd als Sponsor eines Vorhabens. Beim Crowdinvesting hingegen werden die Anleger Anteilseigner des finanzierten Unternehmens. Crowdlending wiederum zeichnet sich dadurch aus, dass Anleger als Kreditgeber auftreten und Kredite mit vorher festgelegtem Zinssatz vergeben. Bei allen Formen der Crowd-Finanzierung treten FinTechs als Vermittler zwischen Anleger und finanziertem Unternehmen auf; ihre eigene Marge erzielen sie durch die Erhebung von Gebühren im Fall einer erfolgreichen Finanzierung. Ein weiterer von FinTech-Innovationen geprägter Bereich ist das Factoring, bei dem durch den Verkauf offener Forderungen an Dritte eine direkte Liquiditätssteigerung einer Unternehmung herbeigeführt wird. Banken verlangen für diese Art der Finanzierung häufig einen gewissen Mindestumsatz ihrer Geschäftskunden. FinTechs hingegen ermöglichen auch Unternehmensgründern und Freiberuflern, denen eine Umsatzhistorie fehlt, auf eine Finanzierung mittels echtem oder unechtem Factoring zurückgreifen zu können. Auch in den Bereich der Anlageberatung drang die Digitalisierung vor: Robo Advisors erstellen auf Basis von individuellen Risikoprofilen bzw. Risikopräferenzen Anlageempfehlungen, treffen Algorithmus-basierte Anlageentscheidungen für die Kunden und managen deren Wertpapierportfolios. Dieser Algorithmus basiert auf einer breitgefächerten Datenerhebung, die unter anderem die Risikobereitschaft, die Laufzeit und andere vom Kunden anvisierte Ziele berücksichtigt und wird fortlaufend mit neuen Informationen aktualisiert. Der menschliche Anlageberater in der Bankfiliale, der eine individuelle und persönliche Kundenberatung vornimmt, wird so durch einen vollautomatisierten, schnelleren und weniger fehleranfälligen Robo Advisor ersetzt. Grenzen des stetigen Wachstums und Symbiosen Die Euphorie der Startphase, in der viele Fin- Techs von Disruption und Verdrängung klassischer Banken träumten, ist inzwischen einer realistischeren Betrachtungsweise gewichen. Umgekehrt entdeckten auch die Finanzinstitute das Potenzial von FinTechs und öffneten sich für deren Geschäftsideen. Seitdem haben sich die meisten Banken eine Erweiterung des klassischen Dienstleistungsangebots auf die Fahnen geschrieben, zum Teil durch selbstständige, integrative Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle, zum anderen durch die Kooperation mit konkurrierenden jungen Anbietern. Ein Zusammenschluss kann für beide Seiten Vorteile bieten, zumal oft ein Abhängigkeitsverhältnis vorliegt. Um ihr Portfolio vollends entwickeln und ausschöpfen zu können, benötigen viele FinTechs Hilfe von Banken, um Zugang zu deren Kundenstämmen zu erhalten. Als Kooperationspartner werden Banken spätestens dann benötigt, wenn erlaubnispflichtige Geschäftsideen angeboten werden sollen. Schließlich haben Banken vielfältige Refinanzierungsmöglichkeiten, die sie Startups zugänglich machen können, und bieten zudem eine höhere Reputation bzw. Seriositätsgewähr, die gerade bei Finanzdienstleistungen einen entscheidenden Wettbewerbsfaktor ausmachen kann. Auf der anderen Seite machen sich die Banken die zukunftsweisenden Geschäftsideen der FinTechs zunutze und können im Zuge dessen ihre eigenen unternehmerischen Ziele, vorwiegend den Ausbau ihres Portfolios, vorantreiben, um damit auch für ihre Kunden – primär im Firmenkundensegment – attraktiv zu bleiben. Das zu Beginn bestehende Konkurrenzdenken wurde vielerorts durch Symbiosen abgelöst und hat die Scheuklappen in Bezug auf ein gegenseitiges Verdrängen und den alleinigen Erfolg beseitigt. Dieser Befund wird bestätigt durch viele aktuelle Entwicklungen: große Banken betreuen neue B2B-FinTechs mittels Corporate Venture Funds und Inkubatoren, um diesen die Chance zu geben, das Maximale aus der ursprünglichen Geschäftsidee herauszuholen, um unter dem Schutz und durch die Erfahrung einer Großbank zu wachsen und um letztlich nicht direkt wieder vom Markt zu verschwinden. So investiert etwa die Commerzbank seit Jahren über den Main Inkubator und CommerzVentures in FinTechs, die sich sowohl in der Anfangsphase als auch schon in der Reifephase befinden. Durch die in den vergangenen Jahren zu verzeichnende erhebliche Steigerung von Investitionen in kooperative FinTechs zeigt sich, dass auch die klassischen Banken die Bedeutung der FinTechs erkannt haben und diese in ihre strategischen Überlegungen einbeziehen. Es wird verstärkt darauf gebaut, einander die Eigenschaften und Stärken zur Verfügung zu stellen, die dem jeweils anderen noch fehlen. 38 08 // 2020

MANAGEMENT Die Kooperation zwischen Banken und FinTechs kann dabei auf unterschiedlichste Arten erfolgen: durch die Nutzung von Fin- Techs als strategische Partner, durch Investitionen in FinTechs, durch die bloße Inanspruchnahme der Dienstleistungen von Fin- Techs oder aber durch eine Mehrheitsbeteiligung seitens der Banken an FinTechs. Dabei stellen strategische Partnerschaften aufgrund der geringen Eintrittsbarrieren die beliebteste Kooperationsform dar. So ist die Deutsche Bank beispielsweise bereits vor fünf Jahren eine Kooperation mit dem Start-up Gini eingegangen, das Daten aus Fotos und Scans extrahiert und den Bankkunden im Online Banking vorausgefüllte Überweisungsmasken zur Bezahlung von Rechnungen zur Verfügung stellt. Von den effizienteren Prozessen und dem verbesserten Kundenerlebnis profitiert vor allem auch die Deutsche Bank. Mehrheitsbeteiligungen oder gar komplette Übernahmen bleiben bisher die Ausnahme. Durch derartige Akquisitionen sichert sich eine Bank zwar einen zeitlich unbefristeten Zugang zum Know-how des FinTechs; allerdings treffen hier häufig sehr unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander, die eine Zusammenarbeit erschweren. Dass bei den Banken besonders B2B-FinTechs beliebt sind, zeigt sich daran, dass laut dem Finance Magazin bei zwei Drittel der insgesamt 147 Start-up- Beteiligungen von Banken das Firmenkundengeschäft im Vordergrund steht. „FinTech as a service" wird als selektive Inanspruchnahme von Dienstleistungen durch Banken als Kunden des FinTechs verstanden, wobei das FinTech sowohl für die Bereitstellung und Erbringung der Dienstleistung als auch für die stetige Weiterentwicklung seines Produkts allein verantwortlich ist. So nutzt beispielsweise die Commerzbank das Video-Legitimationsverfahren von IDnow für digitale Kontoeröffnungen. Und gerade im Hinblick auf die Corona-Krise zeigt sich, dass perspektivisch ein Großteil der Bevölkerung digitale und kontaktlose Dienstleistungen auch im Bankbereich der persönlichen Beratung vorziehen bzw. vorziehen müssen wird. Neben den technischen Vorteilen, die Fin- Techs sowohl als eigenständige Finanzdienstleister als auch in Kooperation mit Banken bieten, sorgt auch die Suche von Investoren nach Alternativen zur langandauernden Niedrigzinsphase im Euroraum dafür, dass das generelle Investitionsinteresse in digitale Geschäftsideen im Finanzsektor nach wie vor ungebrochen ist. Gleichwohl muss in diesem Zusammenhang auch die Kehrseite der Medaille betrachtet werden: die mit der Digitalisierung einhergehenden Risiken. Aus Kundensicht besteht insbesondere die Gefahr, dass die Automatisierung und besonders die Beratung, die mittels Algorithmen durch Datenerhebung erfolgt, zu Datenschutzverletzungen führen können. FinTech-Finanzdienstleister sind prädestiniert, Ziele von Hacker-Angriffen oder Cyber-Attacken zu werden, weil sie durch die breit angelegte Datenerhebung eine enorme Angriffsfläche bieten. Adressaten des Risikos sind nicht nur die FinTechs, sondern auch ihre Kunden, gleich, ob die jeweilige Dienstleistung im Rahmen des Zahlungs,- Beratungs,- oder Anlagegeschäfts erfolgt. Die Aufsichtsbehörden stehen vor der Herausforderung, mit den schnellen technischen Veränderungen Schritt zu halten. Zwar achten sie darauf, dass FinTechs nicht ohne Kooperation mit Banken erlaubnispflichtige Bankgeschäfte erbringen, wodurch das übliche Schutzniveau in Bezug auf Know- Your-Customer-Prozesse und Geldwäschestandards gewährleistet bleibt. Gleichwohl sind die neuen Technologien für nicht unerhebliche Betrugsrisiken anfällig, die ein feines Nachtarieren der aufsichtsrechtlichen Bestimmungen erfordern. Die richtige Balance, technologische Weiterentwicklung zu erlauben, innovative Geschäftsmodelle bei Finanzdienstleistungen zum Wohle der Kunden zuzulassen und gleichzeitig die Seriosität dieser Angebote zu gewährleisten, ist eine delikate Gratwanderung, die viel Kommunikation und wechselseitige Information erfordert. Autor FAZIT Trotz der nicht unerheblichen Risiken, die eine Digitalisierung unweigerlich mit sich bringt, überwiegen eindeutig die Chancen, die FinTechs dem gesamten Finanzmarkt eröffnen, und die bisherigen Prozesse der Finanzindustrie und deren Produktangebote werden nachhaltig verändert. FinTechs sollten deshalb nicht als Bedrohung, sondern als Chance für klassische Banken gesehen werden, um einen perspektivisch langfristigen Wandel des eigenen Geschäftsmodells zu erreichen. Dr. Dietmar Helms ist Partner in der internationalen Wirtschaftskanzlei Hogan Lovells in Frankfurt am Main und Experte für Verbriefungstransaktionen. Er berät bei Benchmark-Transaktionen und verhilft Start-ups dazu, maßgeschneiderte strukturierte Finanzierungen aufzunehmen. Der Autor dankt den Kolleginnen Katharina Wollmert und Victoria Dehnert für die Mitarbeit an diesem Beitrag. 08 // 2020 39

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