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diebank 07 // 2020

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT Leider hat sich

MARKT Leider hat sich der deutsche Finanz-Journalismus in der Causa Wirecard nicht mit Ruhm bekleckert, wir selbst eingeschlossen. Der Österreicher Braun und seine Genossen wurden hierzulande zu lange als innovative Payment-Gurus gefeiert. Selbstkritisch schrieb Publizist Gabor Steingart Mitte Juli: „Die 4. Gewalt in Deutschland – da hilft kein Beschönigen mehr – hat mindestens genauso versagt wie alle anderen Gewalten davor und danach. (…) Aber die ursprüngliche Schuld – das gemeinsame Verpennen dieser Affäre – wird durch den Versuch ihrer kollektiven Beschönigung nur vergrößert. Deshalb sollten wir es lassen“ – dem habe ich nichts hinzuzufügen. BaFin wehrt sich gegen Kritik In der Kritik steht nun auch die deutsche Finanzaufsicht. Der Tübinger Rechtsanwalt Andreas Tilp preschte vor und reichte am 23. Juli vor dem Landgericht Frankfurt eine Schadenersatzklage ein. Sein Vorwurf lautet auf jahrelangen Amtsmissbrauch der BaFin im Fall Wirecard; die Behörde habe „zumindest leichtfertig ihre gesetzlichen Pflichten zum einen zur Aufklärung, Verhinderung und Anzeige von Marktmanipulationen der Wirecard AG und zum anderen zur richtigen, vollständigen und nicht irreführenden Information der Öffentlichkeit und des Kapitalmarktes verletzt“, so Tilp. Die Tübinger Kanzlei strebt ein Musterverfahren („Sammelklage“) an und wirft der BaFin vor, sie habe jahrelang ihre gesetzlichen Aufgaben ignoriert, nicht wegen möglicher Marktmanipulation ermittelt und einseitig gegen Journalisten und Leerverkäufer agiert. „Hätte sie ordnungsgemäß ermittelt, wäre der Bilanzbetrug am Freitag, dem 15. Februar 2019, längst öffentlich bekannt gewesen.“ „Die BaFin teilt die von der Kanzlei Tilp geäußerte Rechtsansicht ausdrücklich nicht, sie habe leichtfertig ihre Pflichten zur Aufklärung und Anzeige von Marktmanipulationen und Information verletzt. Die BaFin ist sämtlichen Hinweisen, die sie erhalten hat, pflicht- gemäß nachgegangen“, sagte eine Sprecherin der Behörde zu „die bank“. Sie erklärte weiterhin, dass Amtshaftungsansprüche von Dritten gesetzlich ausgeschlossen seien, da die BaFin ihre Aufgaben und Befugnisse ausschließlich im öffentlichen Interesse wahrnehme, wie im Finanzdienstleistungsaufsichtsgesetz geregelt. Die Amtshaftung setze jedoch die schuldhafte Verletzung einer Amtspflicht voraus, die auch den Schutz eines geschädigten Dritten bezweckt. Darüber hinaus sei auch die von Tilp angedachte „Sammelklage“ aufgrund des im Kapitalanleger- Musterverfahrensgesetz (KapMUG) definierten Anwendungsbereichs gar nicht möglich. Überraschung bei der Commerzbank Für erhöhte Aufmerksamkeit sorgte dann auch die Commerzbank. An einem Freitagnachmittag Anfang Juli platzte am Frankfurter Kaiserplatz eine personalpolitische Bombe: Vorstandschef Martin Zielke bot dem Aufsichtsrat eine einvernehmliche Aufhebung seines Vertrags an, und Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann legte zugleich sein Mandat mit Wirkung zum 3. August nieder. Martin Zielke führte die Commerzbank seit Mai 2016 und wurde erst in diesem Frühling auch zum Präsidenten des Bankenverbands BdB gewählt - dieses Amt trat er Anfang August an seinen Vorgänger Dr. Hans- Walter Peters ab. Unter Zielke gab es gleich zwei Strategie-Neuauflagen, die aus der gelben Bank ein „digitales Technologieunternehmen“ machen sollen, zuletzt das Projekt „Commerzbank 5.0“ – das neben der Verschmelzung mit der Tochter comdirect aber auch den Abbau von weiteren 2.300 Mitarbeiterstellen und eine Reduktion auf nur noch 800 Filialen mit sich bringt. Im operativen Geschäft sollen bis 2023 so 600 Mio. € eingespart werden. Dafür müssen im gleichen Zeitraum aber erst einmal 1,6 Mrd. € für Restrukturierungsmaßnahmen und eine neue IT-Struktur investiert werden. Das Geld dafür sollte unter anderem aus dem Verkauf der 10 07 // 2020

MARKT polnischen Tochter mBank kommen. Dafür ließ sich aber am Markt offensichtlich kein adäquater Preis erzielen; offiziell wurde das aktuelle Umfeld der Corona-Krise angeführt, jedenfalls verkündete die Commerzbank in diesem Mai, die mBank behalten zu wollen. Doch der Großaktionär Cerberus war unzufrieden mit den Veränderungen und lancierte im Juni in einer aufsehenerregenden Aktion einen Brandbrief, in dem die Amerikaner wohl sogar mit einer „Aktionärsrevolte“ gedroht haben sollen. Das Handelsblatt, dem das fünfseitige Schreiben vorlag, bezeichnete die Wortwahl als sehr ruppig und zitierte daraus: „Die unausgereiften und mangelhaft umgesetzten Bemühungen des Managements, den Niedergang der Commerzbank zu verhindern, demonstrieren ein Maß an Fahrlässigkeit und Arroganz, das wir nicht länger hinnehmen wollen.“ Laut der Zeitung hat die Commerzbank für den amerikanischen Finanzinvestor die Kosten nicht entschieden genug gedrückt. Gut vorstellbar, dass sich Martin Zielke eine Einmischung in seine Arbeit in dieser Form nicht länger bieten lassen wollte und deshalb anbot, „den Weg freimachen“ zu wollen: „Die Bank braucht eine tiefgreifende Transformation und dafür einen neuen CEO, der vom Kapitalmarkt auch die notwendige Zeit für die Umsetzung einer Strategie bekommt.“ Zielke sprach von erkennbaren strategischen Fortschritten, aber auch von einer unbefriedigenden finanziellen Performance der Bank. „Und dafür trage ich als CEO die Verantwortung“, hieß es in der Ankündigung seines Rückzugs. Die Wege des 57-jährigen Managers und der Bank werden sich spätestens zum Jahresende trennen, über die Nachfolge wurde bislang noch nichts bekannt. Auch Aufsichtsratschef Schmittmann bezog sich auf die Strategie „Commerzbank 5.0“. Diese habe keine ausreichende Akzeptanz im Kapitalmarkt gefunden, wofür er sich selbst in der Verantwortung sehe. Der Bank stünden kraftraubende und anstrengende tiefgreifende Veränderungen bevor, dieser Prozess sollte „frei sein von immer wieder aufflammenden Personaldebatten und Diskussionen“. Deutsche Bank „rasant zum Besseren“ Und Branchenprimus Deutsche Bank? Sie treibt weiter ihre Strategie „Compete to win“ voran. „Antreten, um zu gewinnen“, das klingt nach einem neuen Selbstbewusstsein. Und so erläuterte Vorstand Fabrizio Campelli, der das Transformationsbüro leitet, in einer Zwischenbilanz nach zwölf Monaten Anfang Juli, man arbeite „sehr hart dafür, dass die Deutsche Bank in fünf Jahren wieder nachhaltig profitabel und für Kunden und Aktionäre noch attraktiver ist“. Die Bank verändere sich „rasant zum Besseren“. Bis 2022 sollen die Kosten deutlich sinken und die Bank effizienter und schlagkräftiger werden. Teil der Strategie waren die Schaffung der Unternehmensbank und der Kapital-Abbaueinheit CRU sowie der neue Zuschnitt der Investmentbank. Aber auch in der Taunusanlage stehen für die Mitarbeiter harte Einschnitte bevor, u. a. sollen 18.000 Vollzeitstellen bis 2022 wegfallen. Sympathische Geste in diesem Zusammenhang: Vorstand und Führungskomitee verzichteten auf einen Monat Festgehalt. Zudem setzt die Bank nun verstärkt auf Nachhaltigkeitsthemen und unterstreicht die Ernsthaftigkeit dieses Kurswechsels, indem der Vorstandschef selbst den konzernweiten Nachhaltigkeitsrat führt. Bis zum Jahr 2025 will die Deutsche Bank laut Sewing mindestens 200 Mrd. € an nachhaltigen Finanzierungen und Anlageprodukten im ESG-Bereich generieren. Auf der Webseite mehrten sich zuletzt Meldungen über „grüne“ Themen, wie die Finanzierung einer riesigen Solaranlage in Spanien, und just zum Redaktionsschluss dieses Beitrags kam die Nachricht, dass die Deutsche Bank sich weltweit spätestens bis 2025 komplett aus dem Bereich des Kohleabbaus zurückziehen wird. Auch in der Öl- und Gasbranche würden künftig beispielsweise neue Projekte in der Arktis nicht mehr finanziert, ebenso wenig Förderungen per Fracking in Ländern mit Wasserknappheit. Corona-Auswirkungen noch nicht absehbar Aber kommen wir noch mal zur TOP 100-Tabelle zurück. Unterm Strich haben sich die addierten Bilanzsummen der 100 größten Institute des Landes im Geschäftsjahr 2019 um 3,07 Prozent erhöht, nachdem die Summe im Jahr zuvor um 1 Prozent rückläufig gewesen war. Betrachtet man nur die Top Ten, beträgt der Zuwachs noch 2,62 Prozent. Ein ganz klein wenig hat sich die deutsche Bankenlandschaft also erholt. Bestehen bleibt derweil der Abstand im Bankenmarkt zwischen wenigen sehr starken und vielen kleineren Häusern. Die zehn größten zehn Institute stehen für 64,57 Prozent der addierten TOP 100-Bilanzsumme. Richtig spannend dürfte es dann im kommenden Jahr werden, wenn sich die Auswirkungen der Corona-Pandemie in den Bilanzen niederschlagen. Denn noch ist nicht abzuschätzen, was die globale Krise für die deutschen Banken bedeuten wird. Sicher ist nur: leicht wird es nicht. Die Durchhalteparole von Christian Sewing scheint nicht verkehrt, der auf der (natürlich virtuellen) Hauptversammlung seiner Deutschen Bank im Mai die Devise ausgab, es gelte „unsere Bank noch wetterfester machen – oder sagen wir besser: sturmfest“. Niemand wisse um die folgenden Effekte dieser Pandemie. „Wir können zwar nicht die Stärke des Sturms bestimmen, wohl aber die Stabilität unseres Schiffs.“ Autorin: Anja U. Kraus. 07 // 2020 11

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