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die bank 10 // 2020

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MANAGEMENT INTERVIEW

MANAGEMENT INTERVIEW WIRECARD HAT VERTRAUEN DER AKTIONÄRE GEKOSTET Sie hat die Aktienkultur im Blick: Seit acht Jahren ist Dr. Christine Bortenlänger Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts in Frankfurt. Auch bei ihrem vorherigen Job lag ihr Fokus auf Wertpapieren. Die gebürtige Münchnerin, die eigentlich Landwirtschaft oder Medizin studieren wollte, war von 1998 bis 2012 bei der Börse München, zuletzt als Geschäftsführerin. Mit unserer Autorin sprach Bortenlänger über Geldanlage in der Pandemie, Aussteiger, Absteiger und ihre persönlichen Anlageprinzipien. die bank: Vor sechs Jahren sind die ersten Robo-Advisor mit viel Vorschusslorbeeren gestartet. Mittlerweile macht sich eher Ernüchterung breit. Was ist schiefgelaufen? Christine Bortenlänger: Ich würde nicht sagen, dass da etwas schiefgelaufen ist. Robo Advisor sind digitale Anlagehelfer. Sie unterstützen Sparer bei der Geldanlage. Der Kunde gibt an, wie viel Risiko er eingehen möchte, und der Algorithmus schlägt eine passende Geldanlage vor. Nicht jeder Algorithmus führt zwangsläufig zum Erfolg. Wir sollten den Robo Advisors noch etwas Zeit geben und dann beurteilen, ob sie im Schnitt gute Ergebnisse erzielen. die bank: Welchen Einfluss hat das extreme Auf und Ab an den Aktienmärkten seit Ausbruch von Covid-19 auf die Aktienkultur? Der DAX schwankte in der Zeit zwischen gut 8.000 und zuletzt einem Fast-Rekordhoch von mehr als 13.000 Punkten. Bortenlänger: Zwischen Ende Februar und Mitte April 2020, also in Zeiten des Lockdowns, haben Privatanleger in Deutschland 60 Prozent mehr DAX-Aktien gekauft als sie verkauften. Das ist natürlich erfreulich. Ob dieser Trend zu einem dauerhaften Aktienengagement führt, kann ich jetzt noch nicht beurteilen. Wer die Gelegenheit beim Schopf gepackt und in den DAX investiert hat, kann sich jedenfalls über einen schönen Kursanstieg freuen. die bank Seit Wochen beschäftigt die Milliarden-Pleite von Wirecard, immerhin ein ehemaliger DAX-Wert, auch viele geschädigte Kleinanleger. Was bedeutet diese Pleite für das Vertrauen in den Finanzmarkt? Bortenlänger: Sicherlich hat der Fall Wirecard Vertrauen gekostet. Wer breit gestreut angelegt hat – was wir immer wieder betonen – hatte ein begrenztes Risiko. Die Entwicklung des DAX, die kaum davon berührt war, zeigt das deutlich, der DAX ist seit Ende Juni weiter gestiegen. Dennoch werden, wenn klar ist, was bei 38 10 // 2020

MANAGEMENT Wirecard schiefgelaufen ist, Lehren gezogen werden können. Allerdings ist es bisher keinem Rechtssystem der Welt gelungen, durch immer mehr Gesetze einen hundertprozentigen Schutz vor kriminellem Vorgehen zu erreichen. die bank: Zu den negativen Börsennachrichten zählte neben Wirecard auch der angekündigte Börsenrückzug der Startup-Brutmaschine Rocket Internet der Samwer Brüder. Wie stark nimmt das Vertrauen der Kleinanleger durch solche Schritte Schaden? Bortenlänger: Diesen Börsenruckzug sehen wir durchaus kritisch. Nach Aussagen von Rocket Internet lohnt sich die Börsennotierung für das Unternehmen nicht mehr, weil man sich auf anderem Weg besser finanzieren kann. Die Entscheidung belegt, dass Deutschland bei der Börsennotierung und den damit einhergehenden Pflichten zu viele bürokratische Hürden hat. Hier muss die Politik endlich gegensteuern. die bank: Für Schlagzeilen sorgte auch das Biotechnologieunternehmen Curevac, das einen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt und an dem sich jüngst der Bund beteiligt hat. Am 14. August ist das Tübinger Unternehmen an die Nasdaq gegangen. Warum ist der Finanzplatz Deutschland so unattraktiv, was muss sich ändern? Bortenlänger: Um Börsengänge in Deutschland attraktiver zu machen, müssen unter anderem die steuerlichen Rahmenbedingungen verbessert und Aktien ein fester Bestandteil des Altersvorsorgesystems werden. Dann können die in Aktien angelegten Gelder entweder direkt oder indirekt über Fonds in Börsengänge der heimischen Wirtschaft fließen. Zudem signalisieren erfolgreiche Börsengänge internationalen Investoren gute Anlagemöglichkeiten. die bank Für eine angemessene Altersvorsorge hält das DAI Aktien für unerlässlich. Was kann Deutschland von anderen Ländern lernen? Bortenlänger: In unserer Studie „Altersvorsorge mit Aktien zukunftsfest machen“ haben wir acht Länder untersucht, die Aktien in der Altersvorsorge erfolgreich einsetzen. In Schweden beispielsweise legen die Arbeitnehmer einen festen Anteil ihrer gesetzlichen Rentenbeiträge in Aktien-, Renten- oder Mischfonds an. Alle Arbeitnehmer profitieren so von der Anlage am Kapitalmarkt. die bank Im März hat die Bundesregierung Regelungen zur virtuellen Hauptversammlung abgeschlossen. Warum ist aus Ihrer Sicht eine Verlängerung bis Ende 2021 dringend erforderlich? Bortenlänger: Die Pandemie ist nicht vorüber, und die nächste Hauptversammlungssaison steht vor der Tür. Unternehmen wünschen sich mit Blick auf die Durchführung der Hauptversammlung Planungssicherheit. Man muss davon ausgehen, dass Anfang 2021 Großveranstaltungen immer noch nicht zulässig sein werden. Zudem ist es für die Anleger von Vorteil, wenn Unternehmen Klarheit haben und die verbleibende Zeit nutzen, um in Online-Systeme zu investieren, die die virtuelle Hauptversammlung weiter verbessern. die bank Welche Vorzüge hat eine Online-HV aus Sicht der Aktionäre? Bortenlänger: Eine Online-HV hat unter anderem den Vorteil, dass Aktionäre von überall auf der Welt daran teilnehmen können. Dies ist insbesondere für internationale Investoren von Bedeutung. Unternehmen berichten auch, dass die Qualität der Fragen zugenommen hat. die bank Wenn Sie einen Aktienlaien in 60 Sekunden von der Aktienanlage begeistern müssten, welche Argumente würden Sie wählen? Bortenlänger: Mit Aktien können sie auch mit wenig Geld in ein Unternehmen investieren und an dessen Entwicklung teilhaben. Das ist mit einem ETF-Sparplan auch mit 50 € im Monat möglich. Damit könnten sie Miteigentümer von Apple, Siemens oder Curevac sein. Ein solch breitgestreutes Investment hat in der Vergangenheit langfristig eine durchschnittliche jährliche Rendite von sechs bis neun Prozent erwirtschaftet. die bank Sind Frauen die besseren Anlegerinnen? Bortenlänger: Es heißt, dass Frauen häufig vorsichtiger bei der Geldanlage seien. Das hängt auch damit zusammen, dass sie über weniger Vermögen verfügen. Vorsicht kann bei der Aktienanlage auch hilfreich sein, wenn Frauen breit streuen und langfristig dabeibleiben. Wie eine alte Börsenweisheit schon sagt: Hin und Her macht Taschen leer. die bank Was sind Ihre persönlichen Anlageprinzipien? Bortenlänger: Breit streuen und langfristig dabeibleiben. Ich bin ein großer Fan von Sparplänen auf ETFs. Dabei achte ich darauf, dass Aktien einen Schwerpunkt bilden. die bank Frau Bortenlänger, vielen Dank für das Gespräch. Die Fragen stellte Eli Hamacher. 10 // 2020 39

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