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die bank 09 // 2022

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

DIGITALISIERUNG 2 |

DIGITALISIERUNG 2 | Tech-Schulden mit signifikantem Anteil am IT-Budget Anteil der Ausgaben für neue Projekte, die für die Senkung von Tech-Schulden verwendet werden in Prozent 0 - 5 % 7 6 - 10 % 24 grammierschnittstelle (API) zu nutzen, wie sie in modernen Systemen angeboten wird. Die Folge: Neuentwicklungen verzögern sich und die (internen) Auftraggeber werden enttäuscht. Für eine Bank beispielsweise, die eine Buy-Now-Pay-Later-Funktionalität in ihre Online-Banking-App integrieren möchte, kann eine überschuldete IT einen extrem hohen Entwicklungsaufwand bedeuten. Das Feature benötigt Zugriff auf verschiedene Systeme wie Karten, Konto, Kredite und Risiko. Besteht keine moderne Software- und Integrationsarchitektur, muss die App manuell in einen langen nicht gewarteten Code eingepasst werden. Pauschal gesagt: Je veralteter die Systeme, desto höher der Aufwand. Tech Debt lähmt Banken Von McKinsey befragte CIOs verschiedener Branchen berichteten im Jahr 2020, dass 10 bis 20 Prozent des für neue Produkte vorgesehenen Technologiebudgets für die Lösung von Problemen im Zusammenhang mit Technologieschulden aufgewendet wurden. Sie schätzten, dass sich Tech Debt auf 20 bis 40 Prozent des Werts ihres gesamten Technologiebestands vor Abschreibungen belief. In absoluten Zahlen ausgedrückt. können sich 50 bis 100 Mio. € Schulden für eine durchschnittliche Bank in Deutschland ergeben, deren Technologiebestand rund 250 Mio. € wert ist. Für größere Unternehmen können sich die unbezahlten Schulden auf Hunderte von Mio. € summieren. Zudem waren 60 Prozent der befragten CIOs der Meinung, dass die Tech-Schulden ihres Unternehmens in den letzten drei Jahren spürbar gestiegen seien ÿ 1. Banken spüren den Druck besonders. Die Digitalisierung in der Finanzbranche begann vergleichsweise früh. Im Schnitt besitzen die Institute deutlich ältere und komplexere IT- Landschaften als andere Industrien. Sehr viel mehr Geschäftsprozesse basieren auf IT, und Quelle: McKinsey-Umfrage 2021. 11 - 20 % 21 - 25 % 26 - 50 % 51 - 75 % es besteht eine hohe Abhängigkeit von teils veralteten Mainframes (Großrechnern). Hinzu kommt, dass das Bankenwesen stärker gesetzlich reguliert ist als die meisten anderen Branchen. Halbherzige Lösungen rächen sich Problem erkannt, Problem gebannt? Leider weit gefehlt. Insbesondere den CIOs ist der Handlungsbedarf zwar bewusst. Allerdings fehlt es ihnen oft an Einfluss, und die Verantwortlichen scheuen den Aufwand einer grundlegenden Aufarbeitung des Themas Tech Debt. Viele Unternehmen gehen die Verminderung von Tech-Schulden zu zaghaft an. Statt eines systematischen Abbaus entscheiden sie sich für kostengünstige Übergangslösungen und schieben die Aufgabe zugunsten kurzfristiger Vorhaben immer wieder auf die lange Bank. Systematisches Tech-Debt-Management ist selten. Mit angezogener Handbremse vorzugehen, ist jedoch gefährlich. Denn wird der Berg an aufgeschobenen Modernisierungen zu groß, beginnt eine Abwärtsspirale. Die technischen Schulden geraten außer Kontrolle und können den Unternehmenserfolg ernsthaft gefährden. 2 11 16 40 Eine McKinsey-Analyse der Technologieverschuldung von 220 Unternehmen in fünf Regionen und sieben Industrien macht den Zusammenhang zwischen dem Stand der Verschuldung und dem Geschäftserfolg greifbar. Die Studie zeigt: Unternehmen, die weniger technologischen Ballast tragen, erzielen signifikant bessere Ergebnisse. ÿ 2 zeigt den Anteil der Ausgaben für neue Projekte, die für die Senkung von Tech-Schulden verwendet wurden. Unternehmen, die ihre Tech-Schulden aktiv managen – die systematisch umstrukturieren, modernisieren und updaten – können mehr Technologieressourcen auf Initiativen lenken, die den Umsatz steigern. Das Ziel kann hier nicht sein, Tech Debt auf Null zu drücken – das ist schon durch die bloße Geschäftstätigkeit und den technischen Fortschritt kaum möglich, und es ist auch nicht sinnvoll. Vielmehr gilt es, wie bei jedem regulären Kredit ein gesundes Schuldenmaß zu finden und einen grundlegenden Wandel zu durchlaufen. Das Ziel sollte sein, die Schulden auch längerfristig systematisch so zu managen, dass sie den Geschäftserfolg nicht hemmen, sondern befördern. Wer das Thema angehen möchte, sieht sich verschiedenen Herausforderungen ge- 68 09 | 2022

DIGITALISIERUNG genüber. Tech-Schulden lasten oft als diffuser Druck auf einem Unternehmen. Sie sind nicht nur schwer greifbar, sondern auch kompliziert zu managen. Hinzu kommt: Der Weg zur Behebung technischer Schulden gestaltet sich für jedes Unternehmen anders. Dennoch haben sich einige gemeinsame Best Practices herauskristallisiert. Von Best Practices lernen Transparenz schaffen: Um zunächst Klarheit zu erzielen und die technischen Schulden messbar zu machen, helfen Kennzahlen, die es erlauben, die eigene Position innerhalb der eigenen Branche zu verorten. Je transparenter Einblicke in die innerbetrieblichen technischen Rückstände sind, desto gezielter kann der Wandel adressiert werden. Außerdem sollten die Technologieschulden auf Ebene von Services bzw. Anwendungssystemen detailliert quantifiziert werden. Nur so können Banken spezifische Modernisierungsentscheidungen treffen. Governance anpassen: Über den technologischen Verschuldungsgrad und die erforderlichen Technologiezinsen sollte aktiv und regelmäßig zwischen den Vertretern der Fachbereiche als Auftraggeber sowie CFO und CIO diskutiert werden. Auch in Budget-Runden sollte das Thema entsprechend berücksichtigt werden. Tech-Schulden in alle IT-Services einpreisen: Ein gängiges Problem besteht darin, dass Legacy-Anwendungen in der internen Verrechnung an die Fachbereiche oder innerhalb der IT-Abteilungen zu günstig sind. Dies liegt daran, dass die Anwendungen oft abgeschrieben sind und nur spärlich weiterentwickelt werden. So werden Investitionsentscheidungen unter Umständen zulasten moderner Lösungen verzerrt. Eine marktgerechte Bepreisung der Lösungen muss auch den Investitionsstau beziehungsweise die Zinsen berücksichtigen. Ein großer Versicherungskonzern hat beispielsweise die Preise der internen IT-Lösungen an die echten Kosten inklusive Technologieschulden angepasst. So konnten die Verantwortlichen den Umstieg auf moderne Lösungen beschleunigen. Sanierungsprogramm entwickeln: Liegen die Karten offen, gilt es, eine detaillierte Roadmap zum Abbau der technischen Schulden zu erarbeiten. Unternehmen haben möglicherweise ähnliche Zahlen der Technologieverschuldung, aber sehr unterschiedliche Profile. Sie müssen ein Programm zur Behebung von Tech Debt entwickeln, das auf ihr spezifisches Profil zugeschnitten ist. Die Quantifizierung der Technologieschulden auf Anwendungssystem-Ebene erlaubt es, zielgerichtet die Systeme mit den teuersten Schulden zu modernisieren. Diese bieten dementsprechend die größte Entlastung. Verschiedene Funktionen einbinden: Ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg liegt in der Zusammenarbeit unterschiedlicher Funktionen innerhalb eines Unternehmens. Tech- Schulden sind kein Silo-Thema der IT. Ein wirksames Programm benötigt neben Ressourcen und Expertise aus der IT auch den Rückhalt des Vorstands und die Mitarbeit 09 | 2022 69

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