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die bank 08 // 2022

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MANAGEMENT

MANAGEMENT Tap-to-Pay-Funktion für iPhones an. Damit ist nicht mehr nur die Issuing-Seite, sondern auch die Acquiring-Seite betroffen. Apple setzt bei Buy-Now-Pay-Later auf die eigene Lizenz Und wie reagiert Apple auf die Untersuchung der EU? Die Vorwürfe des unlauteren Wettbewerbs werden selbstverständlich zurückgewiesen. Immerhin gibt es ja genug Finance- und Payment-Apps auch für Apple-Geräte – solche auf NFC-Basis sucht man zwar vergebens, jedoch argumentiert das US-Unternehmen dort weiterhin mit dem Sicherheitsaspekt. Augenscheinlich unbeeindruckt von den im Raum stehenden Vorwürfen setzte Apple jüngst sogar noch nach und kündigte am 6. Juni 2022 eine integrierte Buy-Now-Pay- Later-Lösung (BNPL) namens Apple Pay Later an, die mit iOS 16 im Herbst dieses Jahres in den USA lanciert werden soll. Nach Payment-Wallet auf Kundenseite, Akzeptanzlösung für die Händlerseite, P2P-Lösung und Zahlkarte dringt Apple damit nun auch in das originäre Kreditgeschäft ein – wenn auch zunächst, wie bei der Apple Card, auf den US- Markt limitiert. Möglich ist dies durch wesentliche Akquisitionen, mit denen die Tech-Firma eigene Fähigkeiten im Finanzbereich ausbaute. Beim BNPL-Produkt agiert Apple entgegen den Erwartungen nicht mit Goldman Sachs und MasterCard, sondern das erste Mal mit eigener Lizenz. Die Apple Financing LLC, eine Tochter des Hauses, hat zwar (noch) keine Vollbanklizenz, aber alle notwendigen Erlaubnisse, BNPL abzuwickeln. Kann der Regulator die Lösung für Banken liefern? Gerüchteweise ist die eingeleitete Untersuchung der EU-Kommission auf eine Beschwerde eines Wettbewerbers zurückzuführen, die schon im Jahr 2021 platziert wurde. Wenn die EU-Kommission nun die gleiche Zeitspanne benötigt, in der Apple zwei neue Produkte vorstellte, die die Situation noch 34 08 | 2022

MANAGEMENT verschärften, bleibt kaum Hoffnung auf eine schnelle Lösung des Konflikts. Zudem muss konstatiert werden: Auch bei einer noch so gut umgesetzten NFC-basierten Alternative einer Bank konnte Apple den Nutzer so an die eigene Lösung gewöhnen, dass voraussichtlich nur wenige Nutzer den nativen Produkten des Unternehmens den Rücken kehren und auf die Lösungen der Hausbank wechseln. Denn der Komfort einer per Default auf dem Device befindlichen und einfach zu nutzenden Wallet muss durch eine entsprechende Alternative erst einmal überkompensiert werden, bevor der Anwender einen Wechsel des gewohnten Verhaltens in Betracht zieht. Gleichermaßen zeigen bei nüchterner Betrachtung Beispiele wie das erfolgreiche Schweizer TWINT-Modell, dass der Zugriff auf NFC für eine aus Kundensicht superiore Lösung keineswegs eine notwendige Bedingung ist. Der Kampf um die Kundenschnittstelle geht nun in eine neue Runde und gibt den Banken neue Hoffnung. Die Grenzen zwischen POS und E-Commerce verschwinden zunehmend. Integrated und invisible Payments erreichen verstärkt unseren Alltag. Konzepte wie Amazon Go erscheinen zwar heute noch exotisch oder gar futuristisch, das Bezahlen im Hintergrund ist bei Uber aber schon seit 2009 etabliert, FreeNow (früher Mytaxi) und viele Detaileinzelhändler haben seit 2021 ebenfalls auf dieses Modell gewechselt. In den Kontext gesetzt, stellt sich die Frage: Wenn die Kunden augenscheinlich dem Taxifahrer vertrauen, den richtigen Betrag einzuziehen, warum nicht auch dem Supermarktkassierer, Barkeeper oder Friseur? Konventionelle Bezahlungen werden nicht über Nacht verschwinden, doch klassische POS- Zahlungen und damit NFC könnten auf absehbare Zeit unwichtiger werden. Zusammengefasst gilt: Die Hoffnung auf eine regulatorisch forcierte, kurzfristige Öffnung der NFC-Schnittstelle durch Apple erscheint eher überoptimistisch – und selbst in diesem Szenario wäre die positive Wirkung für die hiesige Finanzindustrie überschaubar. Wichtiger für Finanzinstitute wird daher die Flucht nach vorne sein. Wollen die BigTechs zur Bank werden? Zahlungsverkehr ist für Banken in erster Linie Commodity und nur eingeschränkt profitabel – oft sogar defizitär. Der Kundenkontakt und die Datenpunkte sind jedoch essenziell für Crossund Up-Selling sowie die Grundlage für weitere Produkte und Services. Kreditinstitute betrachten den Zahlungsverkehr – mit den entsprechenden Instrumenten – in der Regel weiterhin als originäres Produkt und befinden sich dabei immer in der Situation, den Zahlungsverkehr direkt zu monetarisieren oder zumindest über die Wechselwirkung mit anderen Finanzprodukten finanziell ratifizieren zu müssen. Für Apple und Co. ist Zahlungsverkehr hingegen ausschließlich ein Feature ihrer Hard- und Software-basierten Ökosysteme, das hilft, die Kundenbindung und Kontaktpunkte zu maximieren. Das Erzielen direkter Erlöse ist dabei ein willkommener Nebeneffekt, aber keineswegs eine notwendige Bedingung. Wenn bei der Suche nach der nächsten Pizzeria über Google Maps die Bestellung direkt mit einem Klick über Google Pay bezahlt werden kann, ist Google Pay vielleicht kein Revenue-Stream für Google, aber es verstärkt die Notwendigkeit für Merchants, im Google- Ökosystem präsent zu sein – was dem Suchmaschinenanbieter letztlich Werbeeinnahmen beschert. Bis zum 6. Juni 2022 konnten skeptische Betrachter trotz aller Vorstöße in das generische Banking-Geschäft immer anführen, dass die xPays selbst scheinbar keine Bank werden wollten. Denn typischerweise waren bei ihren Finanzprodukten Kreditinstitute als Kooperationspartner involviert. Bei Apple Pay sind es die kartenausgebenden Geldhäuser selbst, bei Apple Pay Cash ist es die Green Dot Bank als zentraler Partner, und für die Apple Card wurde mit Goldman Sachs kooperiert. Google plante mit Google Plex sogar noch einen Schritt weiterzugehen und ein komplet- tes Banken-Frontend zur Verfügung zu stellen, an das Kreditinstitute sich im Hintergrund andocken können. Sie müssen so im Extremfall gar kein eigenes Frontend mehr betreiben. Doch dieses Vorhaben liegt in der Zwischenzeit auf Eis. Die weitläufige Annahme war demnach, dass die xPays zwar Banking anbieten, aber selbst keine Bank werden wollen. Regulatorische Anforderungen im Hinblick auf Reporting, Risikovorsorge, Betrugsprävention, Kapitalanforderungen etc. sind schon auf regionaler Ebene komplex. Diese global in divergierenden Ausprägungen zu bewältigen, war offenbar schmerzhaft genug, diesen unattraktiven Part lieber an externe Partner zu vergeben. Lohnen sich Kooperationen mit Apple? Doch hat sich dieses Zusammenspiel zumindest für die kooperierenden Banken gelohnt? Wäre es für hiesige Institute erstrebenswert, eine weiterreichende Kooperation mit Apple zu suchen? Ein Blick auf die Green Dot Bank verrät: nur bedingt. Es konnte durch die Kooperationen zwar ein signifikantes Kundenwachstum erreicht werden, doch das ließ sich offensichtlich nicht hinreichend monetarisieren, wie der Green-Dots-Aktienkurs zeigt. Nach der Einführung des Programms schoss er von etwa 25 US-$ auf über 85 US-$, doch die Unternehmenswertsteigerung ist heute bei einem Kurs nahe 20 US-$ wieder vollständig verloren gegangen. Obwohl Apple aus den vergangenen Kooperationen stets als Profiteur hervorging, soll für die BNPL-Lösung nun die Firmentochter Apple Financing LLC die Abwicklung übernehmen. Diese Zäsur kann wahrlich als Kampfansage an die etablierte Finanzindustrie gewertet werden. Nun könnte argumentiert werden, dass der BNPL-Markt ohnehin überstrapaziert erscheint und für die meisten Banken keine substanzielle Ertragsquelle ist, oder aber, dass die Kundenschnittstelle im Retail-Zahlungsverkehr ohnehin schon uneinholbar verloren ist. 08 | 2022 35

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