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die bank 08 // 2017

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT Felix Anthonj ist

MARKT Felix Anthonj ist CEO des Berliner Softwareunternehmens flexperto GmbH. Seit 2016 ist er zudem Beirat der Berliner Volksbank eG. Zuvor arbeitete er u. a. für die Immobiliengesellschaft Mantra Invest und die IKB Deutsche Industriebank AG. modell. Online-Riesen wie Amazon oder Google sind hier deutlich weniger gefährlich für die Versicherer. Ihr technologisches Potenzial beruht auf Standardisierung, die Komplexität im Business-Bereich erfordert jedoch maßgeschneiderte Antworten. Traditionelle Player tun gut daran, sich vermehrt auf dieses Geschäft zu konzentrieren. Wir sehen allerdings auch im Business-Segment neue Akteure, wie beispielsweise das Vergleichsportal Gewerbeversicherung24.de. diebank: Gibt es potenzielle Kandidaten für hohe Unternehmensbewertungen unter den InsurTechs – sogenannte Unicorns – wie etwa in den USA, mit den aussichtsreichen Unternehmen Oscar und Zenefits im Bereich der privaten Krankenversicherung? Anthonj: Unter den deutschen Insur- Techs sehe ich leider kein potenzielles Unicorn. Ich befürchte auch für die deutschen Angreifer unter den Digitalversicherern, dass die Konkurrenz durch internationale, oft besser finanzierte Startups mit globaler Vision deutlich steigen wird. diebank: Wie lässt sich die Erfolgsperspektive von Lemonade einschätzen, ein US-Start-up, an dem sich auch die Allianz beteiligt hat? Könnte daraus in Deutschland ein ähnlich vielversprechender Kandidat für die „Generation Smartphone“ werden, wie es beispielsweise im Bankensektor mit N26 der Fall war? Anthonj: Unabhängig vom zukünftigen Erfolg oder einem Markteintritt in Deutschland ist das Beispiel Lemonade für den hiesigen Versicherungsbereich aus drei Gründen ein Vorbild: durch den Fokus auf den mobilen Kunden, den Einsatz von künstlicher Intelligenz und Chatbots und den Umgang mit der Combined Ratio (Schaden-Kosten-Quote). Wie erwähnt, geht es bei Start-ups vor allem darum, das Geschäft radikal auf den Kunden auszurichten. Lemonade setzt das eindrucksvoll um, sowohl im Vertrieb als auch im Schadenservice: ohne Makler, ohne lästigen Papierkram – alles mobil. Gleichzeitig wird bereits ein signifikanter Teil aller Forderungen von einer künstlichen Intelligenz bearbeitet und oft innerhalb von wenigen Sekunden ausgezahlt. Darüber hinaus verzichtet Lemonade auf Gewinne aus der Combined Ratio. Sie bieten dem Kunden an, eine Wohltätigkeitsorganisation auszuwählen und spenden das übrige Geld dorthin. Ich denke viele Menschen verstehen, dass hierdurch ein fundamentaler Interessenkonflikt bei Versicherungen aufgelöst wird und dieses Konzept auch in Deutschland eine Zielgruppe finden würde. diebank: Sind Inkubatoren-Modelle, Companybuilder, Acceleratoren und Start-up- 36 08 // 2017

MARKT Entwicklungszentren tatsächlich der Königsweg zur Open Innovation, die am Ende Zählbares hervorbringen? Anthonj: Wir sind mit flexperto selbst durch den Inkubator der deutschen Telekom gegangen. Für die Start-ups ist das meist eine tolle Unterstützung, insbesondere wenn die Gründer noch unerfahren sind. Es gibt allerdings ein paar hausgemachte Probleme, die ein optimales Ergebnis für die Corporates verhindern. So ist die Anziehungskraft für die besten Gründer im Markt durch die geringe Kapitalisierung oft zu gering. Es werden zudem zu wenige Investments getätigt. Das ist im Hinblick auf die Risikostreuung im Bereich der Frühphasenfinanzierung sehr riskant. Viele der Acceleratoren tun sich darüber hinaus schwer, die Start-ups optimal im Konzern einzubinden. diebank: Wie sieht die „Versicherung 2.0“ der Zukunft aus, in der sich hybride Angebote treffen, also ein intelligenter Mix zwischen klassischer Beratung und den Vorteilen der Online-Welt? Anthonj: Aktuell ist die größte Herausforderung, jeden Privat- und Geschäftskunden rund um die Uhr und überall auf der Welt mit passgenauen Informationen zu versorgen, ohne Mehraufwand für den Kunden. Dabei sollte der Kunde entscheiden dürfen, ob er dafür über den Kanal seiner Wahl mit einem Menschen spricht oder durch smarte Lösungen sein Angebot bekommt. Beides hat – wie man im Übrigens auch im Handel sieht, der beim Thema „online“ bereits weit voraus ist – auch in Zukunft seine Berechtigung. diebank: Manchmal scheint die Kommunikationsdichte ein bisschen zu engmaschig. Möchte der Kunde tatsächlich in jeder Lebenslage den Stand seiner Versicherungsakte abrufen? Wo also macht die stetige Rückkopplung tatsächlich Sinn, von der beide Seiten profitieren? Anthonj: Wichtig ist, dass er die Informationen, die er braucht, ohne Aufwand und über die ihm vertrauten Kommunikationskanäle abrufen kann. diebank: Und noch ein Ausblick: In welchen Bereichen sind in den kommenden Jahren eher revolutionäre statt komplementäre Entwicklungen zu erwarten, oder anders gefragt: Lassen sich klassische Flaggschiff-Produkte wie die Altersvorsorge, Berufsunfähigkeit oder die Lebensversicherung für die Online-Welt überhaupt neu erfinden? Anthonj: Versicherungen aller Couleur bleiben als Produkt bestehen. Was sich Felix Anthonj ist darüber hinaus Mitinitiator der Fachkonferenz Digisurance, die jährlich gemeinsam mit einem wechselnden Partner stattfindet, in diesem Jahr der Allianz X – dem Venture Investor der Allianz Gruppe. Das Treffen bringt Startups und etablierte Unternehmen aus der Versicherungsbranche zusammen und zeigt erfolgreiche Kooperationen. radikal ändert, ist die Kundenschnittstelle. Meiner Meinung nach sind Kompositversicherungen den größten Veränderungen ausgesetzt. Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen: Sie kaufen fortan kein Auto mehr – Sie mieten ein Auto, das gerade in ihrer Nähe steht. Das Auto ist bereits versichert. Den Preis, den Sie für die Miete zahlen hängt dann von ihrem Risiko ab. Welcher Versicherer sich für das Produkt verantwortlich zeichnet? Das ist für Sie als Endkunde nicht mehr entscheidend. diebank: Herr Anthonj, haben Sie vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Lothar Lochmaier. 08 // 2017 37

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