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die bank 06 // 2021

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

DIGITALISIERUNG

DIGITALISIERUNG EFFIZIENZSTEIGERUNG Die Bank als digitale Kreditfabrik „Negativzinsen“, „Filialsterben“, „Banken im digitalen Tiefschlaf“ – mit derlei Schlagzeilen sind Banken seit geraumer Zeit konfrontiert. Hinzu kommt seit einem Jahr noch die Corona-Pandemie, die Banken – speziell im Kreditgeschäft – zusätzlich belastet. Mithilfe eines aus der Industrie adaptierten Modells könnten Banken ihre Effizienz steigern und zur digitalen Kreditfabrik werden. Wichtig dafür ist u. a. die digitale Befähigung der Mitarbeiter. Kreditinstitute stehen derzeit vor vielen Herausforderungen. Dazu gehören die fortdauernde Niedrigzinsphase, der Kostendruck durch neu eintretende digitale Player in den Markt und damit einhergehende Restrukturierungsmaßnahmen. Mit der Corona- Pandemie ist für die Banken noch eine weitere Belastung hinzugekommen. Neben zusätzlichen Kreditanfragen, die grundsätzlich das Geschäft beleben, mehren sich durch Corona auch Bestandstätigkeiten und -anfragen wie Aussetzungen und Stundungen. Mehr denn je ist daher der Fokus auf Effizienzsteigerungen notwendig, insbesondere durch das Aufbrechen alter Strukturen. Eine Vielzahl von regionalen Bankinstituten befindet sich bereits auf diesem Weg. Oft jedoch versprechen digitale Buzzwords wie OCR, KI, Robotics und Co. mehr, als in der derzeitigen Realität möglich ist. Um digitale Lösungen vollumfänglich nutzen zu können, gilt es zunächst, geeignete Strukturen und Arbeitsweisen als Basis aufzubauen. Dann können digitale Lösungen sukzessive eingeführt werden. Auf diesem Weg müssen auch die Mitarbeiter stark eingebunden werden. Eine digitale Befähigung ist unabdingbar. Zur strukturellen Verbesserung der Kreditvergabe bietet sich ein aus der Industrie adaptiertes Modell an. Das Ziel ist die effiziente und schnelle risikoorientierte Bearbeitung von Kreditanträgen – dabei wird der gesamte Prozess End-to-End betrachtet, von der Einreichung eines Kredits bis hin zur Bewilligung des Antrags, und digital optimiert. Zur Einführung 64 06 // 2021

DIGITALISIERUNG eines solchen Kreditmodells ist ein dreistufiges Vorgehen sinnvoll, in dem der Kreditbewilligungsprozess – analog zur Industrie – als Produktionsstraße verstanden wird und mitunter agile Prinzipien verankert. Stufe 1: Schaffung eines organisatorischen Fundaments Die Kreditbearbeitung erfolgt in den meisten Instituten bereits nach definierten Kreditstraßen, sodass simple, risikoarme Kredite einfacher und schneller bearbeitet werden können. Für eine erfolgreiche und zügige Kreditproduktion ist die Ergänzung der Prozessstraßen durch trennscharfe Kriterien und deren absolute, konsequente Einhaltung allerdings unabdingbar. Vor der Einführung gilt es daher, das derzeitige Kreditgeschäft nach risiko- und komplexitätsorientierten Aspekten in der Bearbeitung zu evaluieren, um daraus quantitativ und qualitativ hochwertige Kriterien zu entwickeln. Die internen Prozesse können somit, trotz der aufsichtsrechtlich notwendigen Tiefe und Genauigkeit der Prüfung, effizient nach der Kreditstruktur angepasst werden. Einfache Standardkredite können so effizienter bearbeitet werden als wesentlich komplexere Anträge. Bei allem Fokus auf die Kreditstraßen darf die Bearbeitung der Bestandsfälle nicht untergehen. Diese binden bis zu 40 Prozent der Mitarbeiterkapazitäten in der Kreditbearbeitung, dabei sind Intensiv- und Abwicklungsfälle noch nicht einmal inbegriffen. Aus diesem Grund gilt es auch hier, saubere Strukturen und Verantwortlichkeiten risiko- und sachgerecht zu implementieren. Stufe 2: Etablierung der Kreditfabrik Sind die richtigen Strukturen in einem ersten Schritt geschaffen und eingeführt worden, ist es notwendig, einen Zustand herbeizuführen, der sich einspielt. Dafür müssen Kreditanzahl und Bearbeitungszeiten in den einzelnen Prozessstraßen laufend erhoben und ausgewertet werden. Hieraus lassen sich dann Optimierungen für die Kreditzuteilung und Kriterien erarbeiten. Zudem sollten die Prozesse der einzelnen Kreditstraßen auf weitere Optimierungen untersucht werden. Der Fokus ist hierbei zunächst insbesondere auf die simpleren, risikoärmeren Kreditstraßen zu setzen. Auch in Schritt zwei gilt es, die Bestandsprozesse nicht zu vergessen. In diesen schlummern große Effizienzhebel, die leider oft vernachlässigt werden. Stufe 3: Aufgreifen digitaler Potenziale Als nächstes folgt die sukzessive Automatisierung der Prozessschritte. Hierbei sollte man sich ebenfalls die Logik der Prozessstraßen zunutze machen und beginnend mit der risikoärmsten Prozessstraße – den Standardkrediten – digitale Lösungsmöglichkeiten und Software implementieren. Danach müssen Erfahrungen konsequent und strukturiert gesammelt und erhoben werden, um einerseits die eingeführte Technologie weiterzuentwickeln und andererseits die Implementierung für komplexe Kreditfälle und -straßen vorzubereiten. Ein Beispiel ist die sogenannte Optical- Character-Recognition-Technologie, kurz OCR. Diese Software transformiert Bilder oder handgeschriebene Notizen in digital verfügbaren Text. Bekannt ist die Technologie u. a. durch die Foto-Upload-Funktion von Überweisungsträgern, die diverse Bankinstitute wie die DKB anbieten. Die Software erkennt die ausgefüllten Felder und wandelt die analog verfügbaren Informationen in digitale um. Diese Technik kann auch beim Kreditantrag das Dokumente-Chaos mindern und Informationen sowie Daten des Antragsstellers aus den relevanten Dokumenten auslesen. Einfache Prüfungen, wie zum Beispiel die Vollständigkeit der Unterlagen oder die Gültigkeit des Personalausweises, leisten diese Softwarelösungen bereits mit einer hohen Zuverlässigkeit. Sie können somit vollständig automatisiert erfolgen. Komplexere Dokumente, wie testierte Bilanzen, Mietverträge, Baubeschreibungen oder FAZIT Das beschriebene Kreditmodell basiert auf einem soliden Fundament und agilen Grundprinzipien. Mithilfe transparenter Strukturen und Prozesse sowie einer laufenden Evaluierung und Optimierung können sukzessive digitale Prozessschritte implementiert werden. Die Kreditfabrik wird so laufend besser und effizienter. Dabei ist eine Überforderung der Mitarbeiter zu vermeiden. Sie sollten frühzeitig eingebunden und digital fit gemacht werden. Letztendlich erhält auch der Kunde durch die schnelle Bearbeitung den besten Mehrwert, und zwar in Form einer schnellen Kreditzusage. Lagepläne, lassen sich dagegen deutlich schwieriger per OCR korrekt auslesen. Daher empfiehlt es sich, die Software zunächst für einfache Dokumente und Kreditfälle anzuwenden, aus den Erfahrungen zu lernen und OCR dann sukzessive auszubauen. Diese iterative Vorgehensweise ist in der Entwicklung von Software wohlbekannt und wird meist sehr vereinfacht unter dem Stichwort „agil“ zusammengefasst. Die Grundprinzipien sollten auch bei der Einführung des Kreditmodells beachtet und angewendet werden. Dann ist die erfolgreiche Weiterentwicklung hin zur digitalen Kreditfabrik nicht mehr weit. Auch hier gilt es, die Bestandsprozesse bei der Digitalisierung zu berücksichtigen. Ansätze für oftmals repetitive Aufgaben liefert unter anderem eine Robotics-Software, die manuelle Klicks und Bearbeitungen des Menschen am Computer nachahmt und automatisiert durchführt. Autor Sebastian Stöcker ist Senior Consultant bei Berg Lund & Company und begleitet die Klienten vor allem bei vertriebsstrategischen Fragestellungen im Corporate Banking und bei Herausforderungen im Zuge des digitalen Wandels. 06 // 2021 65

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