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die bank 05 // 2021

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

BERUF & KARRIERE

BERUF & KARRIERE KOMPETENZ ALLEIN REICHT NICHT Berufliche Selbstbehauptung braucht einen zweiten Pfeiler „Berufliche Fitness gipfelt heute nicht mehr in fachlicher Kompetenz. Mehr und mehr spielt sich die Fähigkeit in den Vordergrund, im Kopf mit Unsicherheit und Undurchschaubarkeit umgehen zu können.“ Unser Mitarbeiter sprach mit dem Bonner Mental-Experten, Business-Philosophen und Lehrbeauftragten Jörg Hawlitzeck, der die von den Kompetenzansprüchen der Digitalisierung längst außer Kraft gesetzte Sichtweise zu korrigieren versucht. die bank: Herr Hawlitzeck, weshalb sprechen Sie dem Fachlichen so rundheraus die prioritäre berufliche Bedeutung ab? Jörg Hawlitzeck: Ich spreche der Bedeutung des Fachlichen gar nichts ab! Ich relativiere nur dessen Bedeutung mit Bezug auf die Disruption und in zwangsläufiger Folge davon die Transformation. Immerhin stellt beides beträchtliche Anforderungen an die persönliche Geistesverfassung. Die entscheidende Frage lautet doch: „Wie wird im Kopf mit den grundsätzlichen Veränderungen in der Arbeitswelt umgegangen?“ die bank: Welche Veränderungen meinen Sie dabei konkret? Hawlitzeck: Das, was wir heute Mindset nennen, also die persönliche Geistesverfassung, stellt maßgeblich die Weichen für Behauptung in einer beruflichen Umwelt, die sich in ein großes Experimentierfeld verwandelt hat. Unternehmensführung und -organisation entfernen sich rasant von dem Gewohnten. Die tradierten Formen von Zusammenarbeit und Aufgabenerledigung sind dabei, Makulatur zu werden. Ehemals als zukunftssicher geltende Berufsbilder verkehren sich in ihr Gegenteil. Herkömmlichen Geschäftsmodellen geht die Luft aus. Der Boden unter den Füßen aller im Beruf Tätigen wankt. Die von diesem Rundum-Experiment ausgehende psycho-mentale Beanspruchung muss verkraftet werden. Voraussetzung dafür ist, sich einen klaren Kopf in einem Meer von Unklarem zu bewahren. Wer es unter diesen Umständen versäumt, auf ein stützendes Mindset hinzuarbeiten, wird das bereuen. Sich in dieser experimentellen beruflichen Umwelt auch noch persönliche mentale Instabilität zu leisten, das kann verflixt ins Auge gehen. die bank: Trumpfen Sie da jetzt nicht ein wenig zu fest auf? Hawlitzeck: Dieser Einwand ist mir nicht fremd. Will ich einen tief Schlafenden wach bekommen, muss ich ihn wohl oder übel rütteln. Meine Arbeit ermöglicht mir einen Einblick in so manche Einstellung zu dem, was der legendäre Schumpeter einmal auf den Punkt genau als „schöpferische Zerstörung“ bezeichnete. Und nichts anderes läuft derzeit ab. Darauf hinzuarbeiten, sich von der Dramatik dieser industriellen Revolution nicht aus der Fassung bringen und den Schneid abkaufen zu lassen, sollte aus meiner Sicht unbedingt auch das Bemühen um mentale Kompetenz mit einbeziehen. Denn die Tragweite dessen, was beruflich in den kommenden Jahren verkraftet werden muss, wird unterschätzt. Irgendwie dämmert es zwar, besonders lustig wird es nicht werden, aber die wirklich zu verdauenden Konsequenzen mag oder will man sich in der gebotenen Härte nicht vor Augen führen. Dabei gilt für Ross und Reiter seit geraumer Zeit, sich ganz, ganz schnell von einer Vorstellung zu verabschieden, die in meiner rheinischen Heimat weit verbreitet ist: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ die bank: Das bedeutet, man sollte fix anfangen, sich ein strapazierfähiges Mindset aufzubauen. Aber was ist das eigentlich? Hawlitzeck: Das, was man in den Zeiten, wo man sich noch schlichter und direkter auszudrücken beliebte, eine gleichermaßen robuste wie wache „Geistesverfassung“ nannte. Menschen dieses Schlages lassen sich nicht so schnell aus der Fassung bringen, verfolgen aufmerksam, was sich so tut, hüten sich dabei vor illusionärer Schönmalerei und erfassen nüchtern, was für sie persönlich bedeutsam werden könnte und worauf sie sich sinnvollerweise einstellen sollten. Damit sind grundlegende Bausteine dessen, was wir heute Mindset nennen, umrissen. Die eigentliche Statik eines stabilen Mindsets aber ist das Vermögen, Gedankenabläufe so zu steuern, dass ablenkende Ein- 62 05 // 2021

BERUF & KARRIERE flüsse die eigene Zielverfolgung nicht sabotieren. Kurz, die Fähigkeit, sich weder von äußeren noch von inneren Einflüssen handlungssabotierend beeinflussen zu lassen und sich auf das hier und jetzt Notwendige zu fokussieren. Worauf kommt es denn unter den obwaltenden Rahmenbedingungen beim Management des persönlichen Berufs- und sonstigen Lebenswegs entscheidend an? Nicht sofort im Kopf „weiche Knie“ zu bekommen, wenn ungewohnte, unerwartete oder auch zunächst Angst auslösende Anforderungen anklopfen. die bank: Es gilt also, Übersicht und Handlungsstärke zu bewahren als Trumpfkarte im Turbulenten? Hawlitzeck: Es geht doch darum, morgen noch im Spiel zu sein. Ohne Übersicht und Handlungsstärke wird das schwer. Der große Königsberger Denker Immanuel Kant fasste das, worauf es ankommt, in die Worte: „Ich kann, weil ich will, was ich muss.“ Das mag für heutige Ohren vielleicht elitär oder hoch gegriffen klingen, beschreibt dennoch recht genau die Grundlage für Spielstärke auf turbulentem Spielfeld. Und was sorgt dafür? Die Bereitschaft, sich im eigenen Interesse selbst in die Pflicht zu nehmen. Das entwertet mitnichten die Bedeutung von Wissen und Können, relativiert aber doch deutlich die landläufige Auffassung, es komme vor allem darauf im beruflichen Eignungsprofil an. Wo muss denn der Basisantrieb liegen, um unter den obwaltenden beruflichen Rahmenbedingungen nicht ins Schlingern zu geraten? In der Einsicht in das Notwendige. Sich ein brauchbares Mindset zu schaffen, muss als zweiter Pfeiler beruflicher Selbstbehauptung begriffen werden. die bank: Heißt das, man muss davon überzeugt sein, etwas Herausforderndes schon hinzubekommen? Hawlitzeck: Ob ich mir ein Spiegelei braten, einen Nagel in die Wand schlagen oder mich mit beruflichen Turbulenzen auseinandersetzen will: Je mehr ich daran glaube, „irgendwie bekomme ich das schon hin", desto unaufgeregter gehe ich zur Sache. Hinzu kommt, desto weniger lasse ich mich aus der Ruhe bringen, klappt das nicht auf Anhieb oder grätscht sonst etwas dazwischen. Die berufliche Selbstbehauptung unter dem Damoklesschwert der Digitalisierung und der vordringenden Künstlichen Intelligenz unterscheidet sich stark von dem bislang Gewohnten, das mit offensiver fachlicher Weiterbildung in den Griff zu bekommen war. Je weniger Aufgeregtheit bei der Herausforderung „Existenzsicherung“ im Spiel ist, desto eher wird es gelingen, Wege zu finden, die wieder zu etwas festeren Boden unter den Füßen führen. Und, desto unproblematischer wird es auch, dabei die Übersicht zu behalten, Handlungsstärke an den Tag zu legen und sich stringent auf das Notwendige hin zu orientieren. Und dabei auch nicht zu übersehen, dass die Lösungsmöglichkeiten für die zukünftige berufliche Existenzsicherung womöglich ganz woanders liegen als in dem bisher Gewohnten. Dank eines soliden Mindsets davon ausgehen zu können, auch in Drucksituationen mit existenziellem Zungenschlag „ich kann, weil ich will, was ich muss“, das gibt eine ganz beachtliche Sicherheit. die bank: Herr Hawlitzeck, haben Sie vielen Dank für diese Einsichten. Die Fragen stellte Hartmut Volk. Der Diplom-Betriebswirt bearbeitet seit 30 Jahren als freier Journalist an der Schnittstelle von Wirtschaft und Wissenschaft Themen aus dem Bereich der Unternehmensführung für Fachmedien im gesamten deutschsprachigen Raum. 05 // 2021 63

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