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die bank 04 // 2022

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT agieren: Die

MARKT agieren: Die meisten Kreditversicherungen sind bereits zum Jahresbeginn abgesprungen. Als letzte Absicherung stieg vor Kriegsausbruch auch Euler Hermes Bund aus. Man darf daher hoffen, dass relativ wenig Handel stattfand und die Transaktionsverwerfungen eher im geringen Rahmen vorkommen. Unterschätzung der Auswirkungen auf das aktuelle Geschäft Auch wenn der Balanceakt der SWIFT-Abkopplung zunächst gerade für deutsche Geldinstitute mit einem überschaubaren Russlandgeschäft glimpflich verlaufen zu sein scheint, bestehen Folgerisiken der aktuellen geopolitischen Krise, die in den nächsten Monaten zum Tragen kommen könnten. Die Folgen des Kriegs sind schon heute für jedermann ersichtlich – ob bei Preissteigerungen an der Tankstelle oder im Supermarkt. Die global vernetzte Wirtschaft sorgt dafür, dass ganze Lieferketten in sich zusammengebrochen sind. So standen bei VW und BMW aufgrund von ausgefallenen Lieferungen bereits die Bänder still. In dieser Situation muss Ersatz gefunden werden, was entweder mit höheren Kosten einhergeht und/oder kurzfristig gar nicht gelingt. Auch werden die Lagerkosten wieder steigen, nachdem sich diese nach der pandemischen Krise wieder nach unten bewegt hatten. Alle Unternehmen sind von höheren Energiekosten betroffen – sei es beim Gas, wo sich die Einkaufspreise verdreifacht haben, oder beim Öl, wo der Preis seit dem Beginn des Kriegs um fast 35 Prozent gestiegen ist. Eine Entwicklung, die sich auch auf die Strompreise auswirkt. Die Rohstoffkrise – auch fernab von Energieträgern – sowie auch abgerissene Lieferketten sind Punkte, die die zukünftigen Zahlen der meisten Unternehmen (von denen viele ihre Geschäftsprognosen gestrichen oder zumindest bereits deutlich nach unten korrigiert haben) in einem schwer kalkulierbaren Maße treffen. Hierzu sollte betrachtet werden, inwieweit die aktuelle Lage in einem klassischen, aber weit verbreiteten Rating-Modell für Corporates wirkt. Legen wir ein klassisches Point-in-Time- Rating-Modell zugrunde, in dem nach quantitativen, qualitativen, Umfeld- und Unterstützungsfaktoren bewertet wird, dann besteht höchste Alarmbereitschaft. Im quantitativen Bereich – der nicht umsonst in der Regel als der vergangenheitsgerichtete Teil bezeichnet wird – werden die aktuellen Entwicklungen schwerlich bereits Einzug gefunden haben. Hier wird üblicherweise entweder auf Jahresabschusszahlen oder wenigstens Quartalszahlen abgestellt, und diese werden naturgemäß auch erst mit zeitlicher Verzögerung geliefert, sodass sich hier der Effekt der aktuellen Krise erst verspätet zeigen wird. Ein ähnlicher Effekt war auch zu Beginn der Corona-Krise zu sehen. Besonders markant dürfte aber nun der Vergleich zum Jahr 2021 sein, in dem viele Unternehmen wieder gute Zahlen vorlegen konnten: Die DAX- Unternehmen sollen beispielsweise so viel verdient haben wie nie zuvor. Rating-Modelle sehen unter bestimmten, klar definierten Umständen in der Regel die Möglichkeit einer Überschreibung einzelner Rating-Ergebnisse vor. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass sich der wahre Umfang der Auswirkungen mit den ersten betroffenen Quartalszahlen zeigen wird. Als Konsequenz müssen also sowohl Kredit- als auch Risikomanager verstärkt Ratings anpassen und überschreiben. Sie können diese darüber hinaus nicht mehr wie früher als alleiniges Kriterium für Kreditlimits oder Geschäftsentscheidungen nutzen. Während bestehende Kredite sich durch die schlechteren Ratings leicht in den Problemkreditbereich verlagern, wird bei der (Neu-)Kreditvergabe mit höheren Sicherheitspuffern agiert werden, die in erster Konsequenz leicht zu hoch ausfallen, wenn die Abhängigkeiten überschätzt werden. Die bereits durch die Inflation und die erwarteten Zinsanpassungen unter Druck stehenden Kreditzinsen steigen weiter und drücken die Investitionsbereitschaft – Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft bleiben nicht aus, was mittelbar auch die Performance der Geldhäuser beeinträchtigt. Überschätzung des zukünftigen Risikos Aktuell gibt es verschiedene Arten von Sanktionen – von den Ein- und Ausfuhrverboten über den Ausschluss von SWIFT für die Banken, dem Einfrieren von Vermögen von Einzelpersonen und Investitionsverbote bis hin zum Verbot des Ratings Russlands und von Unternehmen aus Russland. Unternehmen müssen nun prüfen, um Sanktionen nicht bewusst oder unbewusst zu unterlaufen. Fällt auf, dass ein Unternehmen sanktionierte Geschäfte betreibt, ist der Schaden neben den drohenden Geldbußen vor allem im Bereich der Reputation erheblich. Wir sehen, dass selbst Unternehmen, die keinen 10 04 | 2022

MARKT AUSBLICK UND FAZIT Kredit- und Risikomanager sind in der aktuellen Zeit besonders gefordert. Sanktionen müssen analysiert werden: Welche Sanktionen betreffen das Unternehmen überhaupt? Welche Geschäfte sind noch machbar? Wie bewertet man das Risiko aus der verhängten Sanktion? Werden die identifizierten Risiken über- oder unterschätzt? Welche Risiken trägt ein Unternehmen durch Abnehmer oder Zulieferer? expliziten Sanktionen unterliegen, praktisch gezwungen sind, ihre Geschäftsbeziehungen zu überdenken. Dennoch darf aber das Risiko auch nicht überschätzt werden – nicht jedes Geschäft mit Russland ist sanktioniert. Dies muss auch im zukunftsgerichteten qualitativen Teil des vorher genannten Ratings berücksichtigt werden. Es müssen Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten und Abnehmern besser bewertet werden, denn: Wäre ein Unternehmen wie VW oder BMW in der Vergangenheit schlecht bewertet worden, weil einzelne (Auto-)Teile aus Russland oder der Ukraine kommen? Als Konsequenz müssen ein KYC (Know- Your-Customer-Check) bzw. ein KYCC (Know- Your-Customer´s-Customer-Check) durchgeführt werden. Darüber hinaus muss auch die eigentliche Analyse viel stärker in den Fokus gerückt werden, um frühzeitig beurteilen zu können, ob ein wesentliches Abnehmer- oder Zulieferer-Unternehmen gegen Sanktionen verstößt oder gar ganz ausfällt. Das ist bspw. im Hinblick auf den Ukraine-Konflikt von besonderer Brisanz, da ein Kunde zwar weiterhin handlungsfähig sein kann, aber wenn dessen Kunden maßgeblich Geschäft mit oder in den Ländern der Konfliktparteien tätigen, dies extrem kritisch sein kann. Klar ist: Jeder Geschäftspartner und jedes Geschäft muss derzeit einzeln überwacht werden. Um hierbei die Risikobereiche nicht zu überfordern, wird der vermehrte Einsatz von Software- Lösungen notwendig sein. Angefangen bei der automatisierten KYC/C-Prüfung über einen direkten Check der empfangenden Bank bei Überweisungen bis hin zu Rating-Lösungen, die ein automatisches Re-Rating durchführen und die die notwendige Flexibilität bieten. Die aktuelle Krise zeigt die Risiken unserer vernetzten Wirtschaft wie nie zuvor. Autor Christian Piller ist Product Director im Bereich Banking bei Collenda. 04 | 2022 11

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