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die bank 03 // 2023

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MANAGEMENT

MANAGEMENT nutzeroberfläche an und beraten neutral, ohne Finanzprodukte verkaufen zu wollen.“ Außerdem suchten immer mehr Menschen praktikable Lösungen, um die Finanzen ihrer Eltern oder anderer Angehöriger zu verwalten, während diese aber gleichzeitig so lange wie möglich einen finanziellen Überblick behalten sollen. „Oftmals leben Familien ja nicht zusammen. Deshalb ist es wichtig, Innovationen zu nutzen, um auch Älteren bis an ihr Lebensende finanzielle Souveränität zu ermöglichen.“ Bildschirmgröße zählt: „Desktop first“ Eigentlich wollten die Gründerinnen mit Brygge ausschließlich mobil als App starten, stellten dann aber bei ihren Interviews fest, dass sich die Nutzer beim Banking mit einem Desktop am wohlsten fühlen. Auf dem großen Bildschirm sind die Finanzdaten besser lesbar. Aus der Strategie „Mobile first“ wurde deshalb „Desktop first“. Wichtigster Anspruch: Das Bedienen der Plattform soll möglichst einfach sein. Mit Brygge gehen die Kunden keine neue Bankverbindung ein und eröffnen auch kein neues Konto. Sie melden sich lediglich mit persönlichen Daten an und führen all ihre bestehenden Konten übersichtlich auf einer Oberfläche zusammen. Eine im Hintergrund laufende Datenbank analysiert laufend die Zahlungsströme, lernt so die Kunden besser kennen und liefert als Mehrwert Tipps und Hinweise. In den „Brygge Berichten“ – sie werden mit einem Ausrufezeichen angekündigt – erfährt der Kunde zum Beispiel, dass das System einen neuen Zahlungsempfänger gefunden hat und empfiehlt, zu prüfen, ob die Abbuchung berechtigt ist. Bei einer höheren Bargeldabhebung gibt es Hinweise über Risiken beim Umgang mit Bargeld. Nutzen Kunden mehrere Debit- und Kreditkarten, wird hinterfragt, ob nicht eine Karte ausreiche. „So wollen wir erreichen, dass sich die Kunden aktiver mit den Umsätzen auseinandersetzen“, erklärt Schwertner. Stellt das System ein regelmäßiges niedriges Einkommen fest, empfiehlt es zum Beispiel, den Anspruch auf Wohngeld zu überprüfen. In einer Brygge-Akademie können Nutzer zudem kostenlos ihr Finanzwissen erweitern. Werbung taucht in den Brygge-Berichten nicht auf. In einem weiteren Schritt will Brygge noch in diesem Jahr eine Oberfläche bauen, auf der betreute Menschen zumindest passiv ihre Finanzen verfolgen können, ohne selbst aktiv eingreifen zu können. Überraschender Wechsel an der Spitze Wie Cornelia Schwertner und Bianca Steinke scheint sich auch Carsten Höltkemeyer von den schwieriger gewordenen Marktbedingungen nicht kirre machen zu lassen. Ende Oktober 2022 hatte das Berliner FinTech, das sich selbstbewusst als Europas führende Embedded-Finance-Plattform bezeichnet, überraschend den Wechsel an der Spitze bekanntgegeben. An der Seite von Noch-CEO Dr. Roland Folz arbeitet sich der 55-Jährige gerade sechs Monate lang in das Tagesgeschäft ein, bevor er am 1. Mai zum Vorstandsvorsitzenden avanciert und damit Chef von mehr als 800 Mitarbeitern in Berlin sowie an neun weiteren Standorten in Europa und Indien wird, die zuletzt 130 Mio. € umsetzten. Das waren gut 30 Prozent mehr als im Jahr 2021. Die im Jahr 2015 gegründete Solaris ermöglicht es anderen Unternehmen, sich an ihre Plattform anzubinden, um selbst Anbieter von Finanzdienstleistungen zu werden, ohne eine Banklizenz zu benötigen. Denn für deren Erwerb müssen Antragsteller ein mühsames Prozedere in Kauf nehmen. Binnen acht Monaten war es dem Solaris-Gründerteam seinerzeit gelungen, eine Banklizenz zu bekommen, was in der Branche als sehr zügig galt. Eine Kopie der vom damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi unterzeichneten und schlicht gerahmten Genehmigung hängt heute noch für alle Mitarbeiter und Besucher gut sichtbar im Flur. Über API-Schnittstellen können Partner Finanzdienstleistungen in ihr eigenes Produktangebot integrieren. Konto-, Bezahl- und Kartenlösungen gehören seit den Anfangsjahren zum Kern des Angebots. Rund 80 bis 90 Prozent der Erträge entfallen laut Höltkemeyer auf dieses Geschäft. Das Portfolio umfasst heute zudem Identifikationsprodukte (Know Your Customer) sowie Digital Assets, „die aber noch in den Kinderschuhen stecken“. Als jüngere Milestones bezeichnet der designierte CEO die Kooperation mit Samsung Pay im Jahr 2020. Die Koreaner hatten als erste kontaktloses Bezahlen mit einer eigenen virtuellen Karte auf dem Smartphone angeboten und waren für Solaris der erste prominente Embedded-Finance-Kunde. Kurz darauf folgte eine Partnerschaft mit Vivid Money, Anbieter eines digitalen Girokontos und heute eine der wichtigsten Neobanken im Markt. Im Sommer 2021 gelang eine 190 Mio. € schwere Finanzierungsrunde, die den Berlinern den Erwerb des britischen Wettbewerbers Contist für 153 Mio. € ermöglichte. Mit einer damaligen Bewertung von 1,4 Mrd. € stieg das FinTech zudem zum Unicorn auf. Gleichzeitig eröffnete das Technologieunternehmen Niederlassungen in Frankreich, Spanien und Italien. Im September 2022 folgte der vorerst letzte Meilenstein mit Bekanntgabe eines Deals mit dem ADAC, der gleichzeitig auch den Be- 32 03 | 2023

MANAGEMENT ginn eines Transformationsprozesses markierte. „Wir wollen uns künftig auf große und vergleichsweise bonitätsstarke Kunden im stark wachsenden Embedded-Finance-Markt konzentrieren und werden nicht mehr mit jedem FinTech zusammenarbeiten“, so Höltkemeyer. Für dieses neue Zielsegment gebe es ein enormes Umsatzpotenzial. Dieses schätzt Solaris in den europäischen Kernmärkten auf 14 bis 16 Mrd. €. Zu den neuen Partnern gehört zum Beispiel auch der türkische Zahlungsdienstleister Paycell, der mit seiner Finanz-App den europäischen Markt erobern will. Künftig nicht mehr alles für alle Mit der stärkeren Konzentration auf wachstumsstarke große Unternehmenskunden will sich Solaris zudem stärker auf profitables Wachstum fokussieren. „Bislang haben wir für die Kunden fast alles gebaut, was sie haben wollten. Künftig werden wir nicht mehr alles für alle bauen, sondern streben eine stärkere Standardisierung bei unseren Produkten wie Konto- und Kartenlösungen an.“ Dadurch erreicht Solaris laut Höltkemeyer eine kapitalschonende Ausrichtung des Unternehmens. Im vierten Quartal 2023 soll die Partnerschaft mit dem ADAC offiziell starten. Dann kümmert sich Solaris um rund 1,2 Millionen Kreditkarten des größten deutschen Automobilclubs. „Damit übernehmen wir erstmals ein Co-Brand-Programm“, sagt der Banker. Der Kunde sollte von dieser Migration idealerweise so gut wie nichts mitbekommen. „Dank unseres technologischen Know-hows können wir den Karteninhabern mehr Features anbieten und Innovationen rund um das Loyalitätsprogramm entwickeln.“ Anders als Solaris, die sich von Anfang an auf ein B2B-Geschäftsmodell fokussierte, konzentriert sich Brygge zunächst auf das B2C-Geschäft. Bis zum Jahr 2025 soll jedoch auch eine White-Label-Lösung für Banken fertig sein. Denn dann tritt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft, das festschreibt, dass Online-Finanzdienstleistungen barrierefrei sein müssen. Mit den bis dahin gesammelten Erfahrungen hofft Brygge ein attraktiver Partner für Dritte zu sein. In Hamburg sichtbarer als in Berlin Die aktuelle Belegschaft mit fünf Mitarbeitenden soll vorerst nicht weiterwachsen. Sollte das Team mittelfristig größer werden, wäre es denkbar, bei Bedarf an verschiedenen deutschen Standorten Räume in CoWorking- Spaces zu mieten. Dass die Wahl des Firmensitzes auf Hamburg fiel, bezeichnet Schwertner auch zwei Jahre nach der Gründung als gute Entscheidung. „Es kann auch von Vorteil sein, wenn man nicht einer von Tausend ist, sondern einer von zehn. Wir sind hier viel sichtbarer als in einer Hochburg von FinTechs.“ Zu den vorrangigen Zielen zählen jetzt erst einmal das Erreichen einer kritischen Nutzermasse und der Rentabilität. Mittelfristig steht dann die Expansion in Europa auf dem Plan. „In der EU nutzen gut 40 Prozent der Menschen laut Eurostat noch kein Online Banking.“ Im südlichen Europa gebe es das größte Potenzial für Brygge. Dass sich ältere Menschen in der Finanzwelt nicht ernst genommen oder ausgeschlossen fühlen, empfindet Schwertner keinesfalls als ein deutsches Phänomen und erzählt von Carlos. Der ältere Spanier startete während der Corona-Pandemie unter dem Slogan „I am old, not stupid“ eine äußerst erfolgreiche Unterschriftenkampagne, weil er mit den zunehmenden Online-Services nicht klarkam und sich von seiner Bank ausgeschlossen fühlte. Damit schaffte er es sogar in 03 | 2023 33

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