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die bank 02 // 2021

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

DIGITALISIERUNG CLOUD

DIGITALISIERUNG CLOUD STATT MAINFRAME Warum Altlasten die digitale Bank ausbremsen Die Cloud bietet inzwischen ein überaus etabliertes Angebot, das nicht nur alle Services nahtlos übernehmen kann. Sie ebnet darüber hinaus den Weg zur digitalen Bank, der derzeit oft noch vom Mainframe als Innovations-Bremsklotz blockiert wird. Dabei soll und darf in einer Abwägung nicht vergessen werden, warum der Mainframe nach wie vor Anhänger hat. Die Ablösung des Mainframes ist überfällig. Aber ehe darauf eingegangen wird, lohnt ein Blick auf die Vorteile des rund 60 Jahre alten Konzepts. Dazu zählt zweifelsohne die Technologieoffenheit, etwa für Linux, Java usw. Performance und Ausfallsicherheit sind auch aus heutiger Sicht zeitgemäß. Je nach Aufbau und Nutzung kann ein Mainframe-Konzept sogar zu halbwegs akzeptablen Kosten betrieben werden. Um die oben gestellten Aspekte im Hinblick auf die Mainframe-Ablösung durch ein Cloud-Konzept in aller Kürze zu beleuchten: All die genannten Punkte fallen bei einer Cloud-Lösung nicht weg. Die Wolke bringt dafür aber mehrere Vorteile mit sich. An erster Stelle steht die zügige Einführung von Innovationen, wie sie mit Mainframes eben nicht vergleichbar möglich ist. Damit ist auch gleich die Frage beantwortet: Warum soll ein x86-basiertes, dezentrales System besser sein – eben, weil es mehr kann. An dieser Stelle muss ein weiterer Punkt berücksichtigt werden, der vielfach erst auf den zweiten Blick auffällt, nämlich das Personal. Der menschliche Faktor Tatsächlich spricht allein schon der menschliche Faktor dafür, den Mainframe eher früher als später zu verabschieden: Seine Programmiererinnen und Programmierer gehen langsam aber sicher in Rente. Damit gibt es einen immer kleineren – und immer teureren – Experten-Pool für die Entwicklung von Anwendungen etwa in Assembler, COBOL, PL1 (Programmiersprache ONE), Natural oder ADSA/O. Da die meisten Unternehmen, auch jenseits der Finanzbranche, immer stärker auf die Cloud setzen, dürfte dieser Pool weiter austrocknen. Und auch, wer noch Entwickler hat, kann sich nicht sicher sein, dass sie Innovationen in die gewünschte Richtung vorantreiben – Hemmschuh ist oft eine Haltung wie „Das haben wir schon immer so gemacht, das bleibt so!“ Das bedeutet natürlich nicht, dass bewährtes Personal per se ein Problem darstellt. Die erwiesenen Vorteile diverser Teams, auch im Hinblick auf unterschiedliche Altersgruppen, können jedoch nicht genutzt werden. Spätestens beim Blick auf die Universitäten wird klar, dass neue Programmiersprachen den Markt erobert haben – und diese sind nicht eben auf den Mainframe ausgerichtet. Studien bestätigen, dass die Verfügbarkeit von qualifizierten technischen Angestellten bereits seit 2018 die Fähigkeit zur Beibehaltung von Service Level Agreements (SLA) und die Verbesserung von Anwendungen erheblich beeinträchtigen. Es gibt heute schon Engpässe. Während der Corona-Krise fehlten solche Fähigkeiten bereits: Mehrere US-Bundesstaaten mussten laut einem CNBC-Bericht für ihre IT-Abteilungen dringend COBOL- Entwickler anfordern, um notwendige Änderungen an Applikationen umzusetzen und so Regierungshilfe bereitstellen zu können. Die Kosten kippen Ein Mainframe kann je nach Umsetzung zu halbwegs akzeptablen Kosten betrieben werden. Zur Einschränkung „kann“ gilt es, ein „noch“ hinzuzufügen. Denn allein mit Blick auf die bis hierher skizzierten Herausforde- 64 02 // 2021

DIGITALISIERUNG 1 | Mainframe-Anwendungen auf Linux oder Windows können identische Strukturen verwenden Mainframe Environment Windows/Linux Presentation 3270 3270 or HTML5 Batch JES, JCL JES, JCL Transaction Processor & Application CICS, COBOL/PL1 CICS, COBOL/PL1 Data store VSAM, IMS, DB2 VSAM, IMS, DB2 Operating System VSE, OS/390, z/OS Windows/Linux Hardware System z x86 Quelle: Eigene Darstellung. Anwendungen modernisieren Das strategisch bedeutsamere Modell ist sicherlich, Anwendungen grundlegend zu morungen beim Personal zeigt sich, dass die Kosten steigen werden. Und bei ehrlicher Analyse hat – so ein Erfahrungswert der Autoren aus vielen entsprechenden Projekten – noch keine Mainframe-Umgebung kostenseitig überzeugt. Besonders teuer wird das Fehlen der Cloud, wenn es um die Geschäftsmodelle von morgen geht, die ausschließlich eine digitale Bank unterstützen kann. Denn nur mit der Cloud sind überhaupt die erforderlichen Innovationen möglich, diesen Weg zu gehen. Dass insbesondere alteingesessene Mainframe-Freunde eine andere Meinung dazu haben werden, ist unvermeidlich – sie haben in der Regel aber auch nicht die Erträge zu verantworten. Und hier sieht es nun einmal so aus, dass die Cloud mit ihren Fähigkeiten ungeschlagen ist. Ein Beispiel: Allein die Cloud-Plattform Azure erhält jedes Jahr mehr als 1.000 neue Funktionen oder Fähigkeiten, also ungefähr 100 pro Monat. Solche Zahlen gelten grosso modo auch für andere führende Clouds. Mit einem Zyklus von zwei bis vier Releases pro Jahr, auf den viele Banken und Versicherungen nach wie vor setzen, werden sie künftig kaum gegen FinTechs und Neueinsteiger bestehen können, denn diese kommen auf 20 und mehr Releases – täglich. Mainframe ablösen – aber wie? Die IT-Welt, aber nicht nur sie, ist voll von Beispielen, bei denen Unternehmen zu lange am Bewährten festgehalten haben. Natürlich ist die rhetorische Frage unvermeidbar, wer heute noch ein Blackberry-Telefon verwendet. Das Unternehmen hat sich zu spät gewandelt. Und weil solche Änderungen Zeit benötigen, sind Banken gut beraten, endlich ernsthaft damit zu beginnen. Richtig angegangen sind die Änderungsschmerzen weniger groß, als vielleicht bisweilen vermutet. Die zu berücksichtigenden Faktoren im Hinblick auf Services und Anwendungen sind bei einer Migration: Z der spezifische Wert für das Geschäft, Z der Änderungsgrad im Entwicklungszyklus, Z die Anzahl der Nutzer, Z die erwartete Lebensdauer, Z die Stabilität, Z spezifische finanzielle Auswirkungen und Z technische Zwänge. Je nach den individuellen Gegebenheiten gibt es demnach unterschiedliche Herangehensweisen. Die beiden Enden des Intervalls bilden eine radikalere Neufassung in einer modernen Sprache wie Java oder .Net, eventuell unterstützt durch automatisierte Code-Migration, oder das konservativere Re-Hosting, bei dem etwa COBOL einstweilen im System verbleiben kann – eine Option, wenn genug Ressourcen im Unternehmen vorhanden sind. Auf die Cloud setzen Vor der Wahl einer Cloud-Lösung ist es für IT-Verantwortliche ratsam, sich noch einige weitere Fragen zu stellen. Ist etwa eine Fusion oder Ausgliederung geplant? Soll das OPEXoder CAPEX-Modell zum Einsatz kommen? Wie sehr muss der TCO gesenkt werden? Welcher Entwicklungsansatz soll künftig gelten? Ist genug Budget für eine Modernisierung vorhanden? Und last but not least: Gibt es die Unternehmenskultur her, adäquat auf Geschäftsanforderungen und hohe Geschwindigkeit zu reagieren? Ganz grundsätzlich gilt: Wie immer die Antwort ausfällt, eine Cloud-Nutzung ist stets machbar und ratsam, lediglich die Herangehensweise ändert sich entsprechend. Technologisch kann die Cloud-Infrastruktur schon lange mit dem Mainframe mithalten oder übertrifft ihn gar. Das gilt zumindest, solange die Migration und die Herangehensweise stimmen: „Designed for Failure“ und von monolithischen Anwendungen zu (Mikro-) Diensten, die in mehreren Instanzen und mehreren Regionen eingesetzt werden. Auch bei der IT-Security wird ein Paradigmenwechsel anstehen, weg vom Perimeterschutz hin zum Schutz der Daten im Ruhezustand und während der Übertragung. Die IT-Governance kann ebenfalls nicht 1:1 übernommen werden, die Lizenzierung wird sich ändern usw. Der Wechsel zur Cloud ist eine Investition, und wie bei jeder Investition sind die Erträge der Zukunft ausschlaggebend. Mit Wissen über die jeweilige Cloud-Plattform können die richtigen Optionen für einen entsprechenden Mehrwert gewählt werden. Dabei bleiben grundsätzlich und in verschiedenen Ausprägungen das Re-Hosting und die Anwendungsmigration. 02 // 2021 65

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