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die bank 02 // 2020

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT AUSSICHTEN FÜR

MARKT AUSSICHTEN FÜR LONDON UND HONGKONG Brexit und politische Unruhen belasten Finanzzentren Die politischen Ereignisse im Vereinigten Königreich und in Hongkong sowie der Handelskrieg der beiden Supermächte USA und China werden den Wettbewerb unter den führenden globalen Finanzzentren verschärfen. London und Hongkong dürften wegen ihrer technologischen Infrastruktur und des umfangreichen Talentpools ihre dominierenden Positionen behalten. Allerdings werden aufstrebende Standorte wie Paris und Frankfurt sowie viele asiatische Städte ihren Rückstand auf die Top-5-Standorte verringern. Die Hoffnungen vieler europäischen Politiker und Lobbyisten, wonach es auf dem Finanzplatz London bald zu einer großen Verlagerung der Handelsaktivitäten in Richtung Kerneuropa kommen wird, dürften aus heutiger Sicht nicht aufgehen. Obwohl makroökonomische und geopolitische Veränderungen – wie der Brexit und die politische Instabilität in Hongkong – langfristig wahrscheinlich Auswirkungen auf die Anziehungskraft und Stabilität dieser beiden Finanzzentren haben werden, so ist eine kurzfristige Verlagerung weg von diesen Zentren jedoch höchst unwahrscheinlich, glaubt etwa Leon Saunders-Calvert: „Die umfangreiche Infrastruktur und die Talentpools, die mit diesen Standorten als Kompetenzzentren für Kapitalmanagement verbunden sind, sind an anderen Standorten nicht leicht zu replizieren“, betont der Head of Sustainable Investing & Lipper Fund Analytics at Refinitiv. In Hongkong hat es bislang keine Schnellschüsse oder Abwanderungen von Banken gegeben. Zum einen haben einige Banken eine viel zu große Präsenz in Hongkong, zum anderen setzen viele Institute schon jetzt auf Singapur. Wenngleich die Sonderverwaltungszone im vergangenen Jahr in eine Rezession geraten ist, sind die Finanzmärkte von den Unruhen weitgehend unberührt geblieben, was sich auch an der großen Zahl von Börsengängen, darunter Alibaba, zeigt. 26 02 // 2020

MARKT 1 | Europas größte Finanzplätze (nach Zahl der Mitarbeiter im Finanzsektor) London Paris Zürich Frankfurt München Luxemburg Amsterdam Genf Dublin 400.000 147.000 90.000 75.000 60.000 45.000 44.000 37.000 23.000 Quelle: Statistica.com. Der Grund dafür sei, dass Hongkong in erster Linie ein Offshore-Zentrum ist, das die globalen Finanzmärkte mit dem chinesischen Festland verbinde, erklärt Maximilian Kärnfelt, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Mercator Institute for China Studies (MERICS). Daher würden die Ereignisse in Hongkong nur einen marginalen Einfluss auf die Kapitalströme in der Finanzmetropole haben. Ferner sei es sehr unwahrscheinlich, dass Shenzhen den Platz Hongkongs einnehmen könne. Das liege daran, dass ihm die institutionellen Voraussetzungen für die Entwicklung des Finanzplatzes fehlten, d. h. Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und, vielleicht am wichtigsten, freie Kapitalströme, so Kärnfelt. Wie wird der Brexit die Finanzmärkte treffen? Durch den Brexit seien keine bedeutenden kurzfristigen Verwerfungen an den Finanzmärkten zu erwarten, sagt auch Stephan Lutz, Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und Leiter des Bereichs Capital Markets. Denn die Kapitalmarktteilnehmer wurden durch die Entscheidung des britischen Parlaments zum Ausstieg am 31. Januar 2020 nicht überrascht. Der Fahrplan für die nächsten zwölf Monate sei klar, insbesondere durch die Übergangsperiode bis Ende 2020. Interessant bleibe, wie schnell man sich bei wesentlichen Punkten im Rahmen des Freihandelsabkommens einigt, was je nach Fortschritt zu Verwerfungen gegen Ende der Übergangsperiode führen könnte, führt Lutz weiter aus. In die gleiche Kerbe schlägt Tim Jennison, Partner bei der Boston Consulting Group (BCG). Er geht davon aus, dass der lange diskutierte Brexit bereits in den Märkten und Erwartungshaltungen der Akteure eingepreist ist – auch, weil gerade im letzten Jahr immer wieder auf das Worst-Case-Szenario eines ungeregelten Ausstiegs, den sogenannten Hard Brexit, hingewiesen wurde. Von großer Bedeutung würden jedoch die Details aus dem Abkommen zu Finanzdienstleistungen mit der EU sein. Das Finanzzentrum London werde also mit weiteren Auswirkungen rechnen müssen, deren Signifikanz stark vom neu zu verhandelnden Abkommen abhängen wird, betont Jennison. Im besten Fall werde das sogenannte Regulatory Equivalence manifestiert, was zu weniger Abwanderungen aus London nach New York und Frankfurt führen würde. In diesem Zusammenhang weist der BCG-Experte darauf hin, dass in Bezug auf gehandelte Volumina etc. nicht mehr London, sondern New York das führende globale Finanzzentrum ist. Das gehe aus zahlreichen Indizes hervor, wie dem Global Financial Centres Index mit Daten der Weltbank, der OECD und der Economist Intelligence Unit. Mit 400.000 Arbeitnehmern bleibt London derzeit noch die Stadt mit den meisten Bank-Beschäftigten in Europa. ÿ 1 Asiatische Finanzplätze holen auf Vor dem Hintergrund des wachsenden globalen Finanzierungsbedarfs, der in den nächsten zehn bis 20 Jahren besonders hoch sein dürfte, ist die Erhebung von Daten über die verschiedenen Finanzzentren von größter Bedeutung. Um die Wettbewerbsfähigkeit der Finanzplätze zu vergleichen, erstellt das Beratungshaus Z/Yen Group jährlich ein Finanzstandort- Ranking, den Global Financial Centres Index. Im letzten GFCI-Index konnte die britische Hauptstadt zwar ihren zweiten Platz hinter New York behaupten, doch der Vorsprung auf Standorte wie Hongkong und Singapur hat sich verringert. Die fünf führenden Finanzzentren – New York, London, Hongkong, Singapur und Schanghai – haben in diesem Ranking allesamt an Boden verloren. Da dafür zum großen Teil die geopolitischen Turbulenzen in Hongkong, Handelskriege und der Brexit verantwortlich sein dürften, ist davon auszugehen, dass es im GFCI-Index 2020 weitere Verschiebungen innerhalb der Top- 5-Plätze geben wird. Während London und Hongkong um 14 bzw. 12 Punkte absanken, konnten Finanzplätze wie Paris und Amsterdam jeweils um 29 Punkte gegenüber dem Vorjahr aufholen. Nicht mehr unter den ersten zehn Finanzzentren ist Frankfurt, das nun auf Platz 15 liegt. Mit Blick auf den Brexit sind sich die Autoren der GFCI-Studie sicher, dass die beiden führenden britischen Finanzzentren im Vereinigten Königreich, London und Edinburgh, 02 // 2020 27

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