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die bank 01 // 2021

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

#zvzukunft2021 Online-Fachkonferenz Zahlungsverkehr der Zukunft 24. und 25. Februar 2021 SCHWERPUNKT ZAHLUNGSVERKEHR 1 | Payments Disruptability Index nach Märkten Die Größe der einzelnen Kreise geben einen Hinweis auf den relativen Transaktionswert in den jeweiligen Ländern. Hoch Rentabilität Volatilität USA Niedrig Aktueller Grad der Disruption Polen Deutschland Schweden Australien Spanien Frankreich Italien Niederlande Singapur Kanada Japan Thailand Stabilität China Indien Malaysia Brasilien Mexiko Indonesien Vereinigtes Königreich Anfälligkeit Niedrig Hoch Asien-Pazifik Lateinamerika Nordamerika Europa Quelle: Accenture Payments Disruptability Index. ihres Instituts sei, und sogar nur 38 Prozent gaben an, dass die Zahlungsverkehrsvorhaben über das gesamte Institut hinweg koordiniert werden. Banken droht Bedeutungsverlust im Zahlungsverkehr Mit der immer größer werdenden Lücke beim Thema Zahlungsverkehrslösungen zwischen den traditionellen Banken und innovativen Wettbewerbern droht den Bankhäusern ein Bedeutungsverlust in diesem Geschäftssegment. Zahlungsverkehr mag zwar kein margen- und gewinnträchtiges Geschäft sein, bildet insgesamt aber eine wesentliche Basis für eine starke Bindung zum Kunden, die zu mehr Geschäft in anderen – gewinnversprechenden – Bereichen führen kann. Die aus dem Zahlungsverkehr gewonnenen Daten werden sowohl im Privatkundenals auch im Firmenkundensegment immer wichtiger für einen 360-Grad-Blick auf den Kunden und gelten als notwendiger Ansatzpunkt für weitere umsatzgenerierende Services. Die Karteninfrastruktur am Point-of-Sale wird zukünftig immer mehr Bedeutung für die Vergabe von Ratenkrediten zum Zeitpunkt des Kaufs bestimmter Waren haben und den Abschluss traditioneller Ratenkredite verdrängen. Für die neuen Wettbewerber sind daher neue, innovative Zahlungsverkehrslösungen lediglich ein Sprungbrett zu weiteren Services und Angeboten, die den Banken auch in anderen Bereichen Konkurrenz und Marktanteile streitig machen. Dessen sollten sich Banken, denen eine Payment- Lösung als nicht lukrativ genug erscheint, bewusst sein. Gleichzeitig müssen die Institute verstehen, dass auch die technologischen Herausforderungen im Zahlungsverkehr nicht kleiner werden. Viele Banken haben schon die SEPA-Umstellung und die im nächsten Jahr anstehende Formatmigration für Target2 und SWIFT nicht rechtzeitig zu einer grundlegenden Modernisierung ihrer Zahlungsverkehrssysteme genutzt, sondern vielfach mit Konverterlösungen gearbeitet. Selbst angesichts der Herausforderung durch Instant Payments wurden lieber bestehende Prozesse zurechtgebogen, anstatt neue Methoden zu entwickeln. Mit der Einführung von digitalem Zentralbankgeld und der Herausgabe von digitalem Giralgeld durch die Banken selbst stellen sich aber ganz neue Herausforderungen im Zahlungsverkehr, die auch das Potenzial haben, die Art und Weise, wie wir Zahlungsverkehr betreiben, ein weiteres Mal deutlich zu verändern: Die Gefahr der Disintermediation nimmt zu, die Wertschöpfungsketten im internationalen Zahlungsverkehr werden komplett neu geordnet und verkürzt, Real Time bei jeder Transaktionen wird damit tatsächlich der Standard, die abzuwickelnden Zahlungseinheiten werden durch Smartmeter und Maschinenzahlungen atomisiert und die Zahl der abgewickelten Zahlungsverkehrstransaktionen damit sprunghaft ansteigen. Angesichts der von vielen Zentralbanken weltweit gestarteten Initiativen zu digitalem Zentralbankgeld wird es immer wahrscheinlicher, dass es entsprechende Veränderungen im Zahlungsverkehr in den kommenden zehn Jahren auch tatsächlich geben wird – auch weil digitales Zentralbankgeld das Vertrauen der Marktteilnehmer in diese Technologie deutlich steigern wird. In der Folge wird auch 56 01 // 2021

SCHWERPUNKT ZAHLUNGSVERKEHR die Herausgabe von digitalem Giralgeld durch Banken selbst eine größere Bedeutung erlangen – sowohl um die Risiken, die aus digitalem Zentralbankgeld für Banken resultieren, zu mitigieren, als auch um Nicht-Banken, die in diesem Segment Angebote aufbauen, etwas entgegenzusetzen. Die grundlegende Handlungsstrategie von Banken im Zahlungsverkehr, die sich diesen Herausforderungen jetzt und in Zukunft stellen wollen, hängt stark davon ab, welche Bedeutung die Bank einer eigenen performanten Zahlungsverkehrs-Infrastruktur für das zukünftige Geschäftsmodell beimisst. Dabei ist auch eine Kombination der Modelle in unterschiedlichen Bereichen des Zahlungsverkehrs denkbar: Z Banken, für die der Zahlungsverkehr ein integraler Bestandteil ihrer zukünftigen Geschäftsstrategie ist und die daher auf eine eigene Zahlungsverkehrsverarbeitung nicht verzichten wollen, um Innovation und Services selber steuern zu können, müssen sich mit einer tiefgreifenden Transformation ihrer Payment-IT beschäftigen. Nur so werden sie Flexibilität gewinnen und die operativen Kosten senken können. Dies kann durch eine Migration der Legacy-Systeme auf eine neue, flexible IT-Architektur und durch den Betrieb einer solchen neuen Lösung in der Cloud gelingen. Wird dies langfristig in den Mittelpunkt aller Bemühungen gestellt, kann eine tiefgreifende Modernisierung stattfinden. Z Banken, die aufgrund von begrenzten, eigenen Volumina nicht in der Lage sind, eigene Zahlungsverkehrssysteme langfristig wirtschaftlich zu betreiben und nicht dau- Z erhaft die notwendigen Modernisierungsinvestitionen in diese Infrastruktur leisten können, sollten sich überlegen, ob ein Outsourcing der Payment-IT nicht die bessere Strategie ist. Zwar ist der Grad an individueller Innovation in einem solchen Modell begrenzt, der richtige Partner kann aber dabei helfen, die Systeme aktuell zu halten, zukünftige Modernisierungslücken zum Marktstandard zu vermeiden und zugleich die Systeme zu einem wettbewerbsfähigen Preis zu betreiben. Kosten können so dauerhaft gesenkt werden. Abhängig von dem gewählten Modell kann das Institut selbst bestimmen, wie viel Kontrolle man behalten oder abgeben will. Zudem sollten sich Banken überlegen, ob in bestimmten Bereichen des Zahlungsverkehrs die Kooperation mit einem spezialisierten FinTech nicht die bessere Wahl ist, als der Versuch, mit zusätzlichen Investitionen einen entsprechenden Service selbst nachzubauen. Banken können sich dann mit ihren Investitionen auf den Teil des Zahlungsverkehrs konzentrieren, der für ihr Geschäftsmodell wirklich von zentraler Bedeutung ist. Trotzdem können sie so auch andere Zahlungsverkehrsservices zu geringen Kosten und mit einer guten, digitalen Kundenerfahrung anbieten. Der Trend, dass immer mehr FinTechs sich einen eigenen Endkundenvertrieb sparen und stattdessen Kooperationen mit Banken und Dritten mit großen Kundennetzwerken eingehen, wird sich in Zukunft weiter verstärken. FAZIT Die Möglichkeiten sind da, Banken müssen sie aber auch ergreifen. Überlassen die Institute den Bereich Payments jetzt gänzlich den innovativen Wettbewerbern, werden diese daraus ungehindert neue Services und Produkte mit erheblichem Mehrwert für die Kunden entwickeln. Der Vorsprung könnte dann – wenn überhaupt – nur durch große Anstrengungen und kostspielig aufgeholt werden. Die Zeit, jetzt wichtige Investitionen klug an den richtigen Stellen zu tätigen, ist gekommen. Autor Oliver Hommel ist als Experte für Zahlungsverkehr bei Accenture tätig. 1 „Playing the Long Game in Payments Modernization", Accenture, 2020. 01 // 2021 57

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