Aufrufe
vor 1 Jahr

die bank 01 // 2016

  • Text
  • Banken
  • Unternehmen
  • Diebank
  • Deutschland
  • Deutsche
  • Banking
  • Mitarbeiter
  • Deutschen
  • Zudem
  • Institute
die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

ó FINANZMARKT

ó FINANZMARKT Regulatorisches Kollisionsrisiko BANKENREFINANZIERUNG Die Solvency-II-Richtlinie (Richtlinie 2009/138/EG) ist in Deutschland ab dem 1. Januar 2016 gültig. Die Mehrheit der deutschen Banken hat Basel III zu großen Teilen eingeführt, sodass die Basel IV-Inhalte seit geraumer Zeit in Diskussion sind. Das Zusammenspiel der Regelwerke beeinflusst die Finanzierung der Versicherungen und Unternehmen. Darüber hinaus birgt es bislang weitgehend unbeachtete Risiken. Mehmet Sarialtin Keywords: Basel III, Solvency II, Finanzierung Um die systemischen Risiken nach der jüngsten Finanzmarktkrise weltweit zu reduzieren, wurde nicht nur der Bankensektor intensiver reguliert, sondern auch die Versicherungswirtschaft. Analog zu Basel III stehen im Zentrum von Solvency II vor allem höhere Eigenmittelanforderungen. Paradoxerweise werden Versicherungen jedoch durch das Regelwerk tendenziell zur Investitionen in kurzfristige Anleihen animiert, da diese geringere Risiken aufweisen und aus diesem Grund mit weniger Eigenmitteln unterlegt werden müssen. Da Banken sich allerdings im großen Umfang durch langfristige Bankanleihen refinanzieren, in die vor allem die Versicherungen bisher investiert haben, droht den Instituten an dieser Stelle eine Refinanzierungsquelle wegzubrechen. Grundsätzlich kann die strukturelle Liquiditätsquote (Net Stable Funding Ratio, NSFR) zur Steuerung der Fristentransformation und Minimierung des Refinanzierungsrisikos beitragen, dennoch sollte sie lediglich als Mindestmaßnahme gesehen werden. Durch die geschilderten Wechselwirkungen wird es Banken nicht leichter fallen, solide Refinanzierungsquellen zu erschließen. Das Risiko, dass hierbei eine Reaktionskette ausgelöst wird, die wiederum weitere Negativeffekte auf die langfristige Unternehmensfinanzierung hat, kann nicht ausgeschlossen werden. Grundsätzlich wurde bereits nachgewiesen, dass Versicherungen durch das Solvency-II-Regelwerk dazu motiviert werden, in kurzfristige und nicht in langfristige Vermögenspositionen zu investieren. Daher ist das Geschäftsmodell der Versicherungen und insbesondere der Lebensversicherungen mit der Solvency-II-Richtlinie nur teilweise konform. Es benachteiligt Anleihen wie Unternehmens- und Bankenanleihen mit einem langen Investmenthorizont. Dieser Konstruktionsfehler belastet alle Versicherungsgeschäftsmodelle. Speziell die Lebensversicherungen sehen sich neben der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank und der damit verbundenen Garantiezinsproblematik mit einer zusätzlichen Herausforderung konfrontiert. Auswirkungen auf die Bankenrefinanzierung Die Versicherungen verwalten einen Großteil des Geldvermögens, um Sach- und Gesundheitsschäden der versicherten Personen abzusichern. Daher haben sie eine Funktion als Kapitalsammelstelle und somit auch Einfluss auf den gesamtwirtschaftlichen Kurs. Die in Europa und vor allem in Deutschland ausgeprägte Interaktion zwischen Versicherern, Banken und Unternehmen fördert einige diskussionswürdige Merkmale zutage. Die Versicherungen finanzieren Unternehmen indirekt über den Bankensektor. Das Zusammenspiel von Solvency II und Basel III führt nun dazu, dass sich die unternehmerische Umwelt der Banken und Versicherungen, aber auch der Unternehmen, verändert. Die Banken, aber auch Versicherungen müssen ihr Risikobewusstsein an die neuen Umstände anpassen. Hierbei kann durchaus von einem Paradigmenwechsel gesprochen werden. Die deutschen Banken und Versicherungen sind bei der direkten und indirekten Unternehmensfinanzierung stärker beteiligt als beispielsweise Großbritannien und Frankreich. Daher hat die Analyse der Auswirkungen von Solvency II auf die Vermögensallokation der Versicherungen eine bedeutendere Stellung. Die Engagements der Versicherungsunternehmen im deutschen Bankensystem zeigen, dass sie eine starke Investorengruppe in folgenden Kategorien sind: ungedeckte Bankschuldverschreibungen, Bankdarlehen, Pfandbriefe, nachrangige Darlehen und Genussrechte. Die Versicherungen spielen auch bei den Hybridkapitalanlagen aus direkten und indirekten Investitionen eine signifikante Rolle. Während die Versicherungen durch die direkte Finanzierung von Banken den Finanzsektor unterstützen, ist bei der indirekten Unternehmensfinanzierung eine Unterstützung der Realwirtschaft, sprich der Unternehmen, durch Versicherungen zu vermerken. Somit sind grundsätzlich neben den Solvency-II-Auswirkungen auf die Banken, auch die Auswirkungen auf die Unternehmen, insbesondere auf die kleinen und mittelständischen Unternehmen zu betrachten. 22 diebank 01.2016

FINANZMARKT ó Die Effekte auf die Vermögensallokation der Versicherungen durch Solvency II sind auch aus dem Grund zu beobachten, da nun Banken aufgrund der Basel III-Anforderungen ihre Bilanzen angepasst haben und auch weiterhin anpassen werden. Sie sind zunehmend auf die Fremdfinanzierung angewiesen. Die Banken sind somit stärker von Eigenkapitalaufstockung sowie alternativen Fremdfinanzierungsquellen abhängig, da ihnen die Refinanzierungsquellen durch die Versicherungen wegbrechen können. In beiden Fällen müssen die Zinsaufwendungen auf der Passivseite durch geschäftliche Engagements beziehungsweise Zinserträge der Aktivseite gedeckt werden. Dies wiederum erschwert den Banken die Deckung der gesamten Fremdkapitalkosten, da die Risikoaktiva nun eine höhere Eigenkapitalunterlegung erfordern. Die Basel IV-Einführung wird diese bereits bestehende Entwicklung nochmals verschärfen. Die Unternehmen nehmen hierbei die Veränderungen im Banken- und Versicherungsumfeld wahr und passen sich an, indem sie ihre Eigenkapitalbasis stärken und beispielsweise alternative Finanzierungsquellen erschließen. Unter Solvency II müssen die Versicherungen für Bankanleihen mit einem AA- Rating (z. B. CoCo-Bonds, Tier1-Anleihen) mit einem deutlich höheren Faktor für die Eigenmittelunterlegung belasten. Sie werden somit wie eine langfristige BBB- Bankanleihe behandelt. Dies führt nicht selten zu einer Verdopplung des Faktors, auch wenn sich die Laufzeit und der Emittent nicht verändern. Ein zusätzlicher Effekt ist durch das Credit Spread Modul initiiert, sodass die langfristigen Anleihen für die Versicherungen zunehmend unattraktiver werden. Unter Basel III erhöht sich das Gesamtangebot an Bankanleihen, sodass gegensätzliche Entwicklungen an dieser Stelle aufeinandertreffen. Dies führt dazu, dass Banken sich womöglich vermehrt über Pfandbriefe refinanzieren werden. Darüber hinaus sind den Banken die Refinanzierungsgarantien über Geldmarktfonds und Hedgefonds sowie Real Money Funds weiterhin nicht gewährleistet. Mögliche Reaktionen der Banken Die Banken werden ein eigenes Monitoring der zukünftigen Refinanzierung betreiben, da keine Auswirkungsstudien der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und betriebliche Altersversorgung (European Insurance and Occupational Pensions Authority, EIOPA) zu den hier beschriebenen Effekten existieren. Sie müssen sich dabei auf die Struktur ihrer Passivseite konzentrieren. Der Refinanzierungsbedarf muss verstärkt gesteuert und das Investitionsverhalten der Investoren aus dem Versicherungsbereich beobachtet werden. Die Zukunft der Unternehmensfinanzierung kann sich aufgrund des genannten Zusammenspiels zwischen Basel III und Solvency II kritisch entwickeln. Diese strukturelle Ausprägung ist in Deutschland besonders stark ausgebildet, sodass hier ein besonders hohes regulatorisch bedingtes Kollisionsrisiko konstatiert werden muss. Es existiert aufgrund der Berührungspunkte von Basel III und Solvency II und liegt in den Konstruktionsfehlern beider Regelwerke begründet. Die Bank muss dieses regulatorisch bedingte Kollisionsrisiko identifizieren, bewerten und steuern. Das Monitoring des regulatorischen Umfelds wird aus diesem Grund noch wichtiger werden als in der Vergangenheit. Aktuelle Herausforderungen und Fazit Die Bankenportfolios passen sich schon seit geraumer Zeit an, genauso wie die Geschäftsmodelle der Versicherungen. Die Banken und Versicherungen möchten ebenso wie Unternehmen ihre Renditeziele nicht aus dem Fokus rücken lassen. Die Bankensteuerung erfolgt im Hinblick auf die Erfüllung der Renditeziele, die wiederum in Anlehnung an den Risiko-Rendite- Aspekt formuliert sind. Im kybernetischen Sinne sollten Versicherungen und Banken ihre Geschäftsstrategie aktiv steuern, um nicht einer zukünftigen Regelung unterworfen zu sein. Herausforderungen bestehen auch auf der Unternehmensseite, die bereits erste Negativsignale aufgrund von Basel III wahrgenommen hat. Die Solvency II-Regelungen spielten in diesem Zusammenhang bisher eine untergeordnete Rolle. Die Auswirkungen auf die Fremdkapitalkosten der Unternehmen und die Suche nach alternativen Finanzierungsformen sind strategische Sachverhalte, welche die höheren Managementebenen vor diesem Hintergrund noch weiterhin beschäftigen werden. Die Finanzmarktakteure haben bislang eigene Anpassungsmechanismen entwickelt, die ihnen helfen, sich an die regulatorischen Umstände anzupassen. Auch wenn die Mehrheit der Lebensversicherungen ihr Geschäftsvolumen abbaut, bieten viele ihren Kunden anstelle des Garantiezinses nun eine Überschussbeteiligung an. Da die Lebensversicherungen durch die Niedrigzinspolitik der EZB und durch die Solvency II-Richtlinie belastet sind, können derartige Anpassungsbedarfe auf diese Ursache zurückgeführt werden. Neben diesem Sachverhalt hat das Long Term Guarantees Assessment (LTGA) zu der Lösung der Bewertungsprobleme langfristiger Verpflichtungen unter Solvency II beigetragen. Während die großen Versicherungen die Solvency II-Richtlinie effizient umsetzen können, sind Herausforderungen bei den kleinen bis mittelgroßen Versicherungen erkennbar. Dies hat die fünfte Quantitative Auswirkungsstudie bereits nachgewiesen. Seitens der Banken sind weitere Erschließungen von Finanzierungsinstrumenten zu erwarten. Innovative Finanzierungslösungen werden hierbei weiterhin attraktiver werden. Der Bankensektor wird auf die Solvency II-Richtlinie reagieren und sich neu regulieren. ó Autor: Mehmet Sarialtin ist Berater (Banking) bei Sopra Steria Consulting. 01.2016 diebank 23

die bank

die bank 01 // 2019
die bank 02 // 2019
die bank 03 // 2019
die bank 04 // 2019
die bank 05 // 2019
KINOTE 01.2019
die bank 06 // 2019
diebank 07 // 2019
diebank 08 // 2019
diebank 09 // 2019
diebank 10 // 2019
die bank 01 // 2018
die bank 02 // 2018
die bank 03 // 2018
die bank 04 // 2018
die bank 05 // 2018
die bank 06 // 2018
die bank 07 // 2018
die bank 08 // 2018
die bank 09 // 2018
die bank 10 // 2018
die bank 01 // 2017
die bank 02 // 2017
die bank 03 // 2017
die Bank 04 // 2017
die bank 05 // 2017
die bank 06 // 2017
die bank 07 // 2017
die bank 08 // 2017
die Bank 09 // 2017
die bank 10 // 2017
die bank 01 // 2016
die bank 02 // 2016
die bank 03 // 2016
die bank 04 // 2016
die bank 05 // 2016
die bank 06 // 2016
die bank 07 // 2016
die bank 08 // 2016
die bank 09 // 2016
die bank 10 // 2016
die bank 11 // 2016
die bank 12 // 2016
die bank 01 // 2015
die bank 02 // 2015
die bank 03 // 2015
die bank 04 // 2015
die bank 05 // 2015
die bank 06 // 2015
die bank 07 // 2015
die bank 08 // 2015
die bank 09 // 2015
die bank 10 // 2015
die bank 11 // 2015
die bank 12 // 2015

© die bank 2014-2018