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KINOTE 01.2020

Um einen Wandel der Finanzbranche erfolgreich zu meistern, müssen Kreditinstitute sowohl Chancen als auch Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz (KI) erkennen. Unter der neuen Marke KINOTE der Bank-Verlag GmbH finden Sie Meldungen, Studien und Fachartikel zum Themenkomplex KI. Wir beantworten Ihre Fragen rund um KI. Wir berichten über Trends, neue Technologien, Forschungsergebnisse und daraus entstehende Möglichkeiten, die KI Ihrem Unternehmen bietet.

24 01 | 2020 antwortung

24 01 | 2020 antwortung häufig gar nicht oder nicht im Sinne der Anwender beantwortet. Der Ethikbeirat HR-Tech hat dies als Handlungsfeld erkannt und in seinen Richtlinien klar und deutlich berücksichtigt. Das gab es so konkret und in dieser Vollständigkeit noch nicht. KINOTE: Aber es gibt doch das im März veröffentlichte KI Weißbuch der Europäischen Union… Kramarsch: … das eher generell die Möglichkeiten von KI und Investitionen in diesem Bereich beschreibt. Eine konkrete Orientierung, was beim Einsatz von KI über den technischen Rahmen hinaus zu beachten ist, gibt auch dieses Papier nicht. Und diese Orientierung brauchte es drängender denn je. Denn nicht alles, was Anbieter versprechen, erfüllt die notwendigen Standards oder ist mit europäischen oder gar deutschen Gesetzen, Mitbestimmung, Datenschutz und sonstigen Unternehmensrealitäten vereinbar. KINOTE: Sie spielen auf die Präsenz von nicht-europäischen Anbietern an, die forscher agieren. Was sind die Hintergründe für unseren eher vorsichtigen Blick auf den Einsatz von KI und modernen Technologien in der Arbeitswelt? Knab-Hägele: Bei der Bereitschaft zum Einsatz moderner Technologien gibt es kulturell erhebliche Unterschiede. Denken Sie nur an den Einsatz von Überwachungstechnologien in China. Das verstört uns Europäer. Auch steht in Asien wie in den USA eher das Trial-and-Error-Prinzip beim Einsatz moderner IT im Vordergrund. In unserem Kulturraum setzen wir uns in der Regel zunächst mit grundsätzlichen Regeln auseinander, definieren Anforderungen und starten dann in Experimente. Der Persönlichkeits- und Datenschutz ist bei uns ein deutlich höheres Gut als etwa in Nordamerika oder Asien. KINOTE: Mit anderen Worten: Datenschutz bremst den Einsatz von KI? Kramarsch: Das ist eine sehr negative, einseitige Sicht. Korrekt eingesetzt, ermöglichen Algorithmen die Analyse von Daten, die eine wichtige Basis für unterschiedlichste Entscheidungen darstellen. Es ergeben sich Möglichkeiten, die mit manueller Auswertung von Daten unmöglich sind. Dank steigender Rechenleistung und der Verfügbarkeit an riesigen Datenmengen bietet KI grundsätzlich einen überlegenen Nutzen bei stetig sinkenden Kosten. Auf diese Möglichkeiten zu verzichten, wäre fahrlässig. Aber da ein unbedachter Einsatz an den Grundfesten unseres Seins und unserer Gesellschaft rüttelt, braucht es dafür klare Leitplanken oder mit anderen Worten: sinnvolle Standards in der menschenzentrierten Anwendung von KI und modernen Technologien. KINOTE: Wo sehen Sie Deutschland bei der Nutzung von KI und modernen Technologien in den kommenden Jahren? Knab-Hägele: Die Nutzung von KI und modernen Technologien nimmt schon heute dramatisch zu. Erfreulicherweise wird auch die Zahl derjenigen größer, die menschenwürdige und innovationsfördernde Rahmenbedingungen in diesem Themenfeld schaffen wollen. Das schließt hohe politische und gesellschaftliche Entscheider ein, wie nicht zuletzt die im März lancierte Initiative KI Observatorium des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales belegt. Das macht Mut. Am Ende wird sich unsere Wirtschaft aber durch KI komplett wandeln! Kramarsch: Heute bereits etablierte Unternehmen – welcher Branche auch immer – werden ihre Geschäftsmodelle basierend auf modernen Technologien neu- und weiterentwickeln. In zunehmenden Maß werden Start-ups und FinTechs als Innovationsmotoren fungieren und dafür sorgen, dass Nischen aufgebrochen und Prozesse revolutioniert werden. Auf Standards kann man sich nicht länger ausruhen, weil sie immer schneller veralten. Auch werden sich zunehmend branchenfremde Anbieter etablieren. In diesem Sinne sorgen die Digitalisierung und der Einsatz von modernen Technologien bis hin zu KI für permanent mehr Unruhe und weniger Stabilität. Kurz: Es bleibt verdammt spannend! KINOTE: Frau Knab-Hägele, Herr Kramarsch, haben Sie vielen Dank für das Gespräch. Unsere Gesprächspartner: Petra Knab-Hägele ist Senior Partner und Michael H. Kramarsch ist Managing Partner bei der auf Transformation, HR- und Vergütungs management spezialisierten Unternehmensberatung hkp/// group in Frankfurt am Main. Michael H. Kramarsch ist zudem Initiator und Mitglied des Ethikbeirats HR-Tech.

01 | 2020 25 Über den Ethikbeirat HR-Tech Der Ethikbeirat HR Tech wurde im Januar 2019 gegründet. Das interdisziplinär mit Vertretern aus etablierten Unternehmen, Start-ups, Gewerkschaften und Wissenschaft besetzte Gremium sieht sich als Impulsgeber zur Förderung des Einsatzes von digitalen Lösungen in der Personalarbeit. Anfang April wurde nach intensiver öffentlicher Konsultationsphase die vorläufige Endfassung der Richtlinien für den verantwortungsvollen Einsatz von KI und modernen Technologien im HR Management vorgelegt - vorläufig, da das Gremium seiner Arbeit weiter nachgehen wird. Sowohl die Technik als auch ihre Anwendung entwickelt sich schließlich stetig weiter. Dem sollen die Richtlinien Rechnung tragen. Weitere Informationen: www.ethikbeirat-hrtech.de. Im Überblick: Die 10 Richtlinien für den verantwortungsvollen Einsatz von KI und modernen Technologien im HR Management 1) Transparenter Zielsetzungsprozess und Einbindung Vor der Einführung einer KI-Lösung muss die Zielsetzung für die Nutzung definiert werden. In diesem Prozess sollen alle relevanten Interessensgruppen identifiziert und eingebunden werden. 2) Fundierte Lösungen Wer KI-Lösungen anbietet oder nutzt, muss darauf achten, dass diese empirisch evaluiert sind und über eine theoretische Grundlage verfügen. 3) Menschen entscheiden Wer KI-Lösungen einsetzt, muss sicherstellen, dass bei wichtigen Personalentscheidungen die Letztentscheidungsbefugnis einer natürlichen Person obliegt. 4) HR treibt KI-Lösungen – nicht umgekehrt Ein erfolgreicher Einsatz von KI-Lösungen durch HR benötigt die Kombination technologischer, analytischer und personalwirtschaftlicher Kompetenzen. 5) Haftung und Verantwortung Organisationen, die KI-Lösungen nutzen, sind für die Ergebnisse ihrer Nutzung verantwortlich. 6) Zweckbindung und Datenminimierung Wer personenbezogene Daten für KI-Lösungen nutzt, muss im Vorfeld definieren, für welche Zwecke diese verwendet werden und sicherstellen, dass diese Daten nur zweckdienlich erhoben, gespeichert und genutzt werden. 7) Informationspflicht Vor bzw. beim Einsatz einer KI-Lösung müssen die davon betroffenen Menschen über ihren Einsatz, ihren Zweck, ihre Logik und die erhobenen und verwendeten Datenarten informiert werden. 8) Achten der Subjektqualität Für die Nutzung in KI-Lösungen dürfen ohne rechtzeitige Beteiligung und individuelle Einwilligung der Betroffenen keine Daten erhoben werden, die deren willentlicher Steuerung entzogen sind. 9) Vermeidung von Diskriminierung Wer KI-Lösungen entwickelt oder nutzt, muss sicherstellen, dass die zugrunde liegenden Daten über eine hohe Qualität verfügen und systembedingte Diskriminierungen ausgeschlossen werden. 10) Stetige Überprüfung Wer KI-Lösungen nach den vorliegenden Richtlinien einführt, soll transparent sicherstellen, dass die Richtlinien auch bei der betrieblichen Umsetzung und der Weiterentwicklung beachtet werden.

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