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diebank 09 // 2020

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT die wahren

MARKT die wahren Ursachen aber schnell klar, denn er entdeckte Termitenfraß an den Stützen. Was würde in unserem Gedankenexperiment ein moderner Risikomanager verlangen? Regelmäßige Kontrollen der Stützen. Ergänzend wären für die BaFin wahrscheinlich ein ausführlicher Monatsreport und regelmäßige Stresstests solcher Speicher erforderlich. Auch die Azande hatten natürlich den Termitenbefall erkannt. Aber aus ihrer Sicht würde ein auf die Termiten fokussiertes „Risikomanagement“ viel zu kurz greifen, denn es gibt keine Antwort auf die Frage, warum der Speicher genau in dem Moment einstürzte, als jemand darunter lag. Das Risikomanagement der Azande griffe genau in diesem Moment ein: Auch sie wollten solche Vorfälle nicht als Schicksal akzeptieren, sondern etwas dagegen unternehmen und die vermeintliche Hexerei durch magische Praktiken neutralisieren. Entspricht das Verhalten der Azande nicht genau dem, was die ISO-Norm 31000 für ein Risikomanagement fordert: identifizieren, analysieren und dann modifizieren? Risiko und Wahrscheinlichkeit Ein Risikomanager würde den Azande entgegnen: „Wir stützen uns auf (Fakten-)Wissen und Berechnungen, nicht auf Aberglauben.“ Aber was Wissen ist, lässt sich schwer fassen. 2002 versuchte der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld angesichts des Irakkriegs zwischen Wissen, Risiko und Gefahr (oder Unsicherheit) zu unterscheiden: „There are known knowns, (…) there are known unknowns, (…) but there are also unknown unknowns.“ Rumsfelds Zitat ist inzwischen in die Populärkultur eingegangen, aber präziser und für die Finanzwelt relevanter ist die Unterscheidung zwischen Risiko und Unsicherheit, die der Wirtschaftswissenschaftler Frank Knight schon 1921 aufstellte. Er definierte Risiko als „Measurable Uncertainty“, z. B. durch Statistik oder Erfahrung, während Unsicherheit unberechenbar ist. Die Grundlage all dieser Berechnungen ist die Vorstellung von Wahrscheinlichkeit. Dieses Konzept hat sich ab Ende des 17. Jahrhunderts mit der Industrialisierung im Westen verbreitet und bestimmt seitdem das tägliche Handeln. Der an der London School of Economics lehrende Ethnologe David Graeber sieht allerdings in dieser Anwendung von Wahrscheinlichkeit kein universelles Konzept und erläutert dies an einem Beispiel: Er wartete in Madagaskar mit einheimischen Freunden auf einen Bus und fragte sie, wie wahrscheinlich es sei, dass dieser Bus in den nächsten fünf Minuten komme, oder ob er noch Zeit hätte, Zigaretten zu kaufen. Seine Frage stieß auf vollkommenes Unverständnis: Wie könnte man voraussehen, wann der Bus kommt? Obwohl genauso wie für die Bewohner von Madagaskar für die Einwohner von Frankfurt oder London die Zukunft immer unbekannt ist, so nutzen diese doch die Berechnung von Wahrscheinlichkeit fortwährend für alltägliche Entscheidungen. Daher erscheint es dann auch absolut sinnvoll oder geradezu notwendig, dass diese Berechnungen auch Basis der Finanzmathematik und des Risikomanagements der Finanzwelt sind. Es lohnt sich aber, immer den Zweck dieses Handelns im Blick zu behalten: Wenn beispielsweise mit einem Modell auf Grundlage einer historischen Simulation der Value at Risk errechnet wird, dann wird die als bekannt angenommene Vergangenheit verwendet, um die Zukunft zu erschließen und quantifizierbar zu machen. Dieses Verfahren ist nicht grundsätzlich falsch, aber eben auch nicht unbedingt richtig: David Graeber bezeichnet die „Quants“ und modernen Wirtschaftswissenschaftler provokativ als Spezialisten einer obskuren Technik zur Zukunftsvorhersage, deren Tätigkeit einige Ähnlichkeit zu religiösen und magischen Praktiken anderer Kulturen habe. Auch die Ethnologin und Journalistin Gillian Tett vergleicht in ihrer Analyse der Finanzkrise 2007 die Analysten der Ratingagenturen mit Priestern, deren Pre- 36 09 // 2020

MARKT digt auf Latein zwar kein Gottesdienstbesucher verstehe, die aber zugleich Trost spende und Orientierung böte. Man muss diesen Vergleichen nicht beipflichten. Aber die Anwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung ist nur eine der vielen von Menschen praktizierten „technologies of the future“ (Graeber), und auch mit ihr wird die Zukunft dem Menschen immer unbekannt bleiben. Formeln geben falsche Sicherheit Einen organisierten Optionshandel gab es bereits im 17. Jahrhundert in Antwerpen, doch glich er eher dem Glückspiel, und auch deshalb waren solche Geschäfte häufig als moralisch verwerflich eingestuft und verboten. 1973 eröffnete mit der Chicago Board of Options Exchange (CBOE) die erste moderne Optionsbörse, und im selben Jahr veröffentlichten auch die Wirtschaftswissenschaftler Fischer Black und Myron Scholes ihre Formel zur Berechnung von Optionspreisen. Mit dem Black- Scholes-Modell wurde der Optionshandel moralisch unbedenklich – war er doch mit diesen Formeln wissenschaftlich fundiert möglich und kein Glückspiel mehr. Die wissenschaftliche Herleitung dieser Optionspreisformel ergab sich daraus, dass nur so Arbitrage zwischen den Optionen und ihren Basiswerten ausgeschlossen war. Dauerhafte Arbitrage-Möglichkeiten kann es aber unter der Annahme effizienter Märkte und rational handelnder Akteure nicht geben. Doch Vorsicht: Auch das Fundament dieser Begründung – der rational handelnde Akteur – ist eine philosophische Betrachtung und keine naturwissenschaftlich oder mathematisch beweisbare Tatsache. In Chicago mussten die Händler ab 1973 zunächst ihrer Intuition (und einigen anderen Formeln und Verfahren) vertrauen, denn erst ab 1975 verkaufte Black vorgedruckte Listen, die die mit seiner Formel berechneten Optionspreise abhängig vom Basispreis auswiesen. Ab diesem Moment glichen sich die Options- preise schnell den Vorhersagen von Black und Scholes an. Gleichzeitig vervielfachte sich das Handelsvolumen, denn erst auf dieser mathematischen Grundlage waren Spread Trading und andere Techniken praktikabel. Oder anders ausgedrückt: Die Formel beschrieb eben nicht den Markt, sie machte erst den Markt möglich, sie schuf erst die Wirklichkeit, die sie beschrieb. Gleichzeitig dienten dieselbe Formel und alle ihre Weiterentwicklungen auch der Berechnung des Risikos – sind doch die „Griechen“ wie Delta und Gamma nur Ableitungen daraus. Erscheint das nicht äußerst selbstreferenziell – oder etwas griffiger formuliert, erinnert es nicht an Baron Münchhausen, der versucht, sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen? Mehr Information – weniger Risiko? Die ISO-Norm 31000(2009) ergänzt die Risikodefinition um folgende Anmerkung: „Uncertainty is the state, even partial, of deficiency of information.“ Wie kann man damit umgehen? Der Werbeslogan von Bloomberg „Before it's here, it's on the Bloomberg Terminal“ klingt eher nach Magie als nach einer praktischen Lösung, und wirft allerhöchstens ein Bild auf eine weitere Facette der Selbstreferenzialität der Finanzmärkte, in dem sich inzwischen fast alle Marktteilnehmer auf dieselbe Informationsquelle stützen. Einen anderen Ansatz verfolgt der Baseler Ausschuss mit der BCBS 239 („Grundsätze für die effektive Aggregation von Risikodaten und die Risikoberichterstattung“), eine der vielen Regulierungen, die als Reaktion auf die Finanzkrise entstanden. Damit wird ein „immer mehr“ an Information gefordert, die es zu aggregieren und zu klassifizieren gilt. Aber haben neue Formeln, neue Methoden wie z. B. Stresstests, neue Risikoklassifizierungen (wie Systemic Risk, Settlement Risk, Operational Risk oder Reputationsrisiko) es wirklich geschafft, immer mehr Gefahren in beherrschbares Risiko umzuwandeln? FAZIT All diese Ansätze basieren auf einem Muster: „Immer mehr Desselben“. Mehr Information schafft jedoch nur neue Scheinsicherheiten, denn jede Verfeinerung des Risikomodells verschiebt nur scheinbar die Grenzen zwischen Gefahr oder Unsicherheit hin zu kalkulierbaren Risiko. Es lohnt sich, gerade jetzt über das kulturelle Fundament dieser Logik der „Kalkulation des Nichtkalkulierbaren“ nachzudenken. Denn trotz aller Risikomanagement-Techniken ist und bleibt die Zukunft unvorhersehbar. Wahrscheinlich kommt auf die Finanzwelt nach der Corona-Krise eine neue Welle von Regulierung und weiteren Risikomanagement-Techniken hinzu. Aber steigert das nicht nur die immer größere Selbstreferenzialität, anstatt den Blickwinkel zu erweitern? Angemessen wäre eine neue Nachhaltigkeit und langfristige Orientierung der Finanzwirtschaft. Eine solche erweiterte Sichtweise auf die Welt der Finanzen, die weniger Wert auf Formeln legt und mehr auf eine Integration mit allen verschiedenen Bereichen der Gesellschaft setzt, wäre auch in Gefahrensituationen stabiler. Autor Klaus J. Friese ist studierter Ethnologe M.A. und darüber hinaus Mitinhaber und Geschäftsführer von Die Software Peter Fitzon GmbH, Ebersberg bei München. 1 Die Überlegungen dieses Artikels basieren auf der Untersuchung von Klaus Friese zu „Risiko in Banken. Ethnologische Betrachtungen der Finanzwelt“ von 2017 am Institut für Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Publikation mit den vollständigen Literaturangaben kann unter folgendem Link abgerufen werden: https:// epub.ub.uni-muenchen.de/41023/1/23_Friese_Risiko_in%20Banken.pdf 09 // // 2020 37

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