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diebank 09 // 2019

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MANAGEMENT „Beim

MANAGEMENT „Beim damals erfolgreichsten deutschen Online-Händler Otto zahlten 2008 rund 90 Prozent der Kunden per Rechnung“, erinnert sich die Unternehmerin. Biete man Bezahlmethoden, die potenzielle Käufer gar nicht oder selten nutzen, werde der Bestellvorgang abgebrochen, so ihre damalige Überzeugung, an der sich auch zehn Jahre später nichts geändert hat. Immerhin spielen bei der Auswahl eines Online Shops für die Verbraucher nach dem Preis (83 Prozent) die Zahlungsmöglichkeiten (65 Prozent) die größte Rolle, fand eine Anfang 2019 veröffentlichte Befragung des Digitalverbands Bitkom heraus. Doch Ogone überzeugte die Old Economy nicht. „Dann machen wir eben selbst ein Unternehmen daraus“, dachte sich Wohlfarth ziemlich forsch und setzte die Idee mit zwei Experten aus der Branche um. Die großen Händler, von denen sie viele bereits kannte, hätten das Geschäftsmodell auch „super“ gefunden. Die Abwicklung der Zahlungen gehöre schließlich nicht zu deren Kerngeschäft. Doch die Investoren, die UbiPay als Geldgeber überzeugen wollte, winkten ab. Bis man auf Otto zuging. „Find’ ich gut“, sagten die Hamburger getreu ihres damaligen Werbe-Claims, stiegen bei dem Start-up ein, stockten sukzessive auf 100 Prozent auf und ließen die Gründer in Ruhe ihr Produkt verbessern und Kunden akquirieren. Der erste unterschrieb 2011: Friesland Porzellan. Mit dem Deko- Spezialisten Butlers und diversen Online Shops der Klingel-Gruppe kamen im selben Jahr die ersten Referenzkunden. Und 2012 mit Germanwings schließlich der Ritterschlag. Kurz zuvor war Jesper Wahrendorf als Berater gekommen. Da hatten die beiden Mitgründer das Boot bereits verlassen, zu unterschiedlich waren die Vorstellungen über das Geschäftsmodell. Wahrendorf, der bei Otto gearbeitet hatte, brachte genau das mit, was die Gründerin nicht zu ihren Stärken zählt: Strukturieren und einen sicheren Umgang mit Key Performance Indicators. Ihre Stärken seien vielmehr Marktkenntnis und ein dicht geknüpftes Netzwerk, betont die Unternehmerin. Und so bezeichnet sie die spätere Berufung Wahrendorfs zum CEO, der seitdem beruflich an ihrer Seite den mühseligen Aufstieg begleitet hat, als ihre beste unternehmerische Entscheidung. Möbel gab’s damals von Ebay Noch gut kann sich Wohlfarth an die ersten Büros am Prenzlauer Berg und in Wilmersdorf in einer Altbauwohnung erinnern. „Die Möbel haben wir damals bei Ebay ersteigert.“ Längst ist es jedoch in den Wohnungen zu klein geworden. Vor knapp zwei Jahren zog RatePay in ein modernes Geschäftshaus in Berlin-Moabit und damit einem Stadtteil, in dem man Start-ups eher nicht vermutet. Doch die Mieten sind hier deutlich günstiger als in der hippen Mitte der Hauptstadt. Das Sparen hat Wohlfarth auch nicht aufgegeben, als Otto 2017 seine Anteile an die Finanzinvestoren Advent International und Bain Capital weiterreichte. Zuvor hatten die beiden Beteiligungsgesellschaften den deutschen Kreditinstituten bereits den Zahlungsabwickler 20 09 // 2019

MANAGEMENT Concardis abgekauft, womit RatePay Teil der Concardis Payment Group wurde. Schon ein Jahr später folgte der nächste Eigentümerwechsel in der zersplitterten Branche. Der dänische Payment Service Provider Nets, hinter dem die Finanzinvestoren Hellman & Friedman stehen, fusionierte per Aktientausch mit der Concardis Group. Die Branche profitiert aktuell von zwei maßgeblichen Trends: Die Kunden zahlen weltweit immer weniger mit Bargeld und gleichzeitig immer mehr mit Bank- und Kreditkarten sowie per Smartphone, etwa mit ApplePay oder Google Pay. Gleichzeitig wachsen der Online-Handel und damit auch die online abgewickelten Zahlungen. Die Erlöse im weltweiten Zahlungsverkehr könnten von zuletzt knapp 1,4 Bio. auf gut 2,4 Bio. US-$ im Jahr 2027 nach oben schnellen, sagt die Boston Consulting Group voraus. Einen großen Teil dürften die boomenden Schwellenländer beisteuern. Ein Trend, der auch deutschen Anbietern, wie dem 1999 gegründeten Zahlungsdienstleister Wirecard, zum Aufstieg verhalf. Die Münchner, die Zahlungen sowohl für Online-Händler als auch an der Ladenkasse abwickeln und u. a. mit Apple, Google und Visa kooperieren, verdrängten die Commerzbank aus dem DAX und waren zeitweise mehr wert als die Deutsche Bank. Mit Wirecard, die zuletzt mit Vorwürfen um Kontomanipulation und Betrug zu kämpfen hatten, arbeitet RatePay bei der Abwicklung des Ratengeschäfts im Rahmen eines Joint Ventures zusammen, wofür das FinTech einen Partner mit Banklizenz benötigt. „Es war schwierig eine Bank zu finden, die sich traute, das Risiko zu übernehmen“, sagt Wohlfarth. Wirecard sei die Ausnahme gewesen. Für Wirecard-Kunden wickelt RatePay als Technologiepartner zudem Käufe auf Rechnung und per Ratenzahlung ab. Auch eine weitere große Bank will in Kürze ihren Händlern die White-Label-Lösung der Berliner anbieten. An Wachstumspotenzial mangelt es den Dienstleistern in Deutschland nicht. Im vergangenen Jahr setzte der B2C-E-Commerce 53,3 Mrd. € um. Laut Prognose des Handelsverbands Deutschland (HDE) sollen es in diesem Jahr 57,8 Mrd. € sein, das wäre fast dreimal so viel wie im Jahr 2010. „Wir konzentrieren uns aktuell auf die großen Händler“, sagt Wohlfarth. Zu den wichtigsten zählten neben der Otto-Gruppe Flyeralarm, Eurowings und Flixbus. Neu kamen in diesem Jahr zum Beispiel Hagebaumarkt und das Mode-Label Ulla Popken hinzu. Dass die Händler mit dem White-Label-Anbieter RatePay kooperieren, erfährt der Kunde oftmals nur im Kleingedruckten oder wenn er nicht pünktlich zahlt. Dann bekommt der Käufer Post vom FinTech, das allerdings wenig Interesse an langwierigen Inkassoverfahren hat. Riskmanagement mit KI „Das Risikomanagement ist das Herzstück unserer IT“, so die Gründerin. Seit drei Jahren setzt RatePay auf Machine Learning und Künstliche Intelligenz. Daneben kooperiere man mit weiteren Dienstleistern wie Riskident und Fraugster. Die Berliner übernehmen zwar die 100-prozentige Zahlungsgarantie, lassen sich aber von den Shops das Ausfallrisiko mit einem Disagio vergüten. Und gerade der in Deutschland so beliebte Rechnungskauf sei relativ anfällig für Käufer, die dann nicht zahlen. Die durchschnittliche Ausfallquote gibt RatePay zwar mit weniger als einem Prozent an, wobei 09 // 2019 21

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