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diebank 09 // 2019

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT FINANZPLATZ

MARKT FINANZPLATZ LIECHTENSTEIN Von der Steueroase zum Innovationscluster Wem zum Stichwort Liechtenstein nur Begriffe wie „Schwarzgeld“ oder „Steueroase“ einfallen, der ist von gestern. Diese Dinge gehören längst der Vergangenheit an. Trotzdem – oder gerade deshalb – entwickelte sich am Standort Liechtenstein in den letzten 20 Jahren eine vielfältige Banken- und Versicherungslandschaft von internationalem Ansehen. In diesem Jahr feiert das Fürstentum sein 300-jähriges Bestehen. Grund genug, einmal einen Blick hinter die Kulissen des Alpenstaats zu werfen. Mit einer Fläche von rund 160 Quadratkilometern und einer Einwohnerzahl von 38.380 ist Liechtenstein das sechstkleinste Land der Welt. Erfindungs- und Ideenreichtum waren deshalb schon immer gefragt, um sich gegenüber den anderen Ländern Europas zu behaupten. Der Kleinstaat rund um das Schloß Vaduz beschreitet einen individuellen Weg, um den Finanzplatz Liechtenstein attraktiv zu gestalten, beispielsweise indem er konsequent und schnell europäische Standards zur Steuertransparenz, zur fairen Besteuerung von Firmen und zur Umsetzung von Mindeststandards gegen Ertragskürzung und -verlagerung umsetzt. Mit Erfolg: Im Oktober 2018 strichen die EU-Finanzminister das Fürstentum von der sogenannten „grauen Liste“ der Nicht-EUkonformen Finanzplätze. Damit erreichte Liechtenstein ein wichtiges Ziel, das selbst der benachbarten Schweiz noch nicht gelang. Durch eine reibungslose Abstimmung zwischen Behörden, Verbänden und Regierung konnten Korrekturen des Liechtensteiner Unternehmenssteuerrechts schnell vorgenommen werden. So unterzeichneten Liechtenstein und die EU-Kommission im Oktober 2015 ein Abkommen über den automatischen Informationsaustausch (AIA) über Finanzkonten zur Förderung der Steuerehrlichkeit bei internationalen Sachverhalten, das am 1. Januar 2016 in Kraft getreten ist. Mit Übernahme des AIA-Standards verpflichtete sich das Fürstentum automatisch, Daten ausländischer Anleger mit deren Heimatländern auszutauschen. Liechtenstein setzt sich für volle Transparenz ein und wirkt grenzüberschreitender Steuerhinterziehung entgegen. Das Fürstentum verfolgt dabei auch eine Null-Toleranz-Politik in puncto Terrorismusfinanzierung und Geldwäsche. Vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland Vor 300 Jahren bestand Liechtenstein lediglich aus einer Ansammlung ärmlicher Bauerndörfer. Das Leben war von Subsistenzwirtschaft geprägt, manche Historiker sprechen sogar vom „Armenhaus Europas“. Viele Bauern waren wie andere Familien aus den benachbarten Alpenregionen Österreich und Schweiz gezwungen, ihre arbeitsfähigen Kinder während der Saison nach Süddeutschland zu schicken, um sich damit ein Auskommen zu sichern. Diese Saisonarbeiter wurden „Schwabenkinder“ genannt. Heute ist es genau andersherum: Mit einer Arbeitslosenquote von 1,6 Prozent herrscht in Liechtenstein Vollbeschäftigung. Mittlerweile ist das Fürstentum auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Täglich pendeln über 20.000 Personen aus den Nachbarländern nach Liechtenstein. 2017 wuchs der Ausländeranteil, überwiegend aus deutschsprachigen Ländern, auf 34 Prozent. Auch das 14 09 // 2019

MARKT Potenzial vor Ort wird bemüht: Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, hat die Wirtschaftskammer Liechtenstein das Ausbildungsprogramm „100pro!“ entwickelt, das sich gezielt an junge Leute richtet. Das Fürstentum, das keinerlei Militär unterhält, hat eine Staatsverschuldung von null und gehört damit zu einem sehr kleinen Kreis von Staaten, denen dies geglückt ist. Sowohl Standard & Poor’s als auch Moody’s bewerten Liechtenstein daher mit dem höchsten Bonitätsrating AAA. Auf dem internationalen Nachhaltigkeitsranking, dem Global Sustainable Competitiveness Index (GSCI), belegte Liechtenstein 2017 den 17. von 180 Plätzen. An kreativen Ideen fehlte es nie, wenn es darum ging, Liechtenstein für das Ausland attraktiv zu machen. Als Beispiele seien Briefmarken oder die Etablierung von Sitz- bzw. Domizilgesellschaften genannt. Doch vor allem die Öffnung des Landes nach außen hat sich als richtige Entscheidung erwiesen. Zum wirtschaftlichen Aufstieg verhalf letztendlich auch der Zollvertrag, den das Fürstentum 1923 mit der Schweiz vereinbarte. Ein Jahr später wurde der Schweizer Franken als gemeinsame Einheitswährung festgelegt. 1995 trat Liechtenstein dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) bei. Die EWR-Mitgliedschaft und sämtliche weiteren bilateralen Handelsabkommen tragen wesentlich zum Erfolg des Finanzdienstleistungssektors des Landes bei. Industriestandort mit Finanz- Know-how Heute setzt das Fürstentum vor allem auf Transparenz, Innovation und Schnelligkeit. Kurze Kommunikationswege ermöglichen vielen Unternehmensgründern einen reibungslosen Zulassungsprozess und einen raschen Markteintritt. Umworben wird vor allem der FinTech- Sektor. Wer Liechtenstein als reinen Bankenplatz mit Alpenpanorama sieht, wird überrascht sein, dass der Industriesektor 43 Prozent zur Bruttowertschöpfung beiträgt. Das Land weist damit eine der höchsten Industriequoten weltweit auf. Zu den Unternehmen mit Sitz in Liechtenstein gehören bedeutende Namen wie Hilti, thyssenkrupp Presta oder Oerlikon Balzers. Der liechtensteinische Finanzsektor erwirtschaftete im Jahr 2016 1,4 Mrd. Franken und beschäftigt rund 6.000 Mitarbeiter. Sein Anteil an der Bruttowertschöpfung beträgt zwar nur rund 24 Prozent, jedoch erwirtschaftet er mit 51 Prozent die höchste Ertragssteuer im Vergleich zu den anderen Wirtschaftszweigen. Die allgemeine Ertragssteuer liegt mit moderaten 12,5 Prozent weit unter dem europäischen Durchschnitt von 20,6 Prozent. Europa ist die Lösung 1861 wurde mit der „Zins- und Credit-Landes-Anstalt im souverainen Fürstenthume Liechtenstein“ (heute Liechtensteinische Landesbank, LLB) das älteste Bankhaus des Landes gegründet. 1969 erfolgte die Gründung des Liechtensteinischen Bankenverbands (LBV), der damals aus lediglich drei Banken bestand. Heute gibt es im Fürstentum 14 Banken, die alle dem LBV angehören. Die EWR-Mitgliedschaft von 1995 gilt dabei als wichtige Zäsur, die durch die Öffnung des europäischen Markts entscheidend zum Wachstum des liechtensteinischen Finanzsektors beigetragen hat. Der LBV ist Mitglied in allen wichtigen europäischen Gremien und wirkt aktiv bei der Gestaltung der Gesetze auf europäischer Ebene mit. Die größten Banken des Landes sind heute die Liechtenstein Global Trust (LGT), die Liechtensteinische Landesbank AG (LLB) und die VP Bank AG. Sie haben nach Angaben des Bankenverbands Liechtenstein zusammen einen Marktanteil von 85 Prozent. Das Hauptertragsfeld vieler liechtensteinischen Banken ist das Privatkundengeschäft. 2018 betrug ihr verwaltetes Kundenvermögen 305,2 Mrd. Franken. Liechtensteinische Banken gelten als sehr liquide, da ihre durchschnittliche Kernkapitalquote bei 18,8 Pro- 09 // 2019 15

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