Aufrufe
vor 9 Monaten

diebank 08 // 2020

  • Text
  • Insbesondere
  • Deutlich
  • Zudem
  • Sustainable
  • Finance
  • Deutschen
  • Krise
  • Deutschland
  • Banken
  • Unternehmen
die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MANAGEMENT CHANCEN UND

MANAGEMENT CHANCEN UND RISIKEN DURCH DEN UMBRUCH? Digitale Geschäftsmodelle und ihre Finanzierung Viele FinTechs bewegen sich in innovativen Nischenbereichen, forcieren neue Technologien und ermöglichen Effizienzsteigerungen. Dank ihrer Flexibilität können sie Dienstleistungen schneller an die Wünsche der angesprochenen Zielgruppen anpassen. Banken andererseits können mithilfe der FinTechs die eigenen unternehmerischen Ziele vorantreiben. Unser Autor beleuchtet die Vorund Nachteile dieser Situation sowie die bereits entwickelten Symbiosen.

MANAGEMENT In der Zeit nach der Finanzkrise 2008 gelang zahlreichen FinTech-Start-ups ein rasanter Aufstieg mit überproportionalem Wachstum. Auf traditionelle Banken wurde in dieser Umbruchphase von der Finanzaufsicht massiver Druck ausgeübt: die Stabilisierung des eigentlichen Kernbankgeschäfts, der Abbau von Risikopositionen und die Eigenkapitalausstattung der Banken bekamen oberste Priorität. Potenzielle Investitionen in digitale Geschäftsmodelle traten dahinter zurück. Das Festhalten der Institute an altbewährten Finanzierungsmodellen nutzten viele Fin- Techs, um renommierten Bankhäusern den Markt mit benutzerfreundlichen Applikationen im Überweisungsgeschäft, der Anlageberatung oder auch im Kreditgeschäft streitig zu machen. Bill Gates' Ausspruch aus dem Jahr 1994 „Banking is necessary, banks are not“ suggerierte sogar, dass FinTechs in absehbarer Zeit traditionelle Banken vollständig obsolet machen könnten. Die vom Bundesfinanzministerium im Oktober 2016 veröffentlichte Studie „FinTech- Markt in Deutschland“ zeigt, dass die durchschnittliche Wachstumsrate der deutschen FinTechs seit 2010 bei etwa 150 Prozent pro Jahr liegt. Sie bezieht sich auf alle FinTech- Geschäftsideen rund um Kredit, Leasing, Geldanlage, Bezahlmethoden und Banking 2.0. Stand September 2019 gab es in Deutschland laut der comdirect FinTech-Studie von September 2019 ca. 900 FinTech-Start-ups, die nahezu alle traditionellen Bereiche des Bankgeschäfts auf innovative, schnelle, flexible und für den Endkunden kostengünstige Weise abdecken und dadurch zu ernst zu nehmenden Mitwettbewerbern in der alteingesessenen Bankenlandschaft heranwachsen. Technologiestau bei den traditionellen Banken Die Nutzung der in den 1970er-Jahren für die Verarbeitung von Einlagen, Krediten und Buchungen entwickelten Kernbankensysteme hindert Banken heute vielfach, rasch technologisch zu den FinTechs aufzuschließen. Diese Software wurde häufig in unflexiblen, heute fast ausgestorbenen Programmiersprachen geschrieben. Mit der seit Jahren zunehmenden Digitalisierung des Bankgeschäfts wurden diese Kernbankensysteme zwar immer wieder modifiziert, aber nicht vollständig umgestellt. Die Modernisierung der Kernbankensysteme ist nicht nur zeitaufwendig und mit enormen finanziellen Mitteln verbunden, sondern kann auch zu erheblichen technischen Problemen in der Praxis führen. Der kürzlich von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank vollzogene Wechsel vom bewährten Kernbankensystem der Fiducia GAD hin zum Schweizer Anbieter Avaloq irritierte Kunden mit einem neuen User Interface, und das neue Anmeldeverfahren beim Online Banking sowie Schnittstellenprobleme führten bei vielen Kunden zu wochenlangen Zugriffsproblemen auf ihre Bankkonten – zahlreiche Überweisungsaufträge wurden tagelang nicht ausgeführt. FinTech-Unternehmen hingegen haben den technologischen Vorteil, auf der sogenannten „grünen Wiese“ starten zu können – frei von jeglichen Bindungen an die mittlerweile veralteten Legacy-IT-Strukturen. Geschäftsmodelle der FinTechs FinTechs verfolgen das Ziel, den alltäglichen Umgang mit Geld und alle damit verbundenen Geschäfte für ihre Kunden übersichtlicher und einfacher zu gestalten, sei es durch Banking per App, Robo Advisory als moderne Form der klassischen Anlageberatung oder auch Crowd-Finanzierungen als Alternative zum traditionellen Bankdarlehen. Die meisten FinTechs verfolgen kein Universalgeschäftsmodell, das eine Vollbanklizenz erfordern würde, sondern bewegen sich in innovativen Nischenbereichen, bei denen sie rechtliche Flexibilität für ihre Geschäftsideen genießen. Ihr Startvorteil ginge regelmäßig verloren, wenn sie der gleichen strengen und vollumfänglichen Regulierung und Kontrolle der Bankaufsichtsbehörden ausgesetzt wären wie traditionelle Banken. FinTechs automatisieren Prozesse durch neue Technologien, die erhebliche Effizienzverbesserungen möglich machen. Kunden können rund um die Uhr an jedem beliebigen Tag, ortsunabhängig und selbstständig Dienstleistungen des jeweiligen FinTechs in Anspruch nehmen. Durch schlanke Prozesse ermöglichte interne Einsparungen, der Wegfall einer kostenintensiven Wartung von komplexen Legacy-IT-Systemen, durch die Vollautomatisierung vieler ansonsten manuell erfolgter Arbeitsschritte und durch die Einsparung von Personal sind die Produkte und Dienstleistungen meist erheblich günstiger als die etablierter Finanzdienstleister und Banken. Überweisungen ins EU-Ausland sind ein klassisches Produkt, das bei Bankkunden zu viel Verdruss geführt hat. Kreditinstitute verlangen dafür stetig steigende Gebühren und dennoch kann eine Auslandsüberweisung mehrere Tage benötigen – sofern es sich nicht um eine Echtzeit-Zahlung (Instant Payment) im SEPA-Raum handelt. Diverse FinTechs greifen dieses Problem auf und versprechen einen besseren Service. Ihre Kunden können beispielsweise wählen, ob sie eine Überweisung in weniger als 30 Minuten zum Festpreis oder einen kostenlosen Transfer in mehreren Werktagen wünschen. Die Transparenz und das Wahlrecht schaffen Vertrauen und eine höhere Kundenzufriedenheit: In den meisten Fällen wird kein oder ein genau definierter Aufschlag auf die Wechselkurse berechnet und der beim Empfänger verbuchte Betrag kommt in genau der Höhe an, wie er beim Auftraggeber angezeigt wird. Die enorme Flexibilität mangels aufwendiger Infrastruktur sowie besserer Datennutzung trägt dazu bei, dass die FinTechs Technologien und damit auch Dienstleistungen schneller an die Wünsche der angesprochenen Zielgruppen anpassen können. In diesem Zusammenhang wird gerade der Überweisungsmarkt von technologischen Innovationen überrollt. Die Blockchain-Technologie, die u. a. sichere Geldtransfers oder Wertpa- 08 // 2020 37

die bank

© die bank 2014-2020