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diebank 07 // 2020

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

SCHWERPUNKT

SCHWERPUNKT ZAHLUNGSVERKEHR INTERVIEW Die Blockchain hat kein Interface Der Top-Ökonom Prof. Dr. Philipp Sandner leitet das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Sandner ist darüber hinaus Mitglied im FinTechRat des Bundesministeriums der Finanzen sowie im Blockchain Observatory der Europäischen Union. Im Gespräch erläutert er, warum im Online Banking jetzt App-basierte Mobile Devices die Internetbrowser immer öfter ersetzen. die bank: Herr Prof. Sandner, Standardisierung für minimale Kosten und Flexibilität für maximale Kundenzufriedenheit stehen im Widerspruch zur IT-Legacy vieler Banken. Welche Rolle nehmen moderne und wettbewerbsfähige Kernbanksysteme hier ein? Philipp Sandner: Ein smartes Kernbanksystem kann gut mit dem digitalen Bordnetz eines Autos verglichen werden und integriert infolgedessen als perfekter Kanal programmierbare und intelligente FinTech-Anwendungen – und zwar ohne IT-Kosten, die in der Zukunft unüberschaubar explodieren würden. Der gewählte Core-Banking-Standard wird zu einem kundenzentrierten Betriebssystem für einen digitalen Marktplatz. Die Bank bleibt das markenorientierte Gesicht für den Kunden, die Innovatoren agieren unerkannt im Hintergrund. die bank: Das Kernbanksystem eines Instituts kann mittlerweile an innovative Plattformanbieter ausgelagert werden. Was empfehlen Sie Banken? Sandner: Bei der Wahl eines geeigneten Kernbanksystems gibt es keine dominante Strategie. Ob Auslagerung und Kauf, Fortentwicklung oder Neuentwicklung eines Systems – all das hängt zunächst immer von der Größe und der Innovationsfreude eines Instituts ab. Private Großbanken setzen eher auf eigene Infrastrukturen, kleine private Institute lagern eher aus. Öffentlich-rechtliche Banken und Genossenschaftsbanken präferieren auf die Software ihres jeweiligen Verbunds. Entscheidend hierfür sind vor allem die unterschiedlichen Kundensegmente und deren Bedürfnisse. Dementsprechend gibt es bei Core-Banking-Plattformen unterschiedliche Ausprägungen für eine Vielzahl an Nischen im Markt für Bank- und Finanzdienstleistungen. die bank: Was bedeutet das für die kundenzentrierte Banksteuerung? Sandner: Man muss natürlich schauen, was eine Bank an Technologie einkauft. Früher hat man Software selbst entwickelt, dann hat man auf neue Software-asa-Service-Lösungen gesetzt. Mittlerweile werden immer öfter ganze Geschäftsprozesse an Finanztechnologie-Unternehmen ausgelagert. Das ist unter Business Process as a Service bekannt. Gute Beispiele hierfür sind Onboarding und Know-Your- Customer-Prozesse. Darüber hinaus können auf digitalen Marktplätzen ebenso verschiedene Core- Banking-Plattformen und FinTechs in Form unterschiedlicher Apps gut miteinander und skalierbar vernetzt werden. Der Grund: Der Kunde möchte verschiedene Managed Services in Anspruch nehmen. Er wünscht sich integrierte Lösungen – und dies alles aus einer Hand, vor allem via Smartphone. Eine kundenzentrierte Banksteuerung muss als smartes Customer-Relationship-Management diesem Anspruch umfassend gerecht werden. die bank: Auf welche Schlüsseltechnologien kommt es hier noch an? Sandner: Alle Technologien, die IT-Komplexität reduzieren, befinden sich aktuell auf der Erfolgsspur. Die oft genannte Automatisierung von Prozessen, also die Robotic Process Automation, kurz RPA genannt, ist jedoch nur ein Zwischenschritt zur Übertragung von Daten zwischen unterschiedlichen Schnittstellen. Denn sobald offene Programmierschnittstellen, sogenannte Application Programming Interfaces (APIs), eingesetzt wer- 48 07 // 2020

den, brauchen Banken RPA zunehmend nicht mehr, weil erstere eine standardisierte Datensatzvorgabe ermöglichen und somit die unterschiedlich beschaffenen Systemschnittstellen keine Rolle mehr spielen. Eine weitere Schlüsseltechnologie als Vorstufe zur Blockchain ist die Cloud, die im Backend einer Bank zum Einsatz kommt. die bank: Was verändert sich durch Core-Banking-basierte Mobile-First-Lösungen? Sandner: Eine vernünftige Kommunikation zwischen Kunde und Bank basiert schon jetzt auf einem komfortablen Messenger- oder Chatsystem. Auch die kontextorientierte Verarbeitung der Information durch Künstliche Intelligenz, etwa zur Erfassung der individuellen Kundenbedürfnisse oder um Risiken zu analysieren, wird sich auf Dauer durchsetzen. Beim Online Banking für Privatkunden ersetzen App-basierte Mobile Devices vor allem den Internet Browser. Grund hierfür ist die kundenorientierte Ablösung der mobile Tan durch Fingerprint oder Gesichtserkennung, weil diese die Zwei- Faktor-Authentifizierung erleichtern. Fer- ner könnte sich die Smartwatch als mobiles Endgerät gegenüber dem Handy durchsetzen. die bank: Ist das Kernbanksystem der Zukunft ausschließlich Blockchain-basiert oder gibt es Alternativen? Sandner: Die Blockchain hat kein Interface, sie ist aber der Maschinenraum 4.0 und für Banken vor allem eines: eine perfekte Registertechnologie für das Hauptbuch eines Kernbanksystems. Es entsteht eine unveränderbare Datenbasis für Kunden und Banken gleichermaßen. Die Datenhistorie ist zudem für die vorgenannten Beteiligten jederzeit einsehbar und auch nachvollziehbar. Das ist zum Beispiel für das Wertpapiergeschäft enorm wichtig. Damit läuft das Kernbanksystem der Zukunft nicht unbedingt auf der Blockchain, es interagiert aber mit dieser und ist folglich das Gateway in die Blockchain hinein. Allerdings fehlt es hier noch an Diffusion, Anbietern, Technik und Skalierung, womit die Technologie aktuell noch in den Kinderschuhen steckt. Einzige Ausnahme ist das Anwendungsfeld für Kryptowährungen. Sobald sich diese Währungen bei Kunden durchsetzen, müssen die dahinterstehenden FinTechs an Core-Banking- Plattformen angebunden werden. Die technisch komplexe Verwahrung von Bitcoin und Co. kann heute für Banken teils schon bequem von spezialisierten Dienstleistern übernommen werden, die an das Kernbanksystem angeschlossen sind. die bank: Wie sieht die moderne Bank im Jahr 2030 aus? Sandner: Mobile Banking, dazugehörige Devices und Apps sind für Kunden selbstverständlich, individuell, einfach und komfortabel. Die Blockchain-basierte Private- und Public-Key-Architektur hat sich bei Banken im Backend dann fest etabliert. Auf dem Wallet, das von der Bank verwaltet wird, befinden sich alle Wertgegenstände und Kundeninformationen. Dazu gehören nicht nur Wertpapiere und Währungen, sondern ebenso Milesand-More-Punkte, Kfz-Briefe oder möglicherweise auch der Personalausweis. Die Bank übernimmt die sichere Verwahrung dieser digitalen Wertgegenstände. die bank: Herr Prof. Sandner, vielen Dank für das Gespräch. Die Fragen stellte François Baumgartner. 07 // 2020 49

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