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diebank 07 // 2019

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT EINE

MARKT EINE MORALPHILOSOPHISCHE KRITIK Gier und Erfolg – ziemlich beste Freunde? Von Adam Smith über Karl Marx bis hin zu John Stuart Mill – die großen Denker sahen in der Gier eine Eigenschaft mit hohem Zerstörungspotenzial für die Wirtschaft. Tatsächlich lässt sich die jüngste Finanzkrise unter anderem auf maßlose Renditeerwartungen in Verbindung mit der Risikoblindheit zurückführen. Auffällig ist, dass viele dieser Zusammenhänge vom Mainstream der Wirtschaftswissenschaften lange Zeit ausgeblendet wurden. Neue Forschungsansätze gehen damit kritisch ins Gericht. Gier ist gut!" – Mit diesen Worten bringt der Investmentbanker Gordon Gekko " im Film „Wall Street“ (1987) die Umkehrung traditioneller Werte auf den Punkt. Aus Sicht vieler zeigt sich hier ein Credo, das seit Adam Smith als Kernbotschaft der Marktwirtschaft gilt: Eigeninteresse wird zum Motor ökonomischer Aktivität und schafft Wohlstand. Adam Smith hätte dem Satz Gekkos allerdings energisch widersprochen, und auch das unrühmliche Ende dieses Filmhelden sollte eigentlich zur Vorsicht mahnen. Dies gilt umso mehr, als die traditionelle Kritik an Gier keineswegs zu Passivität oder Askese auffordert, sondern vielmehr darauf abzielt, Menschen vor ihren eigenen Schwächen zu warnen. Aristoteles: Gier als Selbstschädigung Bemerkenswert ist, dass Gier von den meisten Kritikern zunächst als Selbstschädigung wahrgenommen wurde. Aus Sicht des Aristoteles, dargestellt in der „Nikomachischen Ethik“, verfehlte ein Mensch, der sich hauptsächlich dem Gelderwerb widmete, das „gute Leben“, da er ein Mittel, nämlich den Gütererwerb, zum Endziel erhob. Zudem schädigte er seine eigene Persönlichkeitsentwicklung, weil die übermäßige Fixierung auf Reichtum ihn davon abhielt, Tugenden wie Klugheit oder Tapferkeit auszubilden. Daher kam es für Aristoteles beim Erwerbsstreben ebenso wie in anderen Lebensbereichen auf das richtige Maß an. Dazu gehörte eine Selbstdisziplinierung der Bürger, die ihre Affekte durch Überlegung und Einsicht steuern sollten. Bürger, deren Urteilskraft durch Geldgier verzerrt war, wiesen demnach ein Persönlichkeitsdefizit auf, das sie zu einer Gefahr für sich selbst und ihre Mitmenschen machte. Dadurch schwächten sie zugleich die Grundlagen des Staats, in dem sie lebten. Smith: Eigeninteresse ist gut, Gier ist gefährlich! Diese Sichtweise findet sich auch bei Adam Smith wieder, der in seinen Hauptwerken „Theory of Moral Sentiments“ und „Wealth of Nations“ klar zwischen Eigeninteresse und Gier unterschied. Legitimes Eigeninteresse zeichnete sich für Smith dadurch aus, dass es durch Disziplinierungsmechanismen (Gesetze oder auch informelle Instrumente wie Missbilligung durch andere) begrenzt wurde und deswegen zugleich der Wohlfahrt aller dienen konnte. Gier, d. h. ungebändigtes Erwerbsstreben, wurde von Smith hingegen zu den Leidenschaften gezählt, die der Menschheit nicht zur Ehre gereichen und die allgemeine Wohlfahrt schädigen können. Besonders misstrauisch war Smith – ebenso wie Aristoteles – gegenüber reinen Finanzgeschäften, für die er im Gegensatz zu anderen Branchen eine strikte Regulierung forderte. So hatte Smith wahrgenommen, dass die Erwartung lukrativer Gewinne ohne die Produktion von Gütern oder Dienstleistungen 30 07 // 2019

MARKT gefährlich auf die menschliche Psyche wirkte. Er beschrieb, wie die Gier nach schneller und hoher Rendite solide Kaufleute in Hasardeure verwandeln konnte, sodass Gewinnchancen überschätzt und Risiken vernachlässigt wurden. Dabei hatte er u. a. die sogenannte Südseeblase vor Augen, die im 18. Jahrhundert viele prominente Anleger (etwa Isaac Newton) zu teuren Fehlspekulationen verführt hatte. Karl Marx: Gier als selbstzerstörerisches Gewinnstreben Diese besonders riskante und zerstörerische Form des Profitstrebens hatte auch Karl Marx mit drastischen Worten beschrieben als „Sucht, sich zu bereichern, nicht durch die Produktion, sondern durch die Eskamotage schon vorhandenen fremden Reichtums“. Er sah darin eine „schrankenlose, mit den bürgerlichen Gesetzen selbst jeden Augenblick kollidierende Geltendmachung der ungesunden und liederlichen Gelüste (…), worin der aus dem Spiele entspringende Reichtum naturgemäß seine Befriedigung sucht“. Ein entgrenztes Streben nach Reichtum gefährdete demnach die Grundlagen des Erfolgs der Bourgeoisie und machte den Kapitalismus aus Sicht von Marx anfällig für Krisen, die letztlich zu seinem Untergang führen würden. Smith und Marx gingen also ganz offensichtlich mit einer Grundüberlegung von Aristoteles konform: Gefährliche Gier entwickelte sich tendenziell dann, wenn Geldvermehrung ungehemmt als Selbstzweck betrieben wurde und die produktive Betätigung in den Hintergrund trat. John Stuart Mill: Gier gefährdet die Marktwirtschaft Auch Marx‘ liberaler Zeitgenosse John Stuart Mill griff die bei Adam Smith angelegte Kritik an Gier auf. Er beschrieb vor allem die Gefahr, dass kurzfristiges Gewinnstreben die Entscheidungsprozesse in einer Marktwirtschaft verzerren konnte, indem es zum Eingehen überhöhter Risiken verführte: „It will be said that at present the greed of personal gain by its very excess counteracts its own end by the stimulus it gives to reckless and often dishonest risks.“ Unkontrolliertes, von Gier getriebenes Verhalten konnte daher aus Sicht von Mill nicht nur den Einzelnen ruinieren, sondern zugleich die Grundlagen der Marktwirtschaft gefährden. Das 21. Jahrhundert: Gier und Finanzkrisen Bei genauerem Hinsehen lesen sich zahlreiche dieser Kritikpunkte als Vorausblick auf die jüngsten Krisenereignisse: maßlose Renditeerwartungen als Verführung zu überhöhter Risikobereitschaft, Risikoblindheit, Reichtumserwerb als Spiel, Entkoppelung von Verdienst und Leistung u. v. m. Dabei fällt auf, dass viele dieser Zusammenhänge vom Mainstream der Wirtschaftswissenschaften lange Zeit ausgeblendet wurden, da Grundannahmen wie das Prinzip der rationalen Nutzenmaximierung oder die Effizienz von Finanzmärkten als sakrosankt galten. Erst in jüngerer Zeit haben innovative Forschungsansätze dazu beigetragen, diese Auffassung zu hinterfragen. So wurde u. a. durch die Behavioral Finance (Psychologie der Anleger) und die experimentelle Wirtschaftsforschung deutlich, dass Anleger regelmäßig dazu neigen, ihr eigenes Wissen zu überschätzen und Risiken 07 // 2019 31

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