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diebank 06 // 2020

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

BERUF & KARRIERE

BERUF & KARRIERE „BERUFLICHE FITNESS“ IN ZEITEN DES WANDELS Schneller und besser neues Wissen erlernen Die Corona-Krise hat es einmal mehr unter Beweis gestellt: Arbeitnehmer müssen das besitzen, was man als „berufliche Fitness“ bezeichnen könnte. Dazu gehört es nicht nur, von einem Tag auf den nächsten ein funktionierendes Homeoffice-Modell einzurichten; berufliche Fitness erfordert noch viel mehr, vor allem im Bereich des Wissens. die bank sprach darüber mit Professor Dr. Fredmund Malik. Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler ist einer der bekanntesten Management-Experten Europas, er unterhält z. B. das Management Zentrum St. Gallen und hat sein Fachwissen in unzähligen Vorträgen, Fachbüchern u. v. m. unter Beweis gestellt. die bank: Professor Malik, der wohl heikelste Punkt beruflicher Fitness ist die sich verkürzende Halbwertzeit des Wissens. Wie soll man damit umgehen? Fredmund Malik: Entspannt, unverkrampft, wissbegierig, bereit sein, sich mit Neuem auseinanderzusetzen und zu lernen. Und diese grundsätzliche Lernbereitschaft darf, soll sie Erfolg bringen, nicht nur auf den Erwerb neuen Wissens zielen. Um für die geforderte berufliche Fitness wirklich fit zu sein, ist es grundlegend wichtig zu lernen, wie effizient gelernt wird. Erst damit erlangen wir die Fähigkeit, die immer schnellere Veralterung unseres inhaltlichen Wissens zu meistern. Den von Ihnen angesprochenen heiklen Punkt beruflicher Fitness nicht zum Problempunkt werden zu lassen, fordert von uns allen zu ‘Lernexperten‘ zu werden. Wir alle müssen lernen, schneller und besser neues Wissen zu erlernen. die bank: Weshalb betonen Sie das so? Malik: Weil in diesem Können das eigentliche Zukunftspotenzial liegt, persönlich wie für die Unternehmen. Tatsache ist doch, die meisten haben das Lernen als solches nie wirklich gelernt, unabhängig von ihrem heutigen Bildungsgrad. Vom ersten Schultag an bis zum Doktorgrad haben wir vor allem Inhalte gelernt, auch inhaltlich definierte Methoden und Kompetenzen, wie Lesen, Schreiben, Rechnen, aber nicht, wie wirkungsvoll gelernt wird. Und dazu kommt noch erschwerend, dass wir alle mehr oder weniger auf dieselbe Weise gelernt haben. Daher ist kaum jemandem bewusst, dass im Erwachsenenalter keine zwei Menschen gleich lernen. die bank: Was heißt das für die Praxis? Malik: Ich bilde nunmehr seit mehr als 40 Jahren Führungskräfte aus, in ganz unterschiedlichem Alter, aus allen Arten von Organisationen und Führungsstufen. Und da zeigt mir die Praxis ganz klar: Jeder lernt anders, aber sie wissen es nicht. Daher müssen alle für sich selbst herausfinden, wie sie am besten lernen. Und damit meine ich, wirksam lernen, so, dass sie das Gelernte auch anwenden können, dass sie Neues hinzulernen können, und eben nicht minder bedeutsam, dass sie das Alte aktiv vergessen und abstreifen können, wenn die Entwicklung darüber hinweggegangen ist. die bank: Sie spielen jetzt auf die Notwendigkeit des Verlernens an? Malik: Exakt! Berufliche Fitness zu pflegen, bedeutet Lernen und Verlernen zu können. Auch das Verlernen muss gelernt werden. Sonst gelingt das Neue nie. Denn das Alte, das ja meistens zur lieben Gewohnheit wurde und tief in den Reflexen verwurzelt ist, das muss raus aus dem Kopf. Die zweite grundsätzliche Gefahr für die berufliche Fitness in dieser Hinsicht liegt in der unbewussten Orientierung an dem, was mal galt aber nun eben nicht mehr gilt. Und das nicht mehr gelten darf, wollen Mensch und Unternehmen keinen Schaden nehmen. die bank: Professor Malik, bedeutet denn nun „Entlernen“, dass man alles über Bord wirft, was einmal gegolten hat? Malik: Das wird gern so dargestellt, ist aber eigentlich Unsinn. Längst nicht alles Wissen veraltet schnell. Keineswegs zum Nutzen der Sache gibt es ziemlich viele Leute, die sich mit solchen Behauptungen wichtigmachen. Am häufigsten sagen das übrigens die, die die betreffenden Fachgebiete zu wenig kennen. Und das grassiert besonders im Nebel dessen, was der Mainstream unter Management und Leadership zu verstehen glaubt. 70 06 // 2020

BERUF & KARRIERE die bank: Wie sieht Ihr Gegenvorschlag aus? Malik: Meine eigene Methode für das Erkennen von echter Veralterung im Gegensatz zu bloß behaupteter ist das, was ich ein heuristisches Prinzip nenne, also zu fragen: „Ja, stimmt das denn wirklich?“ Heute wird ja viel von Algorithmen gesprochen, aber so gut wie gar nicht von deren „Zwillingsschwester“, der Heuristik. Algorithmen sind Regeln für das intelligente und erfolgreiche Finden. Heuristiken sind Regeln für das intelligente und erfolgreiche Suchen. Wenn ich also höre, dass etwas nun ganz neu und total revolutionär sei, und dass alles andere nun hoffnungslos veraltet sei, dann hilft diese Heuristik, dieser „Lerntrick“: Ja, stimmt denn das wirklich? Und dann sucht man eben, statt einfach Nachzubeten. Das intelligente Suchen ist heute mit dem Internet ja ein Vergnügen, denn gerade dort tummelt sich nicht nur das Richtige und echte Neue, sondern auch der kollektive Blödsinn, die Angeberei und die Dummheit. Also, berufliche Fitness lebt unbedingt auch von der Fähigkeit, intelligent suchen zu können. die bank: In den Naturwissenschaften, in der Technik und in der Medizin haben wir enorm viel Neues… Malik: …aber das heißt um Himmels willen nicht, dass alle bisherigen Wissensbestände deswegen veraltet und überholt sind! Denken Sie an das Gravitationsgesetz von Isaac Newton, das er 1687 publiziert hat. Es gilt nach wie vor. Und eben deshalb sind darauf aufbauend enorme weitere Fortschritte gemacht worden, die weit über Newton hinausreichen. Und in- teressanterweise sind gerade im heute innovativsten Bereich, der Digitalisierung und Informatik, die Grundlagen aus den 1940er-Jahren nicht nur weiterhin gültig, sondern diese finden heute überhaupt erst ihre Anwendung, weil wir die dazu nötige Technologie erst jetzt haben. Die Grundlagen wurden kurz nach dem 2. Weltkrieg in der Kybernetik am Massachusetts Institute of Technology in Boston gelegt: Die Bedeutung der Regelkreise, das Feedbackprinzip und die Gesetze der Komplexität. Nichts davon ist veraltet, sondern es kann heute überhaupt erst breit genutzt werden – und damit stehen wir noch ganz am Anfang. Ich erlebe das täglich in den Unternehmen, die wir z. B. bei den Cyber-Security-Strategien beraten. Und zu bedenken ist auch, das Neue kommt nicht aus dem Digitalen, sondern aus dem, was das Digitale neu ermöglicht, nämlich Vernetzung und diese wiederum führt zu Komplexität. die bank: Einer der evolutionär ältesten Wissensbestandteile ist die Erfahrung. Wie sollte damit umgegangen werden? Malik: Das Suchprinzip lautet nicht einfach „Versuch und Irrtum“, wie das immer behauptet wird, sondern „Versuch und Irrtum und auf dem Irrtum aufbauender neuer Versuch und neuer Irrtum.“ Erfahrung ist, wenn Sie es so wollen, ein dynamischer Prozess. Erfahrung, die immer nur auf sich selbst zurückgreift, kommt nicht weit. Erfahrung, die aber auf den Fehlern aufbaut und von dort weitergeht, kommt extrem schnell zu neuen und besseren Ergebnissen. Das lässt sich übrigens auch experimentell beweisen. Durch intelligentes Testen und Fehlereliminierung gewonnene Erfahrung hat einen hohen Wert. Mit der heute vielzitierten „Fehlerkultur“ hat das aber nur wenige Gemeinsamkeiten, weil dort kaum je zwischen verschiedenen Fehlerarten unterschieden wird. die bank: Beruflich fit zu sein und zu bleiben, hängt das letztendlich nicht auch maßgeblich davon ab, mit sich selbst so umgehen zu können, dass die Fitness erhalten bleibt? Malik: Das ist das Fundament. Berufliche Fitness erfordert konsequentes Selbst-Management sowohl in der Effektivität, also der klaren Zielorientierung, als auch in der Effizienz, also deren bestmöglicher Umsetzung. Und auch hier geht es nicht ohne Lernen und Entlernen! Sich physisch, psycho-mental und intellektuell fit zu machen und zu erhalten ist sozusagen die Aufgabe hinter der Aufgabe. Und diese Aufgabe ist nicht so ganz ohne. Denn so wichtig es ist, seine eigenen Stärken zu kennen, so wichtig ist es für die berufliche Fitness aber auch, seine Schwachstellen zu kennen. Und diesbezüglich meine ich hier jetzt die im eigenen Verhalten, im Umgang mit sich selbst. Meine berufliche Erfahrung zeigt mir wieder und wieder: Lässt die berufliche Fitness zu wünschen, dann ist das immer auch ein Fingerzeig darauf, hier geht jemand mit sich selber unklug um. die bank: Herr Professor Malik, vielen Dank für das Gespräch. Die Fragen stellte Hartmut Volk. 06 // 2020 71

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