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die bank 11 // 2015

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

ó BERUF & KARRIERE

ó BERUF & KARRIERE Jeder Sachverhalt ist komplex INTERVIEW „Wer jede Information für bare Münze nimmt, hat bald eine Menge Falschgeld in der Tasche“, sagt der an der Ruhr-Universität Bochum lehrende Literaturwissenschaftler Professor Dr. Manfred Schneider. Im Interview macht er auf die irreführende Darstellung von Sachverhalten nach Interessenlage aufmerksam und animiert dazu, sich geduldiger zu informieren und das Gehörte und Gelesene vor allem dann zu hinterfragen, wenn es auf felsenfeste Überzeugungen abzielt. diebank: Herr Professor Schneider, ein Sternschnuppenregen von Informationen geht auf jeden von uns tagtäglich nieder. Gehen wir richtig damit um, oder sind wir zu gutgläubig? Schneider: Ich denke nicht, dass die Öffentlichkeit schlechthin unkritisch und gutgläubig ist. Wir leben in einem Milieu des Meinungspluralismus, und damit verbinden wir doch die moderne Vorstellung, dass sich aus dem Diskurs, aus der Debatte, aus dem Spiel der Ansichten, am Ende etwas Vernünftiges herausbildet. Allerdings, dieses Spiel ist von zwei Seiten her gefährdet: Oft lässt sich voraussagen, welche Position bestimmte Medien zu kontroversen Themen der Politik oder Wirtschaft einnehmen. Wenn wir die Einzelakteure in der Öffentlichkeit beobachten, dann stoßen wir sehr häufig auf diese routinierten Reaktionen von Parteien, Politikern, Journalisten, erst recht von den neuen Helden des Meinungsbetriebs, den Gästen in den Talkshows und in dem TV-Mischbetrieb von Unterhaltung und Information. Die andere Gefahr droht dort, wo sich im pluralistischen Milieu eine einzige Lesart der Dinge durchsetzt. Das enorme Tempo, in dem der Stoffwechsel von Information und Meinung heutzutage abläuft, favorisiert diejenigen, die besonders schnell reagieren, weil es häufig weniger auf die begründete und gut überlegte Meinung ankommt als auf dasjenige, was sich rasch und vernehmlich Gehör verschafft. diebank: Warum ist das so? Schneider: Weil wir die vielen Informationen, die auf uns einstürzen, auch gerne mithilfe von Vereinfachungen, Vorurteilen und ideologischen Schemata verarbeiten. Solche vorformulierten Urteile machen die Orientierung leichter, vor allem dann, wenn sie sich mit unseren moralischen Schemata von Gut und Böse decken. Eine beliebige Auswahl: Die Politiker lassen sich von Lobbyisten lenken, die Banker orientieren sich allein am Profit, die Beamten sind unflexibel, die Kanzlerin sitzt alle Probleme aus, Medien lügen, die Griechen sind faul, die Asylanten missbrauchen unser Sozialsystem, Muslime sind Terroristen usw. Solche Vereinfachungen helfen zum einen bei der selektiven Wahrnehmung der Nachrichten, und zum anderen ersparen sie uns die Anstrengung, Komplexität und Kontingenz zu denken. Natürlich artikulieren sich auch gegensätzliche Meinungen und konkurrierende Interessen in solchen Gemeinplätzen: „Die Renten sind sicher“ auf der einen, „das Rentensystem bricht zusammen“ auf der anderen Seite. Nur gewinnt man aus zwei kontroversen Vereinfachungen kein komplexes Bild. Aus Schwarz und Weiß wird Grau in Grau. Erfahrungsgemäß liegt die Wahrheit nicht in der Mitte, sondern die Wahrheit, oder sagen wir besser, ein realitätsnahes Bild der Dinge und Ereignisse, setzt sich aus vielen Einzeldaten, aus schwer Vorhersehbarem und Zufälligem zusammen, die unserem auf Schematisierung eingestellten Verstand sehr viel abverlangen. Für die allermeisten Nachrichten genügen diese Schemata auch. diebank: Gibt es diese unbedingte Pflicht nicht auch im Blick auf die sich jagenden wissenschaftlichen Erkenntnisse, bei denen in immer kürzerer Zeit eine Wahrheit durch die nächste abgelöst wird? Schneider: Besondere Vorsicht ist in der Tat geboten, wenn Wissenschaftler sich mit umwälzenden Erkenntnissen in der Öffentlichkeit melden. Auch in der Wirtschaftswissenschaft sind so viele Revolutionen angekündigt worden, die Hoffnungen geschürt, aber enttäuscht haben. Gegenüber den lautstarken Versprechungen ist in höchstem Maße Skepsis geboten, vor allem auch darum, weil Wissenschaft aus vielerlei Gründen zu einer Wettbewerbsveranstaltung geworden, wo Seriosität oft durch Lautstärke verdrängt wird. Gerade weil die Öffentlichkeit eine Weltlaiengesellschaft ist, verfügen Wissenschaftler über eine extreme Autorität. Tatsächlich aber zeigt die Wissenschaftsgeschichte, dass so viele Theorien und angeblich empirisch validierte Erkenntnisse nur eine kurze Zeit Gültigkeit hatten. Dabei verzeichnen wir durchaus Fortschritte und großartige neue Entdeckungen. Sie sind aber stets das Ergebnis langer mühsamer Arbeit. Das plötzliche „Heureka“ gibt es nicht mehr. Aber der Fortschritt besteht auch darin, dass immer aufwändigere Mittel eingesetzt werden müssen, um die angeblich letzten Geheimnisse der Welt zu er- 74 diebank 11.2015

BERUF & KARRIERE ó kunden. Und um die ist ein enormer Wettkampf entbrannt, der oftmals in diese ungute Voreiligkeit der viel zu verfrühten Erfolgsmeldungen mündet. Es gibt hier eine Faustformel: Meldungen, die mit dem Satz beginnen „Amerikanische Forscher haben eine Studie vorgelegt, in der nachgewiesen wird, dass ...“, kann man sogleich in den Papierkorb schmeißen. diebank: Kommt die Skepsis gegenüber der Gutgläubigkeit vielleicht auch deshalb zu kurz, weil sich Skeptiker rasch in die Bedenkenträgerecke abgeschoben sehen? Schneider: Die Skepsis ist überhaupt nicht attraktiv. Wir bevorzugen die Entschlossenen und Nichtzweifelnden. Wie oft hören wir, dass dieser oder jener Kollege leider nicht charismatisch sei. Wir lechzen nach diesem Charisma, weil es erstens unterhält und zweitens erhebt. Natürlich hilft uns auch die große strahlende Erscheinung, die jetzt kommt und alles richtig macht, was die „Schwachköpfe“ zuvor falsch gemacht haben. Der Skeptiker verkörpert das volle Gegenteil des Charismatikers. Er ist eine kleine graue Figur, seine Stimme ist dünn, und ihm fliegen keine Herzen zu. diebank: Noch einmal anders herum gefragt. Steht dem zu mehr Klarheit verhelfenden Hinterfragen nicht auch die Tatsache entgegen, dass in der öffentlichen Denkwelt gerade die festgefügte eigene Meinung und die darauf gründende Überzeugung als Mutter aller Tatkraft gilt? fi INTERVIEW Schneider: Sicher, der „terrible simplificateur“, wenn er nur lautstark und wirksam auftritt, wird eher den Applaus ernten. Und daher ist der schrecklichste Vereinfacher der Terrorist: Mit einem blutigen Gewaltschlag die Welt retten! Die Überzeugten, die Glaubensstarken, die Märtyrer der Gewissheiten und der unerschütterlichen Meinung genießen im Angedenken der Welt den größten Respekt. Und das auch häufig unter ihren Zeitgenossen. Die Skeptiker haben kein gelobtes Land erobert, die Skeptiker sind nicht am Kreuz gestorben, die Skeptiker werden nicht auf den Mars fliegen. Die Skeptiker raten selten zum Krieg. diebank: Zur Klarstellung: Wodurch unterscheidet sich Skepsis vom Herumreiten auf Bedenken? Wann schlägt das eine in das andere um? Schneider: Die Skepsis ist keine passive, erst recht keine mutlose Haltung, sondern beruht auf dem Wissen, dass die Dinge und Sachverhalte zumeist viele Gesichter haben. Die Skepsis rechnet gerade bei mutigen Entschlüssen damit, dass es schiefgehen kann, weil sie die Rolle des Zufalls und des Unvorhergesehenen in ihr Kalkül einschließt. Die Skepsis macht daher eine komplexe Rechnung mit vielen Unbekannten. Sie widersetzt sich den Vereinfachungen, sie steht für eine Sicht der Dinge, die viele Aspekte einschließt und berücksichtigt. Auch der Skeptiker zerschlägt den gordischen Knoten, weil sich die Lage in ihrer ganzen komplexen Verknüpfung zeigt und kein anderes Mittel hilft. Der Bedenkenträger hingegen zuckt vor der Entscheidung zurück. Der Skeptiker ist ein Aufklärer, ein Radikaler der Klarheit und der mehrdimensionalen Erkenntnis. Er lässt sich nicht von ideologischen Gewissheiten tragen, sondern von der Überzeugung, dass jede Situation und jeder Sachverhalt komplex ist. Er wendet sich nicht ängstlich von den Tatsachen ab, Prof. Dr. Manfred Schneider studierte Germanistik, Romanistik, Musikwissenschaft und Philosophie in Freiburg. Nach Promotion (1971) und Habilitation (1979) wurde er Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Essen. 1999 wechselte er an die Ruhr-Universität Bochum, wo er bis 2012 einen Lehrstuhl für Neugermanistik, Ästhetik und literarische Medien innehatte. Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeit waren u. a. die Literatur und Ästhetik der Moderne, Medientheorie und Psychoanalyse. Eine Reihe von Arbeiten widmete er den Störern der modernen Gesellschaft. sondern fasst sie mit größtmöglicher Schärfe ins Auge. Dafür lässt er sich Zeit. Der Bedenkenträger, wenn wir ihn ein wenig vereinfachen, verbraucht Zeit, weil er seine Haltung von Ängsten bestimmen lässt. Zugespitzt: Der Skeptiker ist ein Mutiger, der Bedenkenträger ist ein Ängstlicher. diebank: Professor Schneider, wenn aus Ansichten Meinungen oder aus Theorien Gewissheiten gemacht werden, ist die Öffentlichkeit gehalten, in die Schule des Zweifels zu gehen, haben Sie einmal gesagt. Was wird in dieser Schule gelehrt? Schneider: Die Schule des Zweifels ist die Geschichte. Nicht zum Handeln geht man in diese Schule, sondern um die Erfahrung zu machen, dass die Zweifelnden und klugen Skeptiker in dieser Geschichte das geringste Unheil angestellt haben. Die Großunternehmer des Weltheils, die Matadore der Erlösung, die Blutzeugen der absoluten Erkenntnis werden in dieser Schule zur Raison gebracht. diebank: Herr Professor Schneider, vielen Dank für dieses Interview. Das Interview führte Hartmut Volk. 11.2015 diebank 75

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