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die bank 11 // 2015

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

ó BANKING

ó BANKING Euphoriewelle: FinTech-Flut überschwemmt die Branche DIGITALISIERUNG Die Digitalisierung der Finanzindustrie schreitet rasant voran. Jene Spieler, die nur am alten Geschäftsmodell festhalten, geraten unter Druck. Aber auch bei den neuen Finanztechnologien erweist sich nicht alles als Gold, was glänzt. Umso mehr ist eine komplementäre Vermarktungsstrategie gefragt, um die „alte“ und „neue“ Bankenlandschaft am runden Tisch zu versammeln. Es gilt, neue Geschäftspotenziale gemeinsam auszuloten. Dies verdeutlichte auch die Paneldiskussion „Digitalization of the Finance Industry – Challenges, Potentials, Changes“, die an der ESMT European School of Management and Technology in Berlin stattfand. Lothar Lochmaier Keywords: FinTechs, Start-up- Plattform, Strategie Dass die FinTech-Szene mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen ist, lässt sich daran erkennen, dass es dem Berliner Marktplatz für Online-Kredite Zencap gelang, frisches Wagniskapital in Höhe von bis zu 230 Mio. € vom US-Vermögensverwalter Victory Park Capital (VPC) einzusammeln. Dies zeigt: Unabhängig vom Erfolg einzelner Plattformen und Projekte gelingt es den FinTech-Start-ups mehr und mehr, bei den Wagniskapitalgebern und Unternehmensfinanziers erfolgreich zu punkten. Um jedoch neue Märkte zu erschließen und passgenaue Produkte für die Kunden zu entwickeln, wird es die wachsende FinTech-Szenerie – weltweit sollen es nach Schätzungen mittlerweile rund 10.000 junge Unternehmen sein – nicht allein richten können. „Es wird nötig sein, das technologische Know-how der FinTechs in die klassischen Produkte zu integrieren“, sagt Markus Becker-Melching, Mitglied der Geschäftsführung beim Bundesverband deutscher Banken (BdB). Auch beim Nachwuchs der künftigen Top-Manager genießen die neuen Ansätze große Aufmerksamkeit. Anlässlich einer an der ESMT European School of Management and Technology in Berlin veranstalteten Podiumsdiskussion zur digitalen Wachstumsagenda in der Finanzindustrie hoben sich die Sichtweisen der Teilnehmer jedoch deutlich voneinander ab. Während die Start-up-Gründer die Potenziale ihrer Lösungen hervorhoben, scheint die klassische Bankenlandschaft in der öffentlichen Wahrnehmung als behäbig und wenig veränderungsfreudig zu gelten. Kooperation statt Konfrontation Warum ist das so? Die derzeit erfolgreiche Gründungswelle bei den FinTechs spiele sich einerseits vor dem Hintergrund der nach wie vor nicht vollständig abgearbeiteten Folgen aus der Finanzkrise ab, skizziert Bankenexperte Becker- Melching. Andererseits seien die Kapazitäten der Banken durch die massive Regulierungsflut gebunden. „Die Banken müssen deshalb viel Geld und Aufwand in ihre Informationstechnologie investieren, um den Anforderungen der Regulatorik mit Blick auf die Risikomodelle und das Berichtswesen zu genügen“, gibt Becker-Melching zu bedenken. Der Vorteil der Herausforderer aus der FinTech-Szene: Sie können sich ganz darauf konzentrieren, neuen Trends und technischen Innovationen den Weg zu bereiten, während klassische Bankhäuser unzählige externe Anforderungen abdecken müssen. Zudem wirkt das vordergründig lokal stabile ökonomische Umfeld nicht nur in Deutschland als beschleunigendes Veränderungsmoment, beispielsweise infolge des Niedrigzinsumfelds bei klassischen Bankguthaben. Allerdings: Der große Run weg von den Konten in Richtung der neuen FinTech- Spieler ist bislang ausgeblieben. Dr. Tamaz Georgadze, CEO und Gründer der SavingGlobal GmbH in Berlin, berichtet vor diesem Hintergrund von einem wachsenden Kundenzuspruch auf die Plattform zur privaten Vermögensanlage Weltsparen.de. Dort können auch deutsche Kunden ihre Festgelder bei ausländischen Banken anlegen, in der Regel zu deutlich höheren Guthabenzinsen als hierzulande. Der große Run ist bislang ausgeblieben Bislang gelang es der Plattform Weltsparen.de nach Angaben des Unternehmensgründers Georgadze bei den Anlegern ein Volumen von rund 550 Mio. € einzusammeln. Doch nicht gleich jedes neue Modell könne über Nacht erfolgreich sein, 30 diebank 11.2015

BANKING ó bestätigt auch der ehemalige Unternehmensberater von McKinsey. Sein Credo deshalb: „Wir benötigen in der Finanzindustrie eine Kultur des produktiven Scheiterns, anstatt das Risiko, neue Wege zu beschreiten, konsequent um jeden Preis zu vermeiden.“ Dennoch ist bislang kaum zu übersehen, dass es an einem bahnbrechenden neuen Geschäftsmodell mangelt. Noch ist kein zweites „Finanz-Apple“ in Sicht. Im Vergleich zu den amerikanischen und britischen Plattformen fristet beispielsweise hierzulande die private Kreditvergabe über spezielle Plattformen immer noch ein Nischendasein. „Wir operieren derzeit in sieben Ländern weltweit und fokussieren uns vor allem auf Kredite für Selbstständige und Kleinunternehmen“, erläutert Dr. Clemens Pasche, Mitgründer und Geschäftsführer der Lendico Deutschland GmbH. Über das Scoring- Modell möchte man jedoch keine Auskünfte erteilen. Der Kunde werde aber ausreichend über einen möglichen Totalverlust seiner Einlagen bei der Peer-to- Peer-Kreditvergabe aufgeklärt. Auch andere Ansätze dürften nicht ewig auf der Euphoriewelle der Netzgemeinde surfen können. Beispiel Crowdfunding: Die möglichen Risiken und Nebenwirkungen mit Blick auf die sich weiter etablierende Modellvielfalt hat Dr. Jean Pierre Bußalb, Referatsleiter bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Frankfurt am Main, im Visier. Die meisten der neuen Plattformen seien mit Blick auf das Einhalten des Regulierungsprozederes nicht professionell aufgestellt, bilanziert Bußalb. Mangelnde Professionalität in Fragen der Regulierung Aufgrund der zahlreichen unausgegorenen Geschäftspraktiken und der – aus Sicht des Konsumentenschutzes – wenig transparenten Modelle sieht der Regulierer eine Marktbereinigung als unausweichlich an. Denn bei den Crowdfunding-Plattformen gelange nur eines von zehn Projekten überhaupt erfolgreich bis zur Finanzierung, lässt der Experte durchblicken. Aktuell sind die Regulierer der BaFin vor diesem Hintergrund durch unzählige spezielle Anliegen und Anfragen der Crowdfunding-Plattformbetreiber überfordert. Die BaFin könne zu komplexen Anliegen auch keine rechtsverbindliche Beratung offerieren. „Die Gründer benötigen deshalb eine fundierte Due Diligence und Rechtsberatung, um ihr Geschäftsmodell schon vor dem Start auf eine solide Grundlage zu stellen“, rät Bußalb. fl Die Gründungswelle der FinTechs ebbt noch nicht ab. Fazit Die große Revolution, das „disruptive Element“ an den Finanzmärkten im Private Banking, ist bislang weder bei der Kreditvergabe über soziale Netzwerke noch im Bereich der klassischen Vermögensanlage oder bei der Immobilienfinanzierung erkennbar. Mehr noch: Da keine der beiden Gruppen, also weder die FinTechs noch die klassischen Banken, die künftige Entwicklung allein bestimmen können, liegt es nahe, sich auf die gemeinsamen Schnittstellen zu fokussieren und dort entsprechende Mehrwertdienste für die Kunden anzubieten. „Die Banken sind in diesem Wandlungsprozess weder early adopter noch last adopter“, betont Markus Becker-Melching vom Bankenverband. Als denkbare Kooperationsvarianten sieht der Experte zwei wesentliche Optionen: Zum einen könnten sich die Fin- Techs als Prozesspartner der Banken an der Integrationsnahtstelle zum Kunden als hilfreich erweisen. Alternativ wäre aber auch ein Zusammenschluss der Wettbewerber als Partner denkbar, um so gemeinsam neue Märkte und Potenziale zu adressieren. „Das Motto lautet: Kooperation statt Konfrontation“, pointiert Becker-Melching. Um die gemeinsamen Ressourcen der alten und neuen Spieler besser auszuloten und in strukturierter Form zu bündeln, hat der Bankenverband zu diesem Zweck seit Jahresbeginn ein eigenes Fin- Tech-Projekt etabliert. Sechs der vertretenen Geldhäuser, allen voran die Deutsche Bank und die Commerzbank, sind bereits in das Thema involviert. Inhaltlich adressiert die Initiative neben der Bildung von Wissensreservoirs und dem Netzwerkgedanken unter anderem auch regulatorische Aspekte in der Bankenlandschaft. ó Lesetipp: Die gemeinsamen Chancen von Banken und FinTechs untermauert die Studie „Fintech 2.0: Neue Chancen für Finanzdienstleister“, die Oliver Wyman gemeinsam mit Santander InnoVentures und der Anthemis Group verfasst hat. Download unter www.oliverwyman.de. 11.2015 diebank 31

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