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die bank 10 // 2020

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MARKT HISTORISCHER

MARKT HISTORISCHER ABRISS Die Goldwährung – Hort der Stabilität? Die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg gelten als die Glanzzeit der klassischen Goldwährung. Weltweit gingen seit den 1870er- Jahren immer mehr Länder zum Goldstandard über. Der internationale Handel erlebte einen kräftigen Aufschwung, Wirtschaftswachstum führte zu steigendem Wohlstand. Geld war Gold, Gold war Geld. Doch war die Goldwährung auch Garant für stabiles Geld? Die führende Wirtschafts- und Handelsnation des 19. Jahrhunderts war Großbritannien. London galt bereits um 1830 als „größter und reichster Handelsplatz der Erde … gegenwärtig mit 1.400.000 Einwohnern volkreichste Stadt Europas“. So nachzulesen in dem damals weithin bekannten, vor allem von Kaufleuten und Gewerbetreibenden genutzten Nelkenbrecher‘schen Handbuch der Münz-, Maß- und Gewichtskunde aus dem Jahr 1834. London war damals fast sechsmal so groß wie die preußische Hauptstadt Berlin. Im englischen Zahlungsverkehr rechnete man seit dem Frankenkönig Karl dem Großen (768 bis 814) in Pfunden zu 20 Schilling bzw. 240 Pence. Der Schilling und – bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch der Penny – waren Silbermünzen. Das Pfund wurde seit dem 17. Jahrhundert durch eine Goldmünze namens Guinea repräsentiert. Da sich das Wertverhältnis zwischen Gold und Silber im Laufe der Zeit veränderte, ließ sich ein festes Kursverhältnis zwischen Schilling und Guinea (Pfund) nicht dauerhaft aufrechterhalten. Die Guinea stieg auf 21 Schilling, während im Zahlungsverkehr die gewohnte Rechnung nach Pfunden zu 20 Schilling üblich blieb. 26 10 // 2020

MARKT Die führende Handelsnation geht 1816 zur Goldwährung über Mit dem Münzgesetz vom 22. Juni 1816 führte Großbritannien eine neue Goldmünze ein, den Sovereign. 21 Sovereigns hielten so viel Gold wie 20 bisherige Guineas. Die neue Goldmünze repräsentierte damit wieder genau ein Pfund Sterling zu 20 Schilling. Sie besaß einen Feingehalt von 7,32 g Gold. Der Silbergehalt der Silbermünzen wurde herabgesetzt, sodass sie gegenüber Goldgeld (gemessen am damaligen Preisverhältnis der beiden Edelmetalle) um sechs bis sieben Prozent unterwertig waren. Silbermünzen galten in Großbritannien fortan als Scheidemünzen. Sie mussten bei Zahlungen nur noch bis zu einem Betrag von maximal zwei Pfund Sterling angenommen werden. Goldmünzen dagegen galten uneingeschränkt. Der Sovereign, ab 1817 in großen Stückzahlen hergestellt, stieg zur weltweit anerkannten Handelsmünze auf. Der überwiegende Teil der englischen Goldprägungen erfolgte auf Rechnung von Privaten, denn jedermann konnte Gold in Sovereigns ausprägen lassen. Von der Bank of England ausgegebene Banknoten wurden auf Verlangen des Besitzers bei der Bank und ihren Filialen in Gold eingetauscht. Die Notenbank hielt dafür ausreichend große Goldvorräte. Großbritannien blieb bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die führende Handels- und Wirtschaftsmacht. Die wirtschaftliche Vormachtstellung und eine solide Währungspolitik führten dazu, dass sich die britische Goldwährung zum Vorbild für andere Staaten entwickelte. Sinkender Silberpreis belastet Doppelwährungen In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besaßen viele Länder noch eine Bimetall-Währung, sei es in Form der Doppelwährung mit festen Kursen zwischen Gold- und Silbermünzen oder als Parallelwährung mit schwankendem Kursverhältnis zwischen Gold- und Silbergeld. Doppelwährungen führten früher oder später zu Problemen, wenn sich das Wertverhältnis zwischen den beiden Edelmetallen veränderte. Diese Erfahrung mussten auch die Mitglieder der Lateinischen Münzunion machen, die 1865 von Frankreich, Belgien, Italien und der Schweiz gegründet wurde. Sie konnten sich nicht zu einer Goldwährung durchringen, sondern beschlossen eine Doppelwährung nach französischem Vorbild. Währungseinheit war der Francs, mit einer Goldparität von 0,2903 g Gold und einer Silberparität von 4,50 g Silber. Somit entsprach 1 Kilogramm Gold wertmäßig 15,5 Kilogramm Silber. Als der Silberpreis in den 1870er-Jahren zu sinken begann, strömte Silber zunehmend in die Länder der Lateinischen Münzunion, solange es dort zu dem festgesetzten, aber nicht mehr marktgerechten Wertverhältnis von 1 zu 15,5 in Silberkurantmünzen ausgeprägt werden konnte. Aus Sorge vor einer Überflutung mit Silber wurde daher 1874 die Ausprägung von Silberkurantmünzen beschränkt und 1878 praktisch suspendiert. Belgien hatte bereits am 20. Dezember 1873 die Annahme von Silber zur Münzprägung eingestellt. So war aus der Doppelwährung de facto eine „hinkende“ Goldwährung geworden. Deutschland führt die Mark als Goldwährung ein Durch Münzgesetze vom 4. Dezember 1871 und 9. Juni 1873 leitete das 1871 vereinte Deutschland den Übergang zur Goldwährung ein. Bis dahin hatten die meisten deutschen Länder Silberwährungen, oft mit ergänzendem Goldumlauf. Nur die Hansestadt Bremen besaß schon vor 1871 mit dem Taler Gold eine Goldwährung. Ab dem 1. Januar 1876 galt im gesamten Deutschen Reich die auf Gold beruhende Mark zu 100 Pfennig. Dabei entsprach eine Mark 0,35842 g Gold. Gegen Einlieferung von Gold bei den deutschen Münzstätten konnten auch Private auf eigene Rechnung Goldmünzen zu 20 Mark prägen lassen. So war in Deutschland grundsätzlich eine freie Goldmünzenausprägung für jedermann gegeben, wie bei der britischen Goldwährung. Die Herstellung von Silberscheidemünzen wurde begrenzt auf 10 Mark pro Kopf der Bevölkerung. Für Private bestand bei Zahlungen mit Silbergeld nur eine Annahmepflicht bis zu einem Betrag von 20 Mark, während Goldmünzen gesetzliche Zahlungsmittel in unbegrenzter Höhe waren. Seit den 1870er-Jahren gingen immer mehr Länder zur Goldwährung über. Die Fixierung der Währungen an eine bestimmte Menge Gold bedeutete stabile Wechselkurse – sofern die Regierungen nicht übermäßig ungedecktes Papiergeld ausgaben. Solange das britische Pfund 7,3224 g Gold entsprach und die Mark des Deutschen Reichs 0,35842 g Gold (das war von 1871 bis 1914 der Fall), war das Pfund 20,43 mal so viel wert wie die Mark. Der Wechselkurs des Pfund Sterlings lag demzufolge vor dem Ersten Weltkrieg stabil bei 20,43 Mark – von geringfügigen Schwankungen im Wechselgeschäft abgesehen. Der US-Dollar galt nach der Goldparität 4,20 Mark, egal ob im Jahr 1901 oder 1913, der Franken der Lateinischen Münzunion besaß 1880 wie 1913 einen Wert von 0,81 Mark, der holländische Gulden entsprach seit 1876 in deutschem Geld 1,69 Mark usw. Äußere Währungsstabilität in Form fester Wechselkurse war also gegeben, doch führte die Goldwährung auch zu innerer Geldwertstabilität und stabilen Preisen? Eher nicht. In Deutschland beispielsweise sank nach Ausweis der Deutschen Bundesbank (Deutsches Geldund Bankwesen in Zahlen 1876-1975) der Großhandelspreisindex (1913 = 100) von 1876 bis 1886 von 95 bis auf 72, ein Absinken um 24 Prozent in zehn Jahren. Der Verbraucherpreisindex (1913 = 100) fiel von 1877 bis 1886 von 77 auf 68, ein Preisverfall von immerhin zwölf Prozent in neun Jahren. Wirtschaftswachstum trotz Deflation Zeitweise schrumpfte auch das Sozialprodukt. Doch nach 1880 wuchs die deutsche Wirtschaft wieder, trotz anhaltender deflationärer Preisentwicklung bis 1886. Die Deutsche Bundesbank bezifferte das Sozialprodukt in konstanten Preisen für das Jahr 1876 mit 485 Mark je Einwohner, auf dem wirtschaftlichen Tiefpunkt 1880 mit 457 Mark je Einwohner, und im Jahr 1886 mit 526 Mark je Einwohner. Demnach verzeichnete die deutsche Wirtschaft vom Tiefpunkt 1880 bis 1886 immerhin ein reales Wachstum von etwa 15 Prozent pro Kopf - trotz Deflation. 10 // 2020 27

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