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die bank 10 // 2015

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

ó BERUF & KARRIERE Der

ó BERUF & KARRIERE Der Fluch der Kompetenzen INTERVIEW Der Begriff Kompetenz hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Wer kompetent ist, so das Alltagsverständnis, kann etwas, verfügt über entsprechende Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Der Pädagoge Dr. Jochen Krautz, Professor an der Bergischen Universität Wuppertal, hat sich intensiv mit dem Containerbegriff Kompetenz auseinandergesetzt und kommt zu einem anderen Schluss. Im Interview mit Redaktionsmitarbeiter Hartmut Volk erläutert er, warum. diebank: Herr Professor Krautz, weshalb ist die Zuschreibung „kompetent“ für Sie mit Vorsicht zu genießen? Krautz: Weil sie nicht hält, was sie oberflächlich verspricht. Jeder will heute einen kompetenten Menschen als Ansprechpartner. Ob Arzt, Bankberater, KFZ-Mechaniker oder Verkäufer, alle sollen sie kompetent sein. Was soll also schlecht daran sein, wenn bereits die Schüler auf Kompetenz hin unterrichtet werden, fragt sich der Laie. Nun, schlecht daran ist, dass das in den Schulen und Universitäten eingeführte Kompetenzkonzept massiv das Bildungsverständnis verändert. Bildung zielte auf Selbstständigkeit im Denken auf der Grundlage von Wissen und Können. Die Vermittlung von Kompetenzen hingegen zielt auf vordergründiges Funktionieren, auf Anpassungsbereitschaft an globalen Wandel beziehungsweise auf das, was bestimmte Kreise dafür halten. Das halte ich für hoch problematisch. Zumal von den Betrieben zunehmend beklagt wird, dass dieses selbstständige Denken faktisch ab- anstatt zunimmt, wie es die Verfechter des Kompetenzkonzepts versprechen. diebank: Schauen wir inhaltlich noch genauer hin, was macht Ihnen den Kompetenzbegriff in der grassierenden Verwendung so suspekt? Krautz: Den Psychologen zufolge, die den Kompetenzbegriff in seiner aktuellen Fassung erfunden haben, geht es dabei um kognitive Fähigkeiten zur anwendungsbezogenen Problemlösung. Damit fällt ein großer Teil dessen, worum es in Schule gehen sollte, schon einmal unter den Tisch. Ziel dieser Verkürzung war es schlicht, Bildung messbar zu machen. Kompetenzen lassen sich nun zwar messen, das aber nur unter Vernachlässigung aller anderen Dimensionen von Bildung. Da Kompetenzen als funktionale Fähigkeiten prinzipiell inhaltsneutral sind, wird zunehmend gleichgültig, woran ich sie erwerbe. Lesekompetenz kann ich an einem anspruchsvollen Gedicht, aber auch an WhatsApp-Nachrichten üben. So lange ist es noch gar nicht her, da galt die Auffassung, dass Goethe oder Schiller noch etwas mehr zu bieten haben als SMS-Texte, etwa Fragen nach Glück und Verantwortung, nach Lebenssinn und Empfinden für eine ästhetische Sprachform. Und genau das ist kein überflüssiges Brimborium, sondern hilft dabei, einen eigenen, verantwortlichen Ort in der Welt zu finden. Von all dem weiß Kompetenz nichts. diebank: Mit anderen Worten, Kompetenzorientierung senkt das Bildungsniveau? Krautz: Das ist das Problem. Hinzu kommt, Kompetenzen sind auch ethisch neutral: Mit Rechenkompetenz kann ich Finanzmanipulationen berechnen, mit Sozialkompetenz auch eine Mafiagang führen. Bildung und Erziehung fallen im kompetenzorientierten Unterricht zunehmend auseinander. Mit der Folge, dass es nun für Sozialkompetenz bereits Sondertrainings gibt. Lehrpläne werden zur aberwitzigen Ansammlung von Teilkompetenzen, nach denen man nicht mehr unterrichten kann. Auch diese Klage erfahrener, nicht Ideologie vernebelter Pädagogen ist zutreffend. Zu Recht weisen sie darauf hin, dass mit der Kompetenzorientierung die sachliche Logik der Fächer und damit auch die Struktur des Denkens verloren geht. Bildung zielt aber auf eigenständiges Verstehen, nicht auf das Abarbeiten und Antrainieren von funktionalen Fertigkeiten. Laut OECD, die für den PISA-Test und dieses Kompetenzkonzept verantwortlich ist, geht es ganz ausdrücklich nicht um geistige Selbstständigkeit, sondern um „Anpassungsfähigkeit“ – wörtlich! diebank: Wer auf Kompetenzen hin getrimmt ist, hat also einen blinden Fleck beim kritischen Urteilsvermögen? Krautz: Keine Frage, genau das ist zunehmend zu beobachten. Das vollzieht sich subtil, aber deutlich. Und die Kritik daran ist auch nicht gegen die jungen Menschen gerichtet, die so verbildet wurden. Aber junge Menschen lernen zunehmend zu funktionieren und das Gegebene nicht zu hinterfragen. Damit sinkt zugleich das Interesse an den Dingen. Man studiert dann, um fertig zu werden. Die Sache aber, das eigene Fach, das interessiert einen eigentlich nicht mehr. Fragen nach Wahrheit und Geltung, die Unterscheidung von Meinung und Argument, die Reflexion von Methoden werden kaum mehr angenom- 74 diebank 10.2015

BERUF & KARRIERE ó men, weil sie in dieser funktionalistischen Welt überflüssig erscheinen. diebank: Wem verdanken wir eigentlich dieses augenscheinlich nur als Entwertungsprozess von tatsächlicher Bildung im weitesten Sinn zu verstehende Hochjubeln von Kompetenzen? Krautz: Nun, ich habe die OECD schon erwähnt. Sie hat mit dem PISA-Test entscheidend dazu beigetragen. Der testet nämlich nicht Bildung, sondern eben Kompetenzen. Seit dem sogenannten „PISA-Schock“ wird aber nun das ganze Bildungssystem auf diese Kompetenzen umgestellt, damit alle bei PISA besser werden. Was damit verbunden ist, wurde aber nicht diskutiert. Der ganze Vorgang zeigt klassische Elemente von Propaganda. Man inszeniert ein Ereignis wie diesen PISA-Schock. PISA testet aber nach eigener Aussage nicht das, was in unseren Lehrplänen steht, sondern das eigene Kompetenzkonzept. PISA hat also eigentlich wenig oder nur zufällige Aussagekraft über das, was unsere Schüler können. Gleichwohl wurde das vermeintlich schlechte Abschneiden beispielsweise Deutschlands aber genutzt, um nun radikal Reformen anzustoßen, wozu die Politik gerne auf die fertigen Konzepte der OECD zurückgriff. Während die PISA-Tests also eine bloße Scheinwelt angeblich „objektiver“ Aussagen über den Bildungsstand inszenierten, waren die Reaktionen darauf sehr wohl Realität. Man nennt das „governance by comparison“, Steuerung durch Vergleich. Die OECD weiß, dass sie eigentlich keinen legitimen Einfluss auf die nationalen Bildungssysteme hat und nutzt diese Taktik, um die Souveränität der Staaten zu unterlaufen. Solche „soft governance“, Techniken sanfter Steuerung, sind undemokratische, letztlich manipulative Methoden, mit denen ein neues Leitbild von Bildung durchgesetzt wird, das einer plumpen ökonomistischen Logik folgt. diebank: Das ist ein harter Vorwurf, der verlangt bitte eine klare Begründung. Krautz: Vordergründig könnte man meinen, die Kompetenzorientierung bedient fi INTERVIEW die Interessen der Wirtschaft, weil die OECD als Wirtschaftsorganisation auftritt und übliche Floskeln aus dem Arsenal neoliberaler Theorie der Chicago School herunterbetet. Zudem sind zahlreiche Konzern-Stiftungen sowie Unternehmensverbände in den Prozess involviert. Tatsächlich funktional sind so ausgebildete künftige Arbeitnehmer jedoch nur für globale Konzerne, die ihr „Humankapital“ weltweit nach standardisiertem Format gefertigt vorfinden wollen. Unternehmen also, in denen streng nach Guidelines gearbeitet wird, wenig selbstständig gedacht werden soll, man aber für die permanenten Umstrukturierungen auch ein bisschen Kreativität und viel Flexibilität benötigt. Für alle anderen Unternehmen ist das Unsinn. Dr. Jochen Krautz ist seit 2013 Professor für Kunstpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal. Zuvor war er Professor für Kunstpädagogik und Kunstdidaktik an der Alanus-Hochschule in Alfter und Mannheim. Kautz hat Kunst, Latein und Erziehungswissenschaften in Köln studiert und über den britischer Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker John Berger promoviert. Er ist Gründungsmitglied des Forschungsverbunds Kunstpädagogik IMAGO, Beirat der Gesellschaft für Bildung und Wissen sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Verbands Deuscher Realschullehrer. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Bildungspolitik, Pädagogik und Didaktik. diebank: Aber legt sich die Wirtschaft in einer Zeit, in der ein umfassendes Denken in Interdependenzen und Wirkungszusammenhängen betriebliche Überlebensvoraussetzung ist, mit dem schmalspurigen Kompetenzkonzept nicht ein Kuckucksei ins Nest? Krautz: Das ist ja die bittere Ironie der Geschichte: Ein angeblich im Namen der Wirtschaft auf Kurs gebrachtes Bildungssystem wird zunehmend dysfunktional gerade für die Bedürfnisse der Wirtschaft selbst. Man schießt sich in der Tat ins eigene Knie. In weiterer Perspektive wird man zudem fragen müssen, was dieser Kulturkampf, den die OECD weltweit führt, eigentlich soll. Den Menschen und eben auch einer menschwürdigen Wirtschaft dient er sicher nicht. diebank: Herr Professor Krautz, vielen Dank für dieses Interview. 10.2015 diebank 75

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