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die bank 08 // 2018

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MARKT Tulpenhandel über

MARKT Tulpenhandel über Terminkontrakte Der Bereich, der heute für die Preismuster der Tulpenmanie steht, war eine Over-the-Counter-Form des Terminhandels. Dabei wurden vor allem Zwiebeln etablierter, weit verbreiteter Tulpen gewöhnlicher Art als Spekulationsobjekte herangezogen. Diese wurden von der reichen Kaufmannsschicht als minderwertig gemieden. Belege dafür, dass auch auf seltene Zwiebelarten Terminkontrakte abgeschlossen wurden, gibt es nicht. Dies wäre auch in den meisten Fällen schwierig gewesen, denn einige neue, später begehrte Exemplare mit besonderem Muster waren noch gar nicht erblüht und damit für Terminkontrakte nicht spezifizierbar. Die Zwiebeln wurden auch nicht an der Börse gehandelt, sondern nur in Tavernen. Die Terminkäufer hatten dabei die Getränkerechnung, das Wine Money, zu zahlen, was als Indikator der Größenordnung des Handels gewertet werden darf. Während für seltene Exemplare von Tulpenliebhabern bis zu 5.500 Gulden bezahlt wurden – was dem Gegenwert des häufig zitierten gut ausgestatteten Hauses entsprach – zahlten die Kunden in den Tavernen maximal 3 Gulden. Der Terminmarkt für Tulpenzwiebeln entwickelte sich ab 1636 rege, ohne zunächst preisliche Exzesse zu zeigen. Der Ablauf der Geschäfte war nicht viel anders als beim heutigen Terminhandel. Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses hatte weder der Käufer das Geld noch der Züchter die Zwiebeln. Es wurde ein Liefertermin ausgemacht, zu dem aber in der Regel nicht geliefert wurde, sondern die Verträge über ein Cash Settlement glattgestellt wurden. Tatsächlich ist es in der zweiten Hälfte des Jahres 1637 zu einem extremen Preisanstieg gekommen, dessen Ursachen heute nicht detailliert rekonstruiert werden können. Ähnlich wie 2008 für die amerikanischen Immobilienmärkte wurde auch 1638 für die Märkte für Tulpenzwiebeln bemängelt, dass es keine Leerverkaufsmöglichkeiten gab, über die preissenkend in den Märkten hätte agiert werden können. Dieser Aspekt erscheint jedoch eher nachrangig, wenn man sich die rechtliche Belastbarkeit der Kontrakte verdeutlicht. Terminhandel wurde als Spekulation angesehen und war quasi illegal. Verpflichtungen aus Terminkontrakten waren gerichtlich nicht durchsetzbar. Als in der ersten Februarwoche 1638 der Terminhandel in Tulpenzwiebeln zusammenbrach, kam es zu einem extremen Preissturz und öffentlicher Aufregung. Am 27. April 1638 beschloss die holländische Regierung deshalb, alle Verträge auszusetzen. Den Verkäufern war es während der Aussetzung jedoch gestattet, ihre Zwiebeln zu Marktpreisen zu verkaufen. Die Käufer dagegen mussten die Differenz zwischen Marktpreis und dem Vertragsabwicklungspreis, den die Regierung festlegte, zahlen. Weitere Details sind dann kaum rekonstruierbar. Nachdem im Mai 1638 die Stadt Haarlem beschloss, dass der Verkäufer durch die Zahlung von 3,5 Prozent des Vertragspreises den Vertrag kündigen durfte, folgten wohl viele andere Städte der Region diesem Beispiel. Die Gerichte hielten keine Kontrakte aus Tulpenzwiebel-Termingeschäften aufrecht. Der Kassahandel in Tulpenzwiebeln war dagegen nicht betroffen. 46 08 // 2018

MARKT Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen Die Folgen des zusammengebrochenen Markts waren vollkommen anders, als später häufig berichtet wurde. Auch noch Jahre nach dem Ereignis wurden große Summen für Zwiebeln von seltenen Tulpen bezahlt. Dass die Preise gegenüber der Zeit vor 1638 geringer ausfielen, lag vor allem daran, dass Tulpen zunehmend verbreitet wurden. Die Preissenkung einer seltenen Art ist mit der Zeit vollkommen normal, da sie häufiger zu erwerben war und damit die Knappheitsrelation sank. Zudem wurde das niedrigere Preisniveau im 18. Jahrhundert durch einen veränderten Modetrend getrieben, denn damals stieg die Hyazinthe zur beliebtesten Blume auf. Anders als oft behauptet 5 waren auch die Folgen für die niederländische Wirtschaft keineswegs spekulationsblasenkonform. Es gab keine allgemeine Krise, die Wirtschaft florierte. Da nur Kleinstflächen in Stadtgärten für den Tulpenanbau genutzt wurden, waren auch die Folgen für die Marktteilnehmer überschaubar. Es gibt keinen einzigen belegten Fall eines Tulpenzüchters, der aufgrund des Preiseinbruchs im Februar 1638 in die Insolvenz gegangen ist. Und ohne negative gesamtwirtschaftliche Auswirkungen fehlt auch ein zentrales Definitionselement einer Spekulationsblase, die ja gerade wegen ihrer Folgen für Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung gefürchtet wird. In diesem Zusammenhang sei zum Vergleich der Preiszusammenbruch bei Sammlungen deutscher Briefmarken, die seit Mitte der 1960er-Jahre zusammengestellt wurden, genannt. Die Wertverluste der Sammler, ausgehend von den Spitzenpreisen, die im letzten Jahrhundert gezahlt wurden, waren ganz beträchtlich. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt hat den Wertverlust aber ganz unbemerkt weggesteckt, und es gab bislang noch keine Berichte über das Platzen einer Spekulationsblase. Wie kam die Tulpenkrise in unsere Narrative? Durch die Auswertungen von Garber und Goldgar gibt es einen zwar kaum wahrgenommenen, aber doch existierenden, sauber dokumentierten Erkenntnisstand zu den Ereignissen des Dreißigjährigen Kriegs. Die Wurzeln der gern gebrachten Erzählungen erscheinen dagegen so abenteuerlich, dass es schon fasziniert, wie sie sich gehalten haben. Ausgangspunkt des Narrativs ist ein 1841 erschienenes Buch von Charles Mackay, der als Quelle ein Buch des Deutschen Johann Beckmann weitestgehend übernahm und dabei bellestristisch stark bearbeitete. Beckmanns Hauptquelle wiederum war ein 1705 erschienenes Reisetagebuch von J. Blainville. Dessen Erscheinungsdatum – fast 70 Jahre nach der Tulpenkrise – und die unwissenschaftliche Form als Dokumentation von Geschichten, die während einer Reise mitgeschrieben wurden, machen es aber ungeeignet als seriösen Beleg für ein historisches Ereignis. Man möge sich vorstellen, 2016 einen Zeitzeugen zu bitten, aus dem Gedächtnis heraus die Schwarzmarkthandelsaktivitäten der deutschen Nachkriegszeit zu erläutern. Auch diese Berichte würden wohl nicht als unverzerrtes Abbild der damaligen Fakten gelten können. Eine weitere Quelle Beckmanns, die auch Mackay direkt verwendete und erheblich dramatisierte, waren drei Pamphlete mit Dialogen der Kunstfiguren Gaergoedt und Waermondt, aus denen auch einige Preisdaten stammen. Diese Pamphlete waren motiviert von moralischen Angriffen der niederländischen Regierung gegen die Spekulation, hatten also nicht im Sinn, Tatsachen unverfälscht zu berichten, sondern das Verhalten der Mitbürger zu korrigieren. Auch diese Quelle erscheint ungeeignet für die korrekte Aufarbeitung eines historischen Ereignisses. Es ist also tatsächlich dem Buch von Charles Mackay zu verdanken, der sehr unterhaltsam etwas berichtete, was so wohl nicht stimmte, aber gern von vielen geglaubt wurde, weil es sehr gut den Vorstellungen von menschlichem Verhalten (in den Niederlanden) beim Agieren an Terminmärkten entsprach. Es waren aber wohl keine gezielten „Fake News“, sondern eher der Wunsch, gut zu unterhalten. Dass diese Unterhaltung einen so nachhaltigen Anklang noch 170 Jahre später findet, war nicht absehbar. FAZIT Die weit verbreitete Skepsis gegenüber der Stabilität von Finanzmärkten und der Rolle, die Terminmärkte dabei spielen, führt immer wieder die sogenannte Tulpenmanie als Beleg für ihre Bedenken an. Diese vermeintliche Spekulationsblase hat es aber wohl in der erzählten Form nie gegeben, sie ist eher ein gern beschriebenes Schreckgespenst. Diese Einsicht untergräbt nicht die Bedeutung von Analysen zu den Risiken, die durch tatsächliche spekulative Preisblasen ausgehen können, aber sie mahnt doch zu einer reflektierteren Betrachtung zurückliegender Ereignisse, um aus der Vergangenheit die richtigen Schlüsse ziehen zu können. Autoren Dirk Schiereck ist Professor für Unternehmensfinanzierung an der Technischen Universität Darmstadt und Research Fellow am REMI der EBS Business School. Christopher C. Schiereck studiert Wirtschaftswissenschaften an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. 1 Petersdorf, W. v. (2008): Historische Finanzkrisen: Niederlande 1637 – Eine Blumenzwiebel für 87.000 Euro. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2008, online. 2 Garber, P. M. (1989): Tulipmania. Journal of Political Economy, 97, S. 535-560. 3 Shiller, R. (2017): Narrative Economics. Cowles Foundation Discussion Paper No. 2069. 4 Goldgar, A. (2018): Tulip mania: the classic story of a Dutch financial bubble is mostly wrong. Theconversation.com, 15.02.2018, online. 5 Vgl. Galbraith, J. K. (1992): Finanzgenies – Die kurze Geschichte der Spekulation. Eichborn, Frankfurt/Main. 08 // 2018 47

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