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die bank 08 // 2016

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

ó BANKING um. Das

ó BANKING um. Das trifft nicht nur auf Millennials zu, sondern auch auf die Kundenschichten, die über größere Anlagesummen verfügen. diebank: Anders gefragt: Was spricht dagegen, mit ein bisschen eigener Finanzkompetenz und etwas Zeiteinsatz gängige und bereits kostengünstige ETF-Produkte online selbst zu ordern, statt einen Robo Advisor zu konsultieren? Mellinghoff: Gar nichts. Die Kundengruppe der Selbstentscheider wird auch weiterhin eigenständig Produkte ordern. Das ist aber nur eine sehr geringe Zahl von Kunden. Robo Advisors sind primär für jene Kunden gedacht, die etwas Anleitung und Führung wollen oder sich mit der Geldanlage nicht beschäftigen möchten. Mittelbis langfristig wird das Kernunterscheidungsmerkmal bei Robo Advisors nicht mehr der Preis sein, sondern buchbare Zusatzelemente, beispielsweise Sonderleistungen. Die Asset-Allocation-Dienstleistung wird Commodity – zumindest für niedrigere Anlagebeträge. Geld verdient wird mit Zusatzleistungen. Diese Entwicklung ist bereits in USA erkennbar. diebank: Bislang fehlt es vor allem an Transparenz und konkreten Zahlen, um die Geschäftsmodelle der Robo Advisors nachhaltig beurteilen zu können. Woran liegt das bzw. wird sich dies ändern, falls die ersten Spieler eine belastbare Erfolgsgeschichte nachweisen können? Mellinghoff: Das ist ein interessanter Punkt. Robo Advisory steht unter anderem für Transparenz. Aber was die Offenlegung der Assets under Management angeht, sind die meisten Gründer sehr zurückhaltend. Das hat vor allem etwas mit Messbarkeit zu tun. Viele Gründer von Robo-Advisor-Modellen kommen aus der Finanzindustrie und hatten in der Vergangenheit eher mit Milliarden denn mit Millionen zu tun. Daher rührt die aus meiner Sicht falsche Scham, nun auf einmal mit niedrigen Volumina zu operieren. Aber selbst heutigen Branchenriesen, wie beispielsweise der DWS, ist es in den 1950er Jahren auch nicht mit einer Gründung aus dem Stand heraus gelungen, hunderte von Millionen an Anlegergeldern zu akquirieren. Das Geschäft mit der Geldanlage braucht Zeit. In den USA müssen die Anbieter ihre Assets under Management und Kundenzahlen offen legen. diebank: Laut Ihren Angaben beträgt das weltweit in neue Ansätze der Robo Advisory investierte Finanzvolumen rund 50 Mrd. US-$. Wer profitiert davon, wer nicht? Mellinghoff: Die Zahl von 50 Mrd. US-$ ergibt sich aus einfacher Addition der weltweit größten Robo Advisors. Davon profitieren in erster Linie die Kunden – durch erheblich niedrigere Gesamtkosten in ihrer Vermögensverwaltung. Wenn man – vereinfachend – davon ausgeht, dass die 50 Mrd. US-$ ihren Kunden jeweils 1 Prozent an Kosten sparen, dann sind das 500 Mio. US-$, fl Robo Advisory steht für Transparenz. Aber was die Offenlegung der Assets under Management angeht, sind die meisten Gründer sehr zurückhaltend. Das hat vor allem etwas mit Messbarkeit zu tun. die den Kunden weniger abgezogen werden – pro Jahr. Das bedeutet mit der eingesparten Summe nur eines Jahres könnte man fünfmal die Fassade des Berliner Stadtschlosses finanzieren. Die 50 Mrd. US-$ machen aber bisher nicht einmal 0,1 Prozent des weltweiten Anlagevolumens aus. Das deutet an, wie riesengroß das Potenzial in diesem Segment für die Robo Advisors ist – und wie hoch der Schaden für bisherige Anbieter sein kann. In erster Linie profitieren also die Kunden. Ein weiterer Profiteur sind die Anbieter von ETF- Produkten, da die meisten der Robo Advisors ETF-basiert sind. Traditionelle Anbieter müssen mutig sein und eine Kannibalisierung ihrer bestehenden Angebote in Kauf nehmen. Wie groß der Kannibalisierungsgrad wirklich ist, ist schwer zu ermitteln. Die hohen Volumina und die gleichzeitige Aufrechterhaltung des Angebots deuten jedoch darauf hin, dass das Geschäft auch für Banken interessant ist. diebank: Von den weltweit geschätzt rund 200 vorhandenen FinTechs mit Schwerpunkt Robo Advisory sind nur rund 50 in Europa angesiedelt. Gerät die europäische FinTech-Szene erneut in einen unaufholbaren Rückstand zu den USA? Mellinghoff: Nein, das sehe ich nicht. In den USA ist bekanntermaßen die Risikobereitschaft breiter Anlegerschichten höher als in Deutschland. Insofern ist es nicht überraschend, dass die USA das Robo-Mutterland sind. In Deutschland gibt es aktuell 15 Anbieter, die am Markt aktiv sind. Eine ähnlich hohe Zahl befindet sich im Stealth-Modus. Wir erwarten weiteres Wachstum und halten den deutschen Markt aus Robo-Sicht für interessanter als z. B. Großbritannien. diebank: Wie sieht es mit Asien aus: Wird dieses Marktsegment auch den indischen, chinesischen und japanischen Markt erreichen? Mellinghoff: Absolut. In Indien gibt es aktuell mindestens 20 Robo Advisors. Zu Japan und China liegen nur lückenhafte Informationen vor, aber in verwandten Bereichen (z. B. Social Trading) existiert bereits eine Vielzahl von Anbietern. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich erste Anbieter aus den USA oder Europa nach Asien aufmachen. Das Wachstum dort wird gewaltig sein, da die Affinität zu Smartphones um ein Vielfaches höher ist als bei uns. Der Erfolg des Alibaba-Geldmarktfonds gibt eine Indikation, wie das in China laufen kann. diebank: Kommen wir zu Deutschland: Gibt es hierzu erste Zahlen, welche Ansätze und Spieler (z. B. Quirion, Moneymeets etc.) Erfolg versprechend sind? Oder ist es zu früh, 42 diebank 08.2016

BANKING ó um konkrete Prognosen über das künftige Wachstum zu stellen? Mellinghoff: Die digitale Vermögensverwaltung ist für mich „the art of FinTech“, also die höchste Kunst in dieser Branche. In den meisten anderen Sektoren ist nach erfolgter Transaktion das Kerngeschäft für den Anbieter erledigt (z. B. beim Payment) oder der Kunde ist am Zug (z. B. bei Rückzahlung eines Peer-to-Peer-Darlehens). In der digitalen Vermögensverwaltung hingegen erhält der Robo den Anlagebetrag und dann fängt ein Teil der Leistung überhaupt erst an: der Robo muss zeigen, dass sein Allokationsvorschlag funktioniert. Deshalb ist ein langer Atem der hinter den Robo Advisors stehenden Investoren so wichtig. Quirion ist ein Anbieter der ersten Stunde und eine Marke der Quirin Bank. Dort werden bislang ungefähr 30 Mio. € verwaltet, was für ein Institut dieser Größe eher enttäuschend ist. Ich gehe aber davon aus, das Quirion bald von einem oder mehreren Anbietern von der Start-up-Konkurrenz überholt wird. Moneymeets ist eher eine Allfinanzplattform und kein Robo Advisor. Nicht ausgeschlossen, dass irgendwann entsprechend angedockt wird. Es ist eine Frage, wo das Management den USP sieht. Den deutschen Markt schätze ich derzeit auf 100 Mio. € und gehe davon aus, dass sich dieses Volumen unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen in den nächsten Jahren signifikant auf über 1 Mrd. € steigern wird. diebank: Bislang scheint das Gros der Anbieter auf das Ausschöpfen zusätzlicher Potenziale in der Wertschöpfungskette bei ETF- Produkten zu setzen. Ist dies eine gute Strategie oder ist dieser Ansatz gerade hierzulande nicht zu begrenzt, wo das Gros der Anleger gar nicht an der Börse investiert ist? Mellinghoff: Das Kernproblem in Deutschland ist, dass so wenige Anleger überhaupt investieren, völlig unabhängig ob in Fonds, ETFs oder per Direktanlage in Aktien. Die versammelte Industrie der alten Welt hat seit Jahrzehnten kolossal versagt, mehr Anleger in Produktivkapital zu bringen. fi INTERVIEW Ich glaube, dass es über die digitale Schiene möglich ist, neue Anlegerschichten zu erschließen. diebank: Gibt es Player von außerhalb der FinTech-Szene oder Bankenindustrie, die dem Markt mehr Dynamik einhauchen könnten, wie zum Beispiel Snapchat? Mellinghoff: Es gibt Marktgerüchte, dass Snapchat tatsächlich Robo Advisory anbieten soll. Das wäre aufgrund der hohen Nutzerzahlen ein Game Changer. Es bleibt abzuwarten, ob das tatsächlich passiert. Immer wieder erleben wir es, dass branchenfremde Unternehmen sich in zukunftsträchtige Digitalsektoren involvieren: Zuletzt hat beispielsweise der Mobilfunker O2 in Deutschland ein Mobile- Banking-Angebot in Kooperation mit der Fidor Bank gelauncht. Auch die Übernahme von Linkedin durch Microsoft fällt in diese Kategorie. Insofern kann man davon ausgehen, dass auch die Anlageseite irgendwann von „Non-Financials“ adressiert wird. Michael Mellinghoff vereint 15 Jahre Erfahrung als Investment Professional im traditionellen Bankgeschäft mit der FinTech-Welt. Über zehn Jahre seiner Karriere hat er in den Bereichen Asset Management und Investment Banking gearbeitet. Dabei war er u. a. als Geschäftsführer und Aufsichtsrat der Commerzbank Asset Management und der DZ Bank tätig. Seit 2010 ist Mellinghoff im FinTech-Bereich tätig, darunter mehr als drei Jahre als Geschäftsführer des deutschen FinTech-Pioniers Sharewise.com. diebank: Ein Robo Advisor scheint hierzulande kaum in der Lage zu sein, aus eigener Kraft erfolgreich zu skalieren, oder? Mellinghoff: Robo Advisory braucht einfach noch Zeit – insbesondere für den Aufbau eines Track Records auf der Anlageseite, aber auch um zu zeigen, dass die Geschäftsmodelle robust sind. Es gibt bereits Banken in Deutschland, die mit Robo-Start-ups kooperieren, z. B. Fincite mit der Deutschen Bank. Weitere Kooperationen befinden sich in Vorbereitung. Die nächsten zehn Jahre dürften eher denjenigen Geschäftsmodellen gehören, die auf Kooperation mit Banken setzen, also den B2B-Modellen. Das hängt schlicht mit der gegenwärtigen Marktstruktur zusammen, in der die weitgehend analoge Klientel noch bereit ist, die jetzigen Bankstrukturen zu finanzieren. Das dürfte sich ändern, sobald die Millennials als Kundengruppe bestimmender werden. diebank: Bleibt die Vision von der erfolgreichen Beratung über automatisierte Anlagemodelle unerfüllt, oder schafft sich hier eine neue Anlegergeneration eigene Strukturen jenseits der klassischen Bankenwelt? Mellinghoff: Letzteres ist der Fall. Für langwierige Anlageberatung in einer Filiale ist in der Convenience-getriebenen neuen Welt schlicht kein Platz. Anleger sind allein schon durch das Zinsniveau – und die damit sprunghaft gestiegene Volatilität – gezwungen, mehr und häufigere Anlageentscheidungen zu treffen, weil die Buy & Hold-Strategie nicht mehr funktioniert. Insofern wird sich eine neue Anlegergeneration finden. Der Lackmustest für die Robo-Modelle wird sein, wenn – irgendwann – der Bullenmarkt ein Ende findet. Dann wird es vor allem auf die Art der Kommunikation mit dem Kunden ankommen. diebank: Herr Mellinghoff, vielen Dank für dieses Gespräch. Interview: Lothar Lochmaier. 08.2016 diebank 43

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