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die bank 07 // 2017

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT

MARKT UNTERNEHMENSNACHFOLGE Die Liste der Risiken ist lang Dr. Birgit Felden bekleidet an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht eine Professur für Mittelstand und Unternehmensnachfolge. Im Interview erläutert die Wissenschaftlerin mit langjähriger Praxiserfahrung, worauf bei einem Unternehmensverkauf das Augenmerk zu richten ist. die bank: Frau Professor Felden, gibt es den richtigen Zeitpunkt, um den Unternehmensverkauf vorzubereiten und allmählich in die Wege zu leiten? Felden: Ich empfehle, drei bis fünf Jahre Vorlauf einzuplanen, egal ob das Unternehmen verkauft oder eine interne Regelung gefunden werden soll. Das gibt den Spielraum, um die Angelegenheit ohne Druck und mit Bedacht anzugehen und zu konkretisieren. die bank: Wann sollten Unternehmer am besten „loslassen“? Felden: Ich halte es für falsch, den Verkauf an einem konkreten Alter festzumachen. Es ist doch das Privileg von Unternehmern, nicht mit dem gesetzlichen Rentenalter aufhören zu müssen. die bank: Allerdings haben sie im Gegenzug auch die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass ihr Unternehmen für die Zukunft gut aufgestellt ist. Felden: Das stimmt, nicht zuletzt auch schon als erste Vorbereitungsmaßnahme auf einen potenziellen Verkauf erwächst daraus die Notwendigkeit, eine tragfähige Notfallplanung zu konzipieren, sich frühzeitig mit der Nachfolge im Management zu befassen und Überlegungen und Maßnahmen zur Sicherung des Eigentums anzustellen. Ebenfalls bereits zu diesem frühen Zeitpunkt sollte auch bedacht werden, dass der Abschied vom Lebenswerk ein emotionales Thema ist und entsprechend verarbeitet und verdaut werden muss. die bank: Sind Ihre Empfehlungen gängige Verhaltensweise in der Praxis? Felden: Leider nicht. Nur rund ein Drittel der Unternehmen sind beispielsweise auf einen plötzlichen Ausfall der Unternehmensspitze vorbereitet. Das ist bedenklich, zumal diese Gefahr mit zunehmendem Alter wächst. Deshalb empfiehlt es sich schon aus biografischen Gründen, den Gedanken an einen Unternehmensverkauf nicht vor sich herzuschieben, sondern sich den damit zusammenhängenden Fragen zu stellen. Ein erster sinnvoller Schritt in diese Richtung ist die Zusammenstellung eines Notfallkoffers. Er sollte Vollmachten, Vertretungsplan, Informationen zu Kunden- und Lieferantenstrukturen und eine Dokumentenmappe mit Bankverbindungen, Passwörtern und einem Testament enthalten. Das sollte jeder Unternehmer als sein vorsorgendes Pflichtprogramm ansehen. Kür ist dann die früh begonnene und damit langfristig sorgfältig eingefädelte Unternehmensnachfolge. Wer in der Mitte seines Lebens, also mit etwa „50 plus“ anfängt sich damit auseinanderzusetzen, hat genügend Zeit, den Unternehmensverkauf ohne Druck in trockene Tücher zu bringen. die bank: Das hört sich in der Theorie gut an, aber in der Praxis muss auch mit ins Kalkül gezogen werden, wie stark gerade mittelständische Unternehmer für ihren Betrieb leben, wie sie sich darüber als Person definieren und dass sie sich deshalb gar kein Leben jenseits der Arbeit aufbauen. Felden: Ja, der Rückzug und die Übergabe an jemanden, der auch andere, neue Akzente setzt, die Dinge mit anderen Augen sieht und angeht, fallen dann schwer, weil sie Verlust von Macht und Status mit sich bringen. Hinzu kommt, dass vor allem bei kleineren Mittelständlern die Nachfolge auch ein finanzielles Thema ist. die bank: Beim Verkauf kommen dann zumeist die Banken ins Spiel, sei es als Berater oder als Finanzierer. Ist Unternehmensnachfolge auch klassisches Bankgeschäft? Felden: Zumindest sollten zu Beginn eine solide Bestandsaufnahme und eine nüchterne Analyse der Ausgangssituation stehen. Da können Kreditinstitute natürlich eine große Hilfestellung geben, etwa bei der Berechnung der finanziellen Basis. Mit Blick auf die abgebende Generation betrifft das vor allem die finanzielle Absicherung im Alter. Es fällt nicht leicht, loszulassen, wenn man finanziell vom Betrieb abhängig ist. Gerade in solchen Fällen gilt: Mit Mitte 50 lässt sich das noch gestalten. Mit Mitte 60 ist da nur noch wenig zu machen. Doch nicht nur die eigene, auch die finanzielle Ausgangsbasis der mögli- 18 07 // 2017

MARKT cherweise nachfolgenden Generation, die Anteile am Unternehmen erwerben kann, muss eruiert werden. Sodann ist dem Thema Qualifikation Aufmerksamkeit zu widmen. Auch kann es ratsam sein, die Betriebsveräußerung aus der Perspektive eines möglichen Käufers zu betrachten. die bank: Damit rückt nun der Unternehmenswert in den Blickpunkt … Felden: … und damit die solide geprüfte Unternehmensbewertung als Gesprächsgrundlage für den jetzigen und den potenziellen zukünftigen Unternehmensinhaber. Sie legt offen, ob der verkaufswillige Inhaber überhaupt von kompatiblen Vorstellungen ausgeht. Gar nicht so selten spielt für ihn dabei die Wertschätzung seines Lebenswerks eine Rolle. die bank: Und die damit verbundenen Emotionen sorgen oft für wenig marktgerechte Wertvorstellungen. Felden: Grundsätzlich gilt: Jeder Betrieb muss individuell bewertet werden. Dabei können unterschiedliche Bewertungsmethoden richtig sein. Sind bei dem einen Unternehmen die Gewinne die ausschlaggebende Bewertungsbasis, sind es bei einem anderen die Vermögenswerte, die in Maschinen oder im Warenlager gebunden sind. Die Verwendung allgemeiner Durchschnittsmultiplikatoren kann daher kaum zu einer plausiblen Wertermittlung führen. Deshalb setzt eine transparente und plausible Wertermittlung die detaillierte Analyse des Unternehmens voraus. Der gesamte Betrieb muss auf seine Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken eingehend durchleuchtet werden. Dieser Vorgang umfasst die Produkte, den Markt, die Kunden- und Lieferantenstruktur, die Organisation, das Management sowie die Beurteilung bisher getroffener Notfall- und Nachfolgeregelungen und die Analyse der Unternehmenszahlen. Was im Zuge dessen außerdem niemals fehlen darf, ist eine Kapitaldienstfähigkeitsberechnung, die zeigt, ob der anvisierte Wert oder Kaufpreis bei einer angenommenen Finanzierungsstruktur überhaupt finanzierbar ist. die bank: Letztendlich scheitern Unternehmensverkäufe also häufig an den unterschiedlichen Vorstellungen über den Kaufpreis? Felden: Verkäufer und Käufer haben teilweise extrem unterschiedliche Vorstellungen von dem Wert eines Unternehmens. Sicherlich sind bei einem Drittel aller Fälle die Preisvorstellungen der Verkäufer einfach zu hoch. Den tatsächlichen Kaufpreis regeln aber Angebot und Nachfrage. Zunehmend haben sich in der Praxis die Ermittlung der nachhaltig erzielbaren Erträge nach dem Ertragswertverfahren sowie die Berechnung der realisierbaren Cashflows nach der Discounted Cashflow- Methode (DCF) durchgesetzt. Problematisch – und durchaus strittig – bei diesem Verfahren allerdings ist die Prognose des zukünftigen Erfolgs. Auch der Kapitalisierungszinsfuß lässt sich nicht rein theoretisch berechnen. Betriebsspezifische Risikofaktoren und die Inhaberabhängigkeit, die auch nach dem Verkauf noch eine gewisse Zeit nachwirkt, müssen berücksichtigt werden. die bank: Welche Risikofaktoren spielen noch eine Rolle? Felden: Die Liste ist lang. Hinzu können sich noch Risiken aus den Bereichen Produkt- und Leistungsangebot, Markt und Branche, Beziehungen, Mitarbeiter und Organisation gesellen. Beispielsweise kann die höhere Abhängigkeit vom Management im Vergleich zu börsennotierten Unternehmen ein Problem sein. Potenzieller weiterer Risikofaktor ist die geringere Marktmacht mittelständischer Unternehmen in der Branche. Je niedriger sämtliche Risiken anzusetzen sind, desto niedriger fällt der eben genannte Zins aus und desto höher ist der Wert des Unternehmens. Allerdings sind Verkäufer gelegentlich auch bereit, für den richtigen Nachfolger oder die richtige Nachfolgerin einen Abschlag auf den Kaufpreis hinzunehmen, um den Verkauf überhaupt zu realisieren. die bank: Frau Professor Felden, vielen Dank für dieses Gespräch. Interview: Hartmut Volk. 07 // 2017 19

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