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die bank 06 // 2016

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

ó FINANZMARKT Grexit,

ó FINANZMARKT Grexit, Brexit, EUxit FINANZMARKT Am 23. Juni stimmen die Briten darüber ab, ob ihr Land in der Europäischen Union bleibt oder nicht. Über mögliche ökonomische Folgen eines Brexit wird viel spekuliert, selbst wissenschaftliche Untersuchungen liefern oft keine klaren Ergebnisse. Doch die Auswirkungen sind nicht zu unterschätzen, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt. Ein Austritt könnte für die Insel dramatischer werden, als häufig angenommen. Stefan Hirschmann Keywords: Europa, Großbritannien, Bankenmarkt, Börse Wirtschaftspolitische Analysen zu einem möglichen Brexit reichen von deutlichen Vorteilen für die Briten bis hin zu starken Einbußen. Allerdings werden die Vorteile der ökonomischen Verzahnung zwischen Großbritannien und der übrigen EU oft nur unzureichend erfasst. „Der wirtschaftliche Schaden für das Vereinigte Königreich könnte bei einem EU-Austritt höher ausfallen, als viele meinen“, sagt IW-Ökonom Jürgen Matthes. Bei einem Austritt seien neue Handelsbarrieren und bürokratische Hindernisse für britische Unternehmen wahrscheinlich, und Firmen könnten Arbeitsplätze auf den Kontinent verlagern. Zudem dient die Insel internationalen Unternehmen vor allem aus der Finanzbranche häufig als Sprungbrett in den europäischen Binnenmarkt – diese Funktion würde mit einem Austritt weitgehend verloren gehen. Diese und weitere Nachteile könnten in einem pessimistischeren Szenario zu einem langfristigen Einbruch der Wirtschaftsleistung in einer Größenordnung von zehn Prozent und mehr führen. „Generell ist die britische Wirtschaft mehr von der EU abhängig als umgekehrt“, sagt Finanzmarktexperte Berthold Busch. Nach Berechnungen des IW Köln gehen circa 45 Prozent aller britischen Warenausfuhren und rund 38 Prozent aller Dienstleistungsexporte in den EU-Binnenmarkt. Bei den Verhandlungen über ein neues Abkommen mit der Union könnten die Briten nach einem Brexit somit schnell den Kürzeren ziehen. „Brüssel würde es den Briten alles andere als leicht machen, vorteilhafte Regelungen auszuhandeln – auch, um andere Staaten von einem EU- Austritt abzuschrecken“, warnt Busch. Ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU könnte laut Internationalen Währungsfonds (IWF) sowohl regional als auch global schlimme Schäden anrichten, indem er etablierte Handelsbeziehungen abreißen lässt. Die Neuordnung der Beziehungen würde zur Hängepartie für Investoren werden. Der IWF fürchtet, dass der politische Konsens über die Freihandelspolitik in Europa zu zerfransen droht und beobachtet eine wachsende Tendenz, sich national nach innen zu wenden. Sollte diese Entwicklung in einen neuen Protektionismus bei den Handelsbeziehungen münden, wäre dies Gift für eine am Export orientierte Wirtschaft, wie sie die deutsche darstellt. Devisenexperten der UBS halten eine Parität von Euro und Pfund als Folge eines Brexits für möglich. Das Pfund könnte von seinem jetzigen Niveau bis zum Jahresende 25 Prozent verlieren. Im Falle eines Austritts aus der EU befürchtet die UBS einen Rückgang des UK-BIP bis 2020 um 3 Prozent, eine 1,0 bis 1,5 Prozentpunkte höhere Arbeitslosenquote und einen Anstieg der Inflation in den Jahren 2016 und 2017. Für Unternehmen, die weder europäisch noch britisch sind, steht am meisten auf dem Spiel. Seit Jahren nutzen amerikanische, Schweizer und japanische Investmentbanken Großbritannien als Sprungbrett in die EU. Von dort aus dürfen sie ihre Dienste nahtlos in 28 Ländern anbieten, ohne in jedem Einzelland die Zustimmung einer Aufsichtsbehörde einholen zu müssen. Heute ist Großbritannien ein europäisches Handelszentrum für Derivate und Devisen. Nach Berechnungen von Fitch Ratings ist etwa die Hälfte der 6,9 Bio. £ an Bankaktiva in Großbritannien im Besitz nichtbritischer Institutionen. Um Kosten zu sparen, konzentrieren Banken einen großen Teil ihrer globalen Aktivitäten in Großbritannien. Mit dem Referendum am 23. Juni könnten diese Strukturen jedoch gesprengt werden. „Internationale Großbanken haben am meisten zu verlieren“, sagt Chris Bates, Partner bei der Anwaltskanzlei Clifford Chance, der mehrere Banken zu ihren Strategien für den Brexit-Fall berät. Großbritannien war lange Sprungbrett in die EU Niemand weiß, was genau passieren würde, wenn Großbritannien aus der EU aussteigt. Der Prozess könnte Jahre dauern. Womöglich schafft es die Regierung, für die Banken im Land einen Zugang zur EU auszuhandeln – vielleicht aber auch nicht. Angesichts der möglichen Milliardenkosten im Fall eines Brexits betreiben Banken nun intensive Lobbyarbeit bei der Regierung. Goldman Sachs führt diesen Vorstoß mit an. 1 Seit drei Jahren warnen die Manager der Bank vor den Risiken eines EU-Austritts. Viele kleinere Broker und Hedge- 12 diebank 06.2016

FINANZMARKT ó fonds glauben hingegen, dass der britische Finanzsektor außerhalb der EU weniger streng reguliert wäre und weiter blühen und gedeihen würde. „Warum interessieren sich Amerikaner dafür, was gut für Großbritannien ist?“, fragt Howard Shore, Executive Chairman von der Investmentgruppe Shore Capital. „Sie interessiert, was gut für ihre Bank ist.“ Goldman Sachs hat von der EU stark profitiert. 1970 fing die amerikanische Investmentbank mit fünf Mitarbeitern in London an. Nach der Deregulierung der britischen Finanzindustrie in den 1980er Jahren begann ein rasantes Wachstum. Trotz der Konzentration auf London breitete sich Goldman auf dem Kontinent aus und unterhielt Handelssparten in Frankfurt, Paris und Mailand. Ab 1999 waren diese vielen großen Büros in unterschiedlichen europäischen Ländern mit der Einführung des Euro nicht mehr nötig. Goldman verbrachte einige Jahre damit, seine Aktivitäten wieder auf London zu konzentrieren. Nur Vertriebsabteilungen blieben an unterschiedlichen Standorten erhalten. Heute betreut Goldman in London auch Kunden aus dem Nahen Osten und Afrika. Etwa 90 Prozent der 6.000 europäischen Beschäftigten arbeiten in London. Europa, Nahost und Afrika machten 2015 rund 27 Prozent der Nettoeinnahmen der Bank aus. Vor etwa zehn Jahren startete Goldman Sachs mit dem Plan für den Bau einer riesigen Europazentrale in London. Wollte die Bank ihre europäischen Strukturen bald wieder entwirren, wäre das ein teurer und zeitaufwändiger Prozess. Längst hat die Bank erfasst, in welchen europäischen Ländern sie bereits eine Banklizenz hält, um dort womöglich innerhalb kurzer Zeit die Aktivitäten auszuweiten. Auch in Deutschland besitzt Goldman eine solche Lizenz. Viele Backoffice-Mitarbeiter in London müssten wohl den Standort verlassen. Die Aufsicht in der EU wird wahrscheinlich darauf drängen, dass Aktivitäten in der EU von Compliance-Mitarbeitern vor Ort überwacht werden. Auch hochrangige Manager müssten womöglich dort sein, um die Verantwortung für wichtige Entscheidungen zu übernehmen. Die Finanzplätze Frankfurt und Paris würden von einem Ausstieg Großbritanniens sicherlich am meisten profitieren. Die britische Großbank HSBC deutete bereits an, mindestens 1.000 Mitarbeiter aus dem Investmentbanking nach Paris zu versetzen. Gemäß einer Umfrage unter 12.000 Mitgliedern der global tätigen Finanzvereinigung ACI wäre Londons Stellung als weltweit führender Devisen-Handelsplatz durch das Ende der EU-Mitgliedschaft massiv gefährdet. Andere Jobs dürften weniger leiden. Die Fusions- und Übernahmeberatung könnte weiterhin von London aus laufen. Auch das Geschäft mit Kunden außerhalb der EU wäre nicht berührt. Das internationale Bankgeschäft wird kaum über Nacht aus London verschwinden. Die Zeitzone, die Sprache, die Attraktivität der Stadt und andere Faktoren sprechen für die britische Hauptstadt. Finanzplätze Frankfurt und Paris könnten profitieren Auch für die Europäische Union steht viel auf dem Spiel, da sie ein wirtschaftliches 1 Die Scheidungsverhandlungen EU-Referendum 23. Juni Quelle: Helaba Volkswirtschaft/Research. zweijährige Austrittsverhandlungen: voraussichtlich Juni 2016 - Juni 2018 Juli 2017: UK übernimmt EU- Ratspräsidentschaft April/Mai 2017: Präsidentschaftswahlen in Frankreich und politisches Schwergewicht zu verlieren droht. Vor dem Hintergrund der in den letzten Jahren sich anhäufenden Probleme wäre dies ein schwerer Schlag für die europäische Gemeinschaft – es droht nach Grexit und Brexit der EUxit. Deshalb streben die Regierungen der EU eine Fortsetzung der britischen Mitgliedschaft an. So fiel denn auch die jüngste Einigung auf den „Reform-Deal“ mit Großbritannien vergleichsweise leicht. Für Deutschland ist Großbritannien einer der bedeutendsten Handelspartner. Nach den USA und Frankreich ist das Vereinigte Königreich die drittwichtigste Exportdestination. Gemäß einer aktuellen Helaba-Analyse betrachten dagegen die Briten ihre Zugehörigkeit zur EU eher leidenschaftslos und wägen Vor- und Nachteile nüchtern ab. 2 Studien, die die Wirtschaftlichkeit der EU-Mitgliedschaft berechnen, zeigen überwiegend ein mehr oder weniger positives Ergebnis für Großbritannien. Viele Studien sind aber grundsätzlich mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Aus britischer Sicht wird die EU zumeist mehr als Freihandelszone gesehen, denn als politisches Integrationsprojekt. Daher spielt vor allem der Zugang zum europäi- Falls bis Juni 2018 keine Einigung erzielt werden kann, kommt es automatisch zur Scheidung im Konflikt September 2017: Bundestagswahlen in Deutschland 2016 2017 2018 ab Juni 2018 Zeit 06.2016 diebank 13

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