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die bank 04 // 2016

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

ó IT & KOMMUNIKATION

ó IT & KOMMUNIKATION Allmende der Digitalisierung INTERVIEW mit dem Blockchain-Experten Sebastian Seitz vom integrierten Bitcoin-Markplatz Bitalo über den Einsatz revolutionärer Technologien und deren transformationelle Folge für die Kreditwirtschaft. diebank: Herr Seitz, die Blockchain-Technologie verspricht nicht nur absolute Transparenz und Schnelligkeit bei Transaktionen im Finanzsystem, sondern auch enorme Kostenvorteile und ein riesiges Potenzial für Effizienzsteigerungen. Noch ist das Versprechen allerdings nicht eingelöst. Ist die Blockchain disruptiv, innovativ oder einfach nur überschätzt? Seitz: In gewisser Hinsicht wohl alles. Es handelt es sich um eine bahnbrechende digitale Technologie. Die zugrunde liegenden Konzepte haben das Potenzial, die Art und Weise, wie Banken- und Handelsgeschäfte abgewickelt werden, völlig zu verändern. Sie können den Banken helfen, massiv Kosten zu senken. Es gibt keine Notwendigkeit mehr, Zahlungen über zentrale Kontrollpunkte zu schleusen. Die Kontrolle übernimmt das System selbst. Die Blockchain stellt daher sowohl eine Chance für die Bankenwelt als auch eine Bedrohung für die Arbeitsplätze der Bankmitarbeiter dar. diebank: Letztlich richten sich derzeit bestehende Angebote an eine äußerst technik-affine Nischengruppe. Wie lange wird es dauern, bis sich die Blockchain-Technologie in der Breite durchsetzt? Seitz: Ich denke, dass wir hier die gleichen Herausforderungen zu meistern haben, wie andere Payment-Lösungen auch. Wenn Sie sich die weite Verbreitung von NFC in den Niederlanden anschauen oder die Bezahl- App Swish in Schweden, kann man sagen, dass bei der Akzeptanz vor allem die kulturelle Komponente eine große Rolle spielt. Dies gilt auch für Kryptowährungen. Mal abgesehen davon fehlt es einfach noch an geeigneten Angeboten, die mithilfe von Bitcoins in Anspruch genommen werden können. Daran arbeiten wir bei Bitalo, indem wir integrierte Dienstleistungen auf einem Markplatz anbieten. Unabhängig davon, ob sich Bitcoins als Zahlungsmittel durchsetzen werden, werden die technologischen Konzepte definitiv ihren Einzug in die Bankeninfrastruktur finden. Davon bekommt der normale Kunde dann aber eher weniger mit. diebank: Welche Anwendungsfälle in der Finanzbranche werden sich im ersten Schritt durchsetzen? Seitz: Naheliegend ist der internationale Zahlungsverkehr, der im Kern langsam und sehr teuer ist. Allerdings bin ich skeptisch, ob eine Proof-of-Work-basierte Blockchain hier die beste Lösung ist. Transaktionen werden in einen Block geschrieben und an die Blockchain angefügt. Für die dafür erforderliche Validierung werden Bitcoins ausgeschüttet. Das macht im Bitcoin-Umfeld absolut Sinn, um die Währung initial zu verteilen und den Aufbau der dafür erforderlichen Infrastruktur zu finanzieren. Für Banken, die ihren internationalen Zahlungsverkehr beschleunigen wollen, ist dieses Erschaffen von Geld durch den Betrieb des Netzwerks ein eher störender Nebeneffekt. diebank: Viele der für die Finanzbranche angedachten Anwendungsfälle enthalten vertrauliche Informationen. Welche Ansätze sehen Sie, um die Vertraulichkeit der im Distributed Ledger abgelegten Daten sicherzustellen? Seitz: Zunächst mal muss man berücksichtigen, dass diese Informationen zwar öffentlich abrufbar sind, diese aber Pseudonymen zugeordnet sind, die nicht auf natürliche Personen zurückgeführt werden können. Möchte ich zusätzliche private Informationen ablegen, könnte durch asymmetrische Verschlüsselung die Vertraulichkeit hinreichend geschützt werden. Aber wenn ich von vornherein ein privates, nicht öffentliches Verzeichnis plane, ist die Frage, ob eine grundsätzlich auf Transparenz ausgelegte Distributed Ledger das richtige Instrument ist. diebank: Was sehen Sie als die größten Hindernisse für den Einsatz der DLT in der Finanzindustrie? Seitz: Die Banken als solches. Ich habe manchmal den Eindruck, man erfreut sich zu sehr am bestehenden Geschäft und lässt die technologischen Entwicklungen außer Acht. Wenn jetzt nicht aufgepasst wird, ziehen Fin- Techs vorbei und entziehen klassischen Banken Stück für Stück die Marktanteile. diebank: Einige Nutzer befürchten eine zunehmende Überforderung der Bitcoin- Blockchain. Gefährden Initiativen, die auf dieser Blockchain aufsetzen, letztlich das System insgesamt? 66 diebank 04.2016

IT & KOMMUNIKATION ó Seitz: Nein. Die Blockchain wäre vor allem dann gefährdet, wenn sie keiner verwenden würde. Die aktuelle Diskussion kritisiert die maximale Anzahl möglicher Transaktionen als zu niedrig. Aktuell liegt das Limit bei sieben Transaktionen pro Sekunde. Tatsächlich stellt das eigentlich kein Problem dar. Mögliche Lösungsansätze hätten aber aktuell Einkommenseinbußen für die Bitcoin-Miner zur Folge, deswegen operiert die Blockchain stellenweise nahe am Limit. Überstrapazieren können die Miner es aber auch nicht. Wenn es zu einem Stau der Transaktionen kommt oder sich Akteure aufgrund zu hoher Transaktionsgebühren zurückziehen, verlieren alle. Letztlich ist es ein demokratischer Prozess, in dem die Miner entscheiden, welche Lösung wann angewendet wird. Das hat in der Vergangenheit stets gut funktioniert. Wir werden auch hier bald eine für alle Akteure zufriedenstellende Lösung sehen. diebank: Sind Initiativen, die auf eine Erweiterung der Bitcoin-Blockchain mithilfe von Sidechains setzen, erfolgversprechend? Seitz: Bei solchen Initativen stelle ich mir zunächst einmal die Frage, wieso überhaupt auf der Blockchain aufgesetzt wird, wenn eigentlich etwas ganz anderes außerhalb der Blockchain intendiert ist. Das mag in speziellen Einzelfällen gerechtfertigt sein, grundsätzlich fahren Sie aber mit einer Lösung besser, die auf Bitcoin-Alternativen basiert. Bitcoin bietet neben schnellen, günstigen und unveränderbaren Transaktionen noch mehr. Es wird zusätzlich die fi INTERVIEW Währung verteilt und die Infrastruktur finanziert – aufgesetzt als System, in dem sich die Akteure untereinander nicht vertrauen müssen. Wenn Sie nur einzelne Aspekte nutzen möchten, gibt es zumeist bessere Alternativen. diebank: Großbanken aus aller Welt arbeiten im Konsortium R3 CEV an Standards und gemeinsamen Protokollen für die neue Technologie. Woraus resultiert diese Kooperationsbereitschaft? Banken sind grundsätzlich an Wettbewerb und weniger an Kooperationen interessiert. Seitz: Der für alle Banken gestiegene Kostendruck ist hier sicherlich eine wichtige Triebfeder. Unabhängig von der Blockchain wird derzeit in der Finanzindustrie über einen großen Zusammenschluss in der Wertpapierabwicklung verhandelt. So etwas können Sie überhaupt nicht alleine als Insellösung konzipieren, interessant wird es doch erst, wenn auch andere diesen Zugang nutzen. Außerdem werden die Risiken für Fehlinvestitionen minimiert und die Synergieeffekte maximiert. In meinen Augen ist dies die einzig richtige Vorgehensweise in einem neuen Fachgebiet, in dem niemand über ausreichende Erfahrung verfügt. diebank: Ist der Einsatz der Blockchain- Technologie auch für kleinere und mittelgroße Banken relevant? Sebastian Seitz hat Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim studiert. Nach seinem Abschluss hat er mehrere technologiebasierte Start-ups gegründet. Im Jahr 2010 wurde er Co-Founder der Bitalo AG, einer internationalen Holding für Bitcoin-gestützte Dienstleistungsunternehmen. Außerdem ist er Geschäftsführer der 4sxs Consulting GmbH und unterstützt Unternehmen dabei, mithilfe innovativer Technologien neue Geschäftsfelder zu erschließen. Seitz: Dies ist keine Frage der Größe. Warum sollten kleine Institute wichtige technische Innovationen ignorieren? Der Benefit ist für alle gleich. Gerade die kleinen Banken haben sogar oft einen noch viel höheren Kostendruck. diebank: Wer wird zukünftig den Blockchain-Einsatz kontrollieren? Seitz: Die Blockchain wird sicher niemand kontrollieren, das ist das oberste Designziel. Sie ist sozusagen die Allmende der Digitalisierung. Bitcoin wurde auf dem Höhepunkt der Bankenkrise als Parallelwährung ins Leben gerufen, da die Gesellschaft aus Sicht des Erfinders Satoshi Nakamoto Zentralbanken nicht länger vertrauen kann und dringend eine Alternative benötigt wird: der Bitcoin. Wenn Anwendungsfälle, wie z. B. der Wertpapierhandel, es erforderlich machen, dass der Staat und die Banken die Kontrolle behalten, dann muss man andere Technologien einsetzen. Die Lösung dieser Probleme könnten kleine private Zahlungsnetzwerke sein, die nur von einem begrenzten Kreis von Berechtigten genutzt werden – etwa von Banken und ausgewählten Großkunden. Die Firma Ripple Labs geht hier einen interessanten Weg. Stand heute existieren aber noch 622 weitere Alternativen, da sollte für die meisten Anwendungsfälle ein passendes Konzept dabei sein. Letztlich gilt es, präzise die Anforderungen zu definieren und zu prüfen, welches Verfahren dafür am besten geeignet ist. diebank: Herr Seitz, vielen Dank für dieses Interview. Die Fragen stellten Matthias Hirtschulz, Stefan Hirschmann und Ingo Natusch. 04.2016 diebank 67

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