Aufrufe
vor 1 Jahr

die bank 03 // 2020

  • Text
  • Banken
  • Unternehmen
  • Deutschland
  • Risiken
  • Digitalisierung
  • Mitarbeiter
  • Wirtschaft
  • Deutschen
  • Frankfurt
  • Themen
die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

Im November 2017 hat

Im November 2017 hat London den Sitz der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) verloren. Die EBA entwickelt Aufsichtsstandards, die nationale Behörden bei der Überwachung und Kontrolle der Banken innerhalb der EU anwenden. Auch das Clearing von Zinsderivaten in Euro kehrt in wesentlichen Teilen auf den Kontinent zurück. Die stärkste Breitenwirkung hat jedoch der Verlust des sogenannten „europäischen Passes“, der rund 5.500 Finanzinstitutionen in London ermöglichte, ohne eine juristische Einheit oder sonstige physische Präsenz vor Ort und ohne langwierige Genehmigungsverfahren bei nationalen Behörden unmittelbar Finanzdienstleistungen in den übrigen 27 Mitgliedsländern der EU zu erbringen. Für zahlreiche Mitarbeiter von Banken in London heißt es nun: „Koffer packen!“; sie müssen sich einen neuen Standort in der EU suchen, um dieses Geschäft weiter zu betreiben. Frankfurt startete aus der Pole-Position So ist es zu einem Wettbewerb zwischen den Finanzzentren der EU-27 um die Ansiedlung von Brexit-Banken gekommen. Frankfurt, aber auch Paris, Amsterdam, Dublin und Luxemburg gingen unmittelbar nach dem Referendum im Jahr 2016 an den Start. Lange Zeit war Frankfurt unangefochten in der Pole-Position. Bei der Bewerbung um den Sitz der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA), der trotz seiner lediglich rund 200 Beschäftigten hohe Symbolkraft hat, schaffte es Frankfurt allerdings nicht ins Finale. Die Entscheidung für Paris wurde zu einem Wendepunkt im Wettbewerb, denn sie brachte den Finanzplatz an der Seine zurück ins Rennen. Vor allem gemessen am Mitteleinsatz ist Frankfurt am Main weiterhin – wenn auch nur knapp – auf dem Weg, zum führenden Finanzzentrum der neuen EU-27 zu werden. Die intensive Vorbereitung vor dem Referendum auf mögliche Szenarien, die konzentrierte Vermarktung Frankfurts seit Juni 2016 in aller Welt, das AAA-Rating Deutschlands, die international hoch angesehenen Aufsichtsbehörden und die immer breiter werdende Unterstützung durch die Bundesregierung und die Ministerien in Berlin zeigen Erfolge. Fast 60 Anträge zur Zulassung neuer oder zur Erweiterung bestehender juristischer Einheiten wurden bei der BaFin eingereicht. 1.500 neue Arbeitsplätze wurden bis Ende 2019 bereits geschaffen. Weitere 2.000 Arbeitsplätze werden in Kürze folgen, und viele Verantwortungsträger in London haben Arbeitsverträge, die beim Brexit den Umzug auf den Kontinent vorsehen. Im Geschäft mit OTC-Zinsswaps in Euro steigerte Eurex Clearing, die Tochter der Deutschen Börse, ihr Geschäft 2019 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 80 Prozent. Das tägliche Clearing-Volumen stieg von durchschnittlich 59 auf 110 Mrd. €, die ausstehenden Nominalwerte von 7,0 auf 12,8 Bio. € im Jahresendvergleich. Ende 2019 hatte Frankfurt global einen Marktanteil zwischen 13 und 14 Prozent. Ein Trend, der sich zum Jahresbeginn beschleunigt fortsetzte. Zudem erhöhte sich die Zahl der öffentlich bekannten Kunden um mehr als 180 auf über 310 Institutionen. Bedeutende Handelshäuser bestätigen, dass sich Geld-Brief-Spannen, Abwicklungsvolumina und Liquidität auf Augenhöhe zum Wettbewerb in London befinden. Kein Sprint, sondern ein Marathonlauf Was viele jedoch unterschätzen: Der Wettbewerb zum führenden Finanzplatz der EU ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf mit Hürden, Hindernissen und Fallstricken. Seit der Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Staatspräsidenten tritt Paris mit gesteigertem Selbstbewusstsein auf. Frankreich hat die Förderung der Finanzindustrie zur Chefsache erklärt und lockt mit finanziell lukrativen Sonderregelungen und nicht zuletzt dem attraktiven Ambiente einer Jahrhunderte alten Weltstadt mit Eiffelturm, Louvre und Versailles. 54 03 // 2020

Frankfurt ist dagegen eine „Stadt auf den zweiten Blick“. Sie punktet mit stabilen Rahmenbedingungen, einer hohen Zuverlässigkeit und günstigen Kosten. Die Infrastruktur ist im internationalen Vergleich exzellent: Frankfurt verfügt über den weltweit leistungsstärksten kommerziellen Internetknotenpunkt, der Flughafen belegt in einem globalen Ranking Platz 2 bei den internationalen Verbindungen, und in Bezug auf die Lebensqualität rangiert die Main-Metropole seit Jahren auf Platz 7 weltweit. Im Vergleich zu Paris mögen diese Vorteile ein wenig langweilig erscheinen – aber Solidität sollte in der Finanzindustrie das Gebot der Stunde sein. Chancen für europäische Lösung Unternehmen, Pensionskassen, Versicherungen, staatliche Finanzierungsagenturen und Privatkunden haben ein gesteigertes Interesse daran, dass die Finanzindustrie in der neuen EU der 27 auch ohne London mindestens ebenso leistungsstark sein wird wie in der bisherigen EU der 28. Und selbst die Regierungen der Eurozone, die Europäische Zentralbank und die EU-Kommission sollten ein originäres Interesse an einem starken Finanzmarkt haben, wollen sie doch mit dem Euro eine internationale Währung auf Augenhöhe mit dem US-Dollar schaffen. Seit langem wurden die Verhandlungen für die neuen Beziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich vorbereitet, auch wenn der Start offiziell erst kürzlich erfolgte. Mit seiner Forderung nach einer forcierten Realisierung der Bankenunion innerhalb der EU hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz Anfang November 2019 bereits ein Zeichen gesetzt, denn angesichts der bevorstehenden Post-Brexit- Verhandlungen wird die Bankenunion wichtiger denn je. Die Chancen für eine europäische Lösung stehen gut: schließlich verfügen Frankreich (mit Emmanuel Macron) und Deutschland (nach dem Ende der Unsicherheiten um die Große Koalition) über handlungsfähige Regierungen, und die EU-Kommission hat mit Ursula von der Leyen eine Kommissionspräsidentin, die Akzente setzen will. Es ist zudem eine geradezu glückliche Fügung, dass Deutschland als stärkste Volkswirtschaft innerhalb der EU im zweiten Halbjahr 2020 die Ratspräsidentschaft innerhalb der EU innehat, in dieser Funktion Impulse setzen kann, und – so die Hoffnung – bei Themen des Finanzmarkts auch setzen wird. Äquivalenz als Dreh- und Angelpunkt Für die Zukunft wird entscheidend sein, wie die Europäische Union mit dem Aspekt der Äquivalenz umgehen wird, ob die in London künftig geltenden Regeln als gleichwertig anerkannt werden und damit als Basis für den Marktzugang Londoner Finanzinstitute zur EU dienen können. 03 // 2020 55

die bank

© die bank 2014-2020