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die bank 03 // 2017

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

MARKT DIE

MARKT DIE NIEDRIGZINSPOLITIK DER EZB Fluch oder Segen für Wirtschaft, Verbraucher und Banken? Banken und Niedrigzins – das ist keine Liebesbeziehung, und es wird auch keine werden. Die niedrigen Zinsen bringen das Geschäftsmodell von Finanzinstituten ins Wanken und drücken ihre Erträge. Die klassischen Hebel, mit denen Geldhäuser gegensteuern könnten, funktionieren nur eingeschränkt. Aus Bankensicht ist es deshalb wichtig, dass das Niedrigzinsumfeld bald endet. Damit es aber kein Ende mit Schrecken wird, muss der Ausstieg behutsam erfolgen. Der Zins – und speziell der Leitzins – ist eine enorm einflussreiche Größe. Nicht umsonst haben wir in Europa ein ganzes System von Zentralbanken, mit der EZB in seiner Mitte, das sich mit der Festlegung des Leitzinses beschäftigt. Veränderungen im Zinssatz beeinflussen die Volkswirtschaften unmittelbar. Diese Tatsache ist vielen aber erst jetzt stärker ins Bewusstsein gerückt, wo die Zinsen so lange so ungewöhnlich niedrig sind. Die Presseberichte in Deutschland, die über den niedrigen Zins berichten, kommentieren für gewöhnlich negativ. Der niedrige Zins scheint also in der öffentlichen Wahrnehmung eher Fluch als Segen zu sein. Doch die Sache gestaltet sich differenzierter. Auswirkungen der Niedrigzinsen auf Banken und Sparkassen Es hat sich inzwischen sicher herumgesprochen, dass die Vertreter der Finanzinstitute nicht sehr glücklich mit dem aktuell niedrigen Zinsniveau sind. Dabei herrschen auf den ersten Blick paradiesische Zustände für die Geldhäuser. Schließlich leiht ihnen die Europäische Zentralbank – gegen entsprechende Sicherheiten – unbegrenzt Geld. Die Kosten: Null Prozent – und wenn die Banken noch kräftig Kredite an Unternehmen und Privatpersonen vergeben, erhalten sie für die bei der EZB aufgenommenen Mittel sogar noch eine Prämie. Zur Erinnerung: Noch bis vor einigen Jahren lag der Notenbankzins deutlich höher, und auch die bei der EZB aufgenommenen Gelder wurden penibel beschränkt. Wohin allerdings mit dem lieben Geld, um hiermit noch eine auskömmliche Rendite zu erwirtschaften? Zinsabhängiges Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr Diese Frage ist praktisch überlebenswichtig. Denn die Geschäftsmodelle und damit die Erträge der Banken und Sparkassen hängen stark von Zinseinkünften ab, ganz besonders bei kleinen und mittelgroßen Instituten. Zum Teil ergibt sich das automatisch aus der Funktion, die Banken im Wirtschaftssystem erfüllen, zum Teil ist es eine unternehmerische Entscheidung. Zwei Einflussfaktoren drücken die Erträge am stärksten: Erstens laufen hochverzinste Altkredite aus und werden durch gering verzinste ersetzt. Zweitens sinken die Gewinne, weil der Unterschied zwischen kurzund langfristigen Zinsen derzeit vergleichsweise gering ist. Hinzu kommt, dass die Refinanzierung über Einlagen deutlich weniger attraktiv ist als früher. Der Grund: Während die Marktzinsen immer weiter fallen – bei kürzeren Laufzeiten sogar teilweise in den negativen Bereich – können Kreditinstitute negative Zinsen aufgrund des starken Wettbewerbs nur sehr schwer an Privatkunden weitergeben. Auch Unternehmenskunden sind von dieser Idee alles andere als begeistert. Wir stellen also fest: Deutsche Banken und Sparkassen leiden an einer ausgeprägten Ertragsschwäche – auch im internationalen Vergleich. Das ist nicht erst seit gestern so. Aber das Niedrigzinsumfeld verschärft die Situation zusätzlich. Kein Allheilmittel in Sicht Dem langsamen Abwärtstrend entgegenzuwirken und die Erträge wieder auf einen nachhaltigen Pfad zu bringen, ist in der aktuellen Situation aber gar nicht leicht. Banken haben im Wesentlichen fünf Hebel, mit denen sie ihre Gewinnspanne erhöhen können. 1. Der erste Hebel ist die Ausnutzung der Zinsen am kurzen und am langen Ende. Typischerweise steigt der Zins einer Anlage mit der Laufzeit. Wenn Banken also länger laufende Kredite vergeben oder Investitionen tätigen, können sie ihre Rendite steigern. In Deutschland ist dieser Effekt aktuell z. B. bei den Immobilienkrediten zu beobachten: Im Neugeschäft machten langlaufende Kredite, also solche mit einer Laufzeit von mehr als zehn Jahren, bis vor etwa drei Jahren rund 30 Prozent des Neugeschäfts aus. Ende letzten Jahres lag dieser Anteil der Langläufer schon bei etwa 45 Prozent. Der Ansatz hat aber zwei Nachteile. Zum einen: Wenn Banken sich kurzfristig refinanzieren, das Geld aber langfristig verleihen, können sie in Schwierigkeiten geraten, sobald die Zinsen wieder steigen. Dann verlieren lang laufende, marktbewertete Vermögenswerte an Wert, und auf der Passivseite steigen die Refinanzierungskosten. Kurz gesagt: Die Zinsänderungsrisiken steigen. Zum anderen: Weil auch die langfristigen Zinsen zurzeit sehr niedrig sind, wirkt der Hebel nur sehr begrenzt. Mitte letzten Jahres ist die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen in den negativen Bereich gerutscht – übrigens zum ersten Mal in der Geschichte. Um einen Prozentpunkt zusätzliche Rendite zu erzielen, müssen Banken die Laufzeiten heute also deutlich mehr ausweiten als früher – mit entsprechenden Folgen für die Zinsänderungsrisiken. 12 03 // 2017

MARKT 2. Der zweite Hebel: Banken können bewusst das Risiko ihrer Anlagen erhöhen. Da ein höheres Risiko mit ei- nem höheren Zins einhergeht, lässt sich so die Rendite steigern. Auch diesen Weg gehen deutsche Institute bereits, etwa in der Liquiditätsreserve, wo seit 2011 der Anteil von Anlagen mit der höchsten Bonität zugunsten solcher mit niedrigeren Ratings abgebaut wurde. Der Nachteil dieser Stellschraube liegt auf der Hand: Wird sie überdreht, steigt der Risikogehalt der Anlagen so stark, dass die Finanzstabilität gefährdet sein kann. Damit das nicht passiert, greift frühzeitig die Aufsicht ein und begrenzt den Risikoappetit der Geldhäuser. Diese ersten zwei Hebel sind also Möglichkeiten, das zinsgetragene Geschäftsmodell über die Zeit zu retten. Und wir haben gesehen: Mittel- bis langfristig funktioniert das eher schlecht als recht. 3. Der dritte Hebel ist die Erschließung neuer Ertragsquellen. In der Praxis bedeutet das meist eine Erhöhung der Erträge aus Gebühren und Provisionen. Bankkunden werden sich wohl daran gewöhnen müssen, denn Bankdienstleistungen verursachen nun einmal Kosten. Und nach langen Jahren, in denen diese Kosten über Zinseinkünfte querfinanziert werden konnten, müssen sie die Institute nun direkt in Rechnung stellen. 4. Das Stichwort Kosten bringt uns direkt zum Hebel Nummer vier. Denn es ist durchaus fraglich, ob die Ausweitung der Provisionserträge auf Dauer den Verlust in den Zinserträgen ausgleichen kann. Deshalb müssen die deutschen Geldhäuser auch an ihren Kosten arbeiten. Mit einem Verhältnis der Kosten zu den Erträgen von 73 Prozent müssen deutsche Banken also zurzeit im Schnitt 73 Cent aufwenden, um einen Euro zu verdienen. Das ist mehr als in jedem anderen Land des Euro-Raums. Hier gibt es also Verbesserungspotenzial. Ein Problem ist aber, dass sich viele Sparmaßnahmen nicht von heute auf morgen durchsetzen lassen und ausreichend Zeit brauchen, bis sie sich vorteilhaft in den Erträgen bemerkbar machen. Ein Grund mehr, die Kostenfrage zügig anzugehen. Der deutsche Bankensektor besitzt im europäischen Quervergleich nicht nur eine vergleichsweise ungünstige Cost-Income-Ratio, er zählt auch zu den größten. 5. Und damit kommen wir zum fünften und letzten Hebel, der Konsolidierung unter Banken und Sparkassen. Diese hat viele Gesichter: Die Verkleinerung von Instituten durch den Abbau von Zweigstellen, durch Fusionen oder aber durch Marktaustritte. Der Abbau von Überkapazitäten im Bankensektor kann die Wettbewerbssituation entspannen, die Effizienz erhöhen und die Ertragslage verbessern. Der Kapazitätsabbau in Deutschland schreitet zwar voran, allerdings langsamer als im europäischen Durchschnitt. Ein Beispiel: Der Bankensektor reduzierte hierzulande die Anzahl seiner Zweigstellen zwischen 2008 und 2015 um 14 Prozent, im gesamten Euro-Raum waren es hingegen 17 Prozent. Einige Länder gingen deutlich weiter: So schrumpfte etwa das Zweigstellennetz der spanischen Banken um ein Drittel. Ein gewisses Maß an zusätzlicher Konsolidierung ist für Deutschland vermutlich unausweichlich. Denn es gibt nach wie vor Überkapazitäten aus der Phase vor der Finanzkrise. Nun lässt sich einwenden, dass mehr Konsolidierung und mehr Fusionen nicht automatisch zu besseren Instituten führen. Wieviel Potenzial für den deutschen Bankensektor noch in Fusionen steckt, ist tatsächlich alles andere als leicht vorherzusagen. So reduzieren Fusionen von zwei Instituten mit ähnlichen Geschäftsmodellen – wie wir sie oft im Sparkassen- und Genossenschaftssektor sehen – nicht das Problem der Zinsabhängigkeit. Denn zwei schwache Institute ergeben kein starkes. Darüber hinaus ist bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken ein Groß- 03 // 2017 13

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