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die bank 03 // 2016

die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

ó BERUF & KARRIERE

ó BERUF & KARRIERE CARSTEN KENGETER Der Gestalter fi AT THE TOP Carsten Kengeter, der seit Juni 2015 eine der größten Börsengruppen der Welt führt, war von 1992 bis 1997 bei Barclays de Zoete Wedd Ltd. in London unter anderem im Bereich Kreditderivate tätig. Anschließend arbeitete er in New York in führender Position in der Wertpapier-Abteilung, danach in London bei Goldman Sachs. Zur Schweizer Großbank UBS kam Kengeter im Jahr 2008, genau in der globalen Finanzkrise. Dort schaffte er es ins Executive Board und wurde Chairman der USB Investment Bank. Eine Gastprofessur an der London School of Economics and Political Science schloss sich an. Er lebt mit Ehefrau und drei Kindern in London. Unternehmen, Organisationen und Verbände der Finanzwelt sind dafür bekannt, immer wieder einmal überraschende Entscheidungen in petto zu haben – gerade bei der Besetzung von Führungspositionen. Nur selten bietet die Finanzwelt Fachleuten aus der zweiten Reihe die Chance auf die Übernahme von mehr Verantwortung. So auch im Fall der Deutsche Börse AG. Dass Carsten Kengeter 2015 auf den Chefsessel des Instituts wechselte, darf als faustdicke Überraschung gewertet werden. Der Aufsichsrat der Börse hat offensichtlich keinem der anderen Vorstandsmitglieder zugetraut, die Börse in eine positive Zukunft zu führen. Kengeters Vorgänger Reto Francioni hatte relativ früh die Entscheidung über seinen Abschied als Börsenchef bekannt gegeben. „Alles hat einmal ein Ende“, hatte der damals 60-jährige Francioni seine Entscheidung kurz und bündig kommentiert. Dass der als „strikt zielorientiert“ bekannte Kengeter mit Blick auf die Zukunft der Deutsche Börse AG sehr klare Vorstellungen hat, zeigt sich auch daran, dass er umgehend nach seinem Amtsantritt einen Umbruch in die Wege leitete, sprich eine Veränderung der Verantwortlichkeiten seiner Vorstandskollegen. Dies scheint nach Angaben von Börsen-Mitarbeitern allerdings nur kurzzeitig für Verdruss und Unruhe gesorgt zu haben. Auch hierin zeigt sich die Integrationsfähigkeit Kengeters. Zuvor hatten die Finanzmärkte wochenlang über die Liste möglicher Nachfolgekandidaten für Francioni spekuliert. Carsten Kengeter galt bei den Auguren nicht unbedingt als Favorit, viele Beobachter und Kommentatoren führten den im März das 49. Lebensjahr vollendenden Heilbronner noch nicht einmal auf ihrer Liste. Dass er seit Juni 2015 eine der größten Börsengruppen der Welt führt, ist zwar auf der einen Seite zweifellos überraschend. Andererseits zeigt es aber auch die hohe Qualifikation des smarten und charismatischen Bankers. Zweifel an seinen Fähigkeiten hat es seither nicht wirklich gegeben, was angesichts seines Curriculum Vitae nicht überrascht. Von 1992 bis 1997 war Carsten Kengeter bei Barclays de Zoete Wedd Ltd. in London unter anderem im Bereich Kreditderivate tätig. Anschließend trieb es ihn nach New York, wo er als geschäftsführender Direktor und Partner in führender Position in der Wertpapier-Abteilung und anschließend als Co-Head European für Festverzinsliche Papiere, Währungen und Rohstoffe bei Goldman Sachs in London verantwortlich war. Zur Schweizer Großbank UBS kam Kengeter im Jahr 2008, also mitten in der globalen Finanzkrise. Der Experte wurde mit weitreichenden Kompetenzen zum Mitglied des Executive Board sowie zum Chairman der USB Investment Bank berufen. Er führte seine Tätigkeiten vom Finanzplatz London aus. Unumstritten war Kengeter während seiner UBS-Tätigkeit indes nicht. Denn wie nah Erfolg und Misserfolg beieinander liegen, erfuhr der Investmenbanker, als die globale Finanzkrise ihre Opfer forderte. Das Überaschendste an seiner Berufung auf eine der Top-Positionen im globalen Börsenwesen: Kengeter war seit dem Jahr 2013 ohne offiziellen Job. Nach- 78 diebank 03.2016

BERUF & KARRIERE ó dem er – auch als Folge des als gestört geltenden Verhältnisses zu Sergio P. Ermotti, dem CEO der UBS AG – seinerzeit den Bankriesen verlassen hatte, nahm er eine Gastprofessur an der London School of Economics and Political Science in der britischen Hauptstadt an. Hier lebt er bereits lange mit seiner Ehefrau und seinen drei Kindern. Natürlich ist er inzwischen sehr oft in der Zentrale der Deutsche Börse AG in Eschborn bei Frankfurt anzutreffen. Für seine zwischenzeitliche Arbeitslosigkeit waren einige Skandale bei UBS ursächlich. Kengeter war zu jener Zeit Leiter des UBS-Investmentbankings, als der in Diensten der Bank stehende ghanaische Investmentbanker Kweku M. Adoboli als Folge nicht authorisierter Finanztransaktionen im Jahr 2012 rund 2,3 Mrd. US-$ in den Sand setzte und deshalb zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Daraufhin nahm UBS-CEO Oswald J. Grübel seinen Hut. In der Folge geriet die Schweizer Bank dann auch in Verdacht, im Zusammenhang mit dem Libor-Skandal eine fragwürdige Rolle gespielt zu haben. Dies kostete die UBS nicht nur Reputation, sondern auch Geld. Kengeters Rolle wurde in diesen Fällen einer kritischen Betrachtung unterzogen. Als Leiter des Investmentbankings wurde ihm letztlich die (Mit-)Schuld für das Milliarden-Debakel zugeschoben. Und damit endete der Traum vom UBS- Chefsessel. Die Bank entschloss sich zum Rückzug aus einigen nicht zum Kerngeschäft gehörenden Geschäftsbereichen. Carsten Kengeter, der so gerne neue Dinge gestaltend auf den Weg bringt, sah sich plötzlich in der Rolle des Abwicklers und „Resteverwerters“. Nachdem sich die Bank auf ihr Kerngeschäft fokussierte, wurden in der Folge tausende von Arbeitsplätzen abgebaut. Auch Kengeter nahm wegen fehlender Perspektiven schließlich seinen Hut. Ungeachtet dieser Skandale sahen die Kontroll-Gremien der Deutsche Börse AG in Kengeter den geeigneten Kandidaten für die Rolle des CEO. Sie begründeten ihre Entscheidung u. a. mit dessen Fachwissen über die Kapitalmärkte in Asien, Europa und Nordamerika und Kengeters guten Kontakten zu den Regulatoren. Im deutschen Börsenwesen wurde mit dieser Entscheidung eine möglicherweise nicht gerade zufällige Tradition der engen Verbindung zwischen der schweizerischen und der deutschen Finanzwelt fortgesetzt. Ein erstes wesentliches Element im deutsch-schweizerischen Börsen-Kaleidoskop war vor vielen Jahren die Berufung des Schweizer Managers Werner G. Seifert, der von 1993 bis 2005 die Deutsche Börse AG leitete. Seifert war einer der treibenden Kräfte hinter der im Jahr 1998 fl Der Aufsichsrat der Börse hat offensichtlich keinem der anderen Vorstandsmitglieder zugetraut, die Börse in eine positive Zukunft zu führen. fl „Von Mitarbeitern kann man viel lernen“, hat er zuletzt oft erklärt und sich so bei der Belegschaft beliebt gemacht. vollzogenen Fusion der beiden Terminbörsen Soffex (Schweiz) und DTB (Deutschland) zur Eurex AG, die inzwischen die drittgrößte Derivatebörse der Welt ist. Als Seifert das Handtuch warf, übernahm der Eidgenosse Reto Francioni für die folgenden zehn Jahre den Job. Durch die Berufung von Kengeter zum CEO der Deutsche Börse schließt sich der deutsch-eidgenössische Kreis. Der Quereinsteiger hat alle Voraussetzungen, eine global ausgerichtete Aktiengesellschaft wie die Deutsche Börse AG zu führen. Nicht zuletzt deshalb, weil er das Börsengeschäft in den Vergangenheit von der anderen Seite, aus Sicht von Top- Banken wie Goldman Sachs und UBS, betrachtet hat. „Ich bin erfreut, die Deutsche Börse in die nächste Phase ihrer Expansion führen zu können“, bringt der Heilbronner seine Aufgabe auf den Punkt. Kengeter weiß sehr wohl, dass sich vieles ändern wird – dramatisch sogar – und dass die Begriffe Börse und Kapitalmarkt – nicht nur wegen der Digitalisierung der Weltwirtschaft – in den kommenden Jahren neu definiert werden müssen. Die politisch derzeit zerrissen wirkenden Finanzmärkte Europas erleichtern seinen Job nicht gerade. Dabei wird es für ihn auch darum gehen müssen, die Aufgabe der Börse als Kapitalsammelund -verteilungsstelle zu stärken. In einer gigantisch verschuldeten Weltwirtschaft wird dabei die Bedeutung von Eigenkapital als Finanzierungsquelle eine größere Rolle spielen müssen. Dass die Zukunft in Asien, zum Beispiel in China, zu liegen scheint, steht für Kengeter fest, wie er zuletzt oft betont hat. Kengeter ist nach Aussagen von Mitarbeitern einer von jenen Unternehmensleitern, die geduldig zuhören können. „Von Mitarbeitern kann man viel lernen“, hat er zuletzt oft erklärt und sich so bei der Belegschaft beliebt gemacht. „Unser Chef nimmt sich Zeit für Gespräche, um so herauszufinden, wo das Verbesserungspotenzial für das Unternehmen liegt“, hört man. Ein Konzerninsider warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen: „Entscheidend wird sein, was am Ende erreicht wird.“ ó Jonas Dowen 03.2016 diebank 79

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