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die bank 02 // 2020

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

DIGITALISIERUNG

DIGITALISIERUNG Herausforderungen für Banken beim Aufbau einer Token-Plattformlösung Durch diese neuen Serviceangebote haben Banken die Chance, ihr Geschäftsmodell auszuweiten und dabei ein eigenes Ökosystem für tokenisierte Vermögenswerte zu schaffen. In diesem Ökosystem werden, neben den tradiund VT-Dienstleister-Gesetz“ (TVTG) 1 neu in Kraft. Es gibt erstmals rechtliche Vorgaben zu den zivilrechtlichen Grundlagen in Bezug auf Token. Darüber hinaus werden die Beaufsichtigung sowie die Rechte und Pflichten von Dienstleistern in diesem Bereich geregelt. Das Gesetz ist bewusst kurz und flexibel gestaltet, um zukünftige Entwicklungen als Ergänzungen abbilden zu können, und gibt einen ersten regulatorischen Rahmen spezifisch für die Tokenisierung vor. Boomende Token-Ökonomie schafft Wachstumschancen Mit dem Blockchain-Gesetz wird in Liechtenstein erstmals Klarheit zu neuen Geschäftsmodellen im Rahmen des Finanzmarktgesetzes geschaffen. Dazu wird die Frage beantwortet, ob die Blockchain-Technologie auf Basis bestehender Gesetze überhaupt verwendet werden darf. Aufgrund dieses ersten regulatorischen Rahmens und der beschriebenen Vorteile und Potenziale der Tokenisierung wird sich diese Technologie unserer Meinung nach mittelfristig durchsetzen und zum integralen Bestandteil der Branche werden. Durch die Tokenisierung verändert sich der Zugang zu bisweilen wenig liquiden Assetklassen. Von Immobilien über Kunstwerke bis hin zu Firmenanteilen ermöglicht die Tokenisierung durch die digital geschaffene Teilbarkeit eines Vermögenswerts auch bereits Kleinstinvestitionen in solche Assets. Dadurch steigt nicht nur die Liquidität der Vermögenswerte, sondern diese Vermögenswerte können auch neuen Investorengruppen zugänglich gemacht werden. Dadurch ergeben sich komplett neue Geschäfts- und Servicemodelle, die zur Ausweitung der Kunden- und Ertragsbasis von Banken genutzt werden können. Es ergeben sich zahlreiche Chancen, eine neue Rolle in bis dato unbekannten Themenfeldern in der Token-Ökonomie zu besetzen. Die technische Durchführung der Tokenisierung von physischen Vermögenswerten stellt nur eine von vielen neuen Service-Möglichkeiten für Banken dar. Die dazugehörende Kundenberatung zur Strukturierung der Tokenisierung konkreter Vermögenswerte sowie die Begleitung im Rahmen eines geordneten Prozesses sind weitere vielversprechende Chancen, neue Kunden anzusprechen und für sich zu gewinnen. Neben der Beratung und Strukturierung einer Emission können Banken auch bei der Suche nach geeigneten Investitionen unterstützen. Dabei können sich die Institute wieder als echte Intermediäre und Experten für neue Asset- und Investitionsklassen am Markt etablieren und ihre Kundenbasis deutlich erweitern. Nach der Token-Erstellung und dem dahinterliegenden Prozess folgt in der Wertkette das Anbieten einer neuen Token-Handelsplattform. Dementsprechend können sich Institute frühzeitig als Orchestrator von solchen Plattformen für spezifische Token etablieren und diese in ihr Angebotsportfolio aufnehmen. tionellen Standardservices von Banken, sämtliche weiteren notwendigen Services für die Tokenisierung angeboten. Diese Services werden entweder direkt von der Bank oder von einem darauf spezialisierten Teilnehmer des Ökosystems erbracht. Vorab müssen für den Aufbau und den Betrieb einer solchen Ökosystem-Plattformlösung jedoch zahlreiche Aspekte berücksichtigt werden. So spielen unternehmensinterne Überlegungen zum angestrebten Geschäftsmodell, der Architektur sowie die eigenen Fähigkeiten der Organisation eine essenzielle Rolle für den Erfolg einer solchen Lösung. Dabei definiert die Bank, welche Services sie ihren Kunden direkt anbietet und welche Services von Drittanbietern im Ökosystem der Bank bereitgestellt werden dürfen. Es wird definiert, wie das Angebot mit der bestehenden Marke harmoniert und mit Marketingmaßnahmen zusammenspielt. Zusätzlich müssen die notwendigen Service-Anforderungen an die IT für die Plattformlösung zukunftsorientiert evaluiert werden. Folglich gilt es dann sicherzustellen, dass die benötigten Fähigkeiten und Mitarbeiter im Unternehmen vorhanden sind. Schlussendlich muss für die Umsetzung und den Betrieb jedes zusätzlichen Features ein intensiver Testbetrieb sowie eine hohe IT-Security sichergestellt werden. Diese fordern auch die Regulatoren im Zug einer Zulassung als Handelsplattform. Gleichzeitig müssen für den Betrieb einer Token-Handelsplattform alle regulatorischen Vorgaben eingehalten werden. Gerade für den Handel mit Security Token gelten strengere gesetzliche Auflagen, um solche Transaktionen abwickeln zu dürfen, als für die ursprüng- 56 02 // 2020

DIGITALISIERUNG 1 | Kerneigenschaften von tokenisierten Vermögenswerten Unveränderlich Kosteneffizient Token symbolisieren Eigentum, das nicht einseitig verändert werden kann Zugänglich Token bieten die Möglichkeit, Zwischenhändler in ineffizienten Prozessen zu eliminieren Diversifiziert Transparent Token können durchgehend sicher und schnell von jedem Ort der Welt aus abgerufen und gehandelt werden Teilbar Token ermöglichen durch ihre Teilbarkeit das Halten von Teilen mehrerer Anlagen Token eliminieren die Asymmetrie der Informationen während der Übertragung von Eigentum Token versprechen eine höhere Liquidität und die Elimination von Mindestinvestitionen Quelle: © Horváth & Partners. lich weit verbreiteten Utility Token. Dazu müssen u. a. die Identität und der Niederlassungsort der Parteien sowie die Quelle der Finanzmittel erfasst und bereitgestellt werden. Banken erfüllen im klassischen Bankgeschäft bereits zahlreiche regulatorische Anforderungen im Rahmen von Geldwäschebestimmungen und Know-Your-Customer (KYC)- Vorgaben. Diese Bankprozesse müssen nur noch um die Spezifika der Tokenisierung bzw. der Blockchain erweitert werden, um eine umfassende Compliance sicherzustellen. Dem kommt entgegen, dass Banken bereits viel Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichen nationalen Gesetzeslagen haben. Erste Anbieter etablieren bereits Tokenisierungslösungen Während der rechtliche Rahmen noch im Entstehen und die Technologie noch nicht vollends erschlossen ist, gibt es bereits vielversprechende Pilotprojekte innovativer FinTechs, um für die nächste Phase dieser Entwicklung gerüstet zu sein. Während einige FinTechs und Start-ups bereits Tokenisierungs-Engines anbieten, ringen die meisten noch mit den regulatorischen Anforderungen zum Betrieb der Handelsplattformen. Neue Anbieter müssen eine Vielzahl von Anforderungen sicherstellen, die nicht zu ihrer jeweiligen Kernkompetenz zählen. Etablierte Banken können hier ihre derzeit noch starke Position als treuhändischer Intermediär nutzen, um davon ausgehend diese neuen Services mit einer starken Compliance aufzubauen und anzubieten. FAZIT Tokenisierung bietet Banken zahlreiche Chancen zum Erhalt und zur Stärkung ihrer vertrauensvollen Rolle als Intermediär. Vielfältige Anforderungen aus IT, Compliance und gelungenen Customer Journeys, die Banken heute bereits beherrschen, verschaffen ihnen eine ausgezeichnete Startposition gegenüber neuen Mitbewerbern. Die konkrete Umsetzung erster Pilotprojekte zeigt Chancen und Risiken der Technologie auf und gibt Pionieren die Chance, aus ersten Fehlern zu lernen. Daraus ergeben sich für diese Innovatoren wesentliche Wettbewerbsvorteile, weil durch die gewonnenen Einsichten und Erfahrungen im Umgang mit der Technologie rasch auf notwendige Weiterentwicklungen und Anpassungen der regulatorischen Rahmenbedingungen reagiert werden kann. Autor Armin Tinhofer ist Teil des Controlling- & Finance-Teams der Managementberatung Horváth und Partners. Er ist spezialisiert auf den Einsatz neuer Technologien in der Finanzbranche mit einem Schwerpunkt auf wertstiftenden Anwendungsfällen der Blockchain-Technologie. 1 Liechtenstein verwendet dabei den Begriff „auf vertrauenswürdigen Technologien beruhende Transaktionssysteme (VT-Systeme)“ für Blockchain-Systeme. 02 // 2020 57

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