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die bank 02 // 2015

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

ó BERUF & KARRIERE

ó BERUF & KARRIERE Selbstüberforderung – Analyse eines Phänomens INTERVIEW „Ist meine Leistung gut genug?“ oder auch „Schaffe ich das noch?“ – dies sind gar nicht so selten an die eigene Person gerichtete Fragen, die der oder dem Betreffenden schwer zu schaffen machen können. Im Interview mit dem Vizedekan der Fakultät für Psychologie und stellvertretenden Vorstand des Instituts für angewandte Psychologie der Universität Wien, Univ.-Professor Dr. Erich Kirchler, werden die Gründe und Hintergründe für diese oft überfallartig auftretenden Selbstzweifel erhellt. die bank: Herr Professor Kirchler, ein erstaunliches Phänomen ist, wenn quasi über Nacht nachgewiesenermaßen Leistungsfähige von Zweifeln an ihrer Leistungsfähigkeit überfallen werden. Was ist da passiert? Kirchler: Das lässt sich wohl am besten mit dem Wort „Selbstüberforderung“ beschreiben. Menschen haben Erwartungen und Vermutungen. Erwartungen bezüglich ihrer eigenen Leistung. Und Vermutungen bezüglich der Erwartungen, die andere an sie haben. Erfahrungstatsache ist nun: Besonders hoch leistungsfähige Menschen mit einer Tendenz zum Perfektionismus zeichnen sich durch besonders hohe Ansprüche an ihre Leistungen aus. Gerade Perfektionisten streben Vollkommenheit an und damit Leistungen, die nicht mehr verbessert werden können, also „Totalleistungen“. die bank: Und damit machen sie sich, drastisch ausgedrückt, selbst verrückt? Kirchler: Auf jeden Fall bewegen sie sich mit dieser Forderung an sich selbst stets auf der Grenzlinie zur Gefahr, erhebliche Zweifel daran zu entwickeln, ob die erbrachten Leistungen auch tatsächlich ihrem selbst gesetzten Anspruch genügen. Auf die Spitze getrieben wird diese fehlfokussierte Leistungseinstellung noch durch die Meinung, Anerkennung und Zuneigung anderer nur über besonders hohe Leistungen erreichen zu können. Und aus dieser gedanklichen Konstellation heraus rutscht ein Mensch recht schnell über die Grenzlinie zur Angst, den vermuteten Erwartungen nicht zu entsprechen und dadurch nicht nur Kritik, sondern, schlimmer noch, Ablehnung zu ernten. Je höher die Ansprüche und je niedriger die persönliche Toleranz ist, vermeintlich unperfekt zu sein, desto höher ist die Anstrengung. Und mit ihr zwangsläufig die innere Anspannung und die Furcht vor dem vermeintlichen Versagen. Selbst bei enormem Einsatz und nachweislich beachtlicher Leistung. die bank: Und desto unwahrscheinlicher wird zwangsläufig auch das Erleben von stabilisierenden Erfolgserlebnissen? Kirchler: So ist es, und das ist der destabilisierende Dreh- und Angelpunkt des Phänomens. Anstatt sich über eine erbrachte Leistung zu freuen und Genugtuung über die persönliche Leistungsfähigkeit zu empfinden und dadurch ein solides Leistungsbewusstsein zu bekommen, tickt das unbehagliche Gefühl im Kopf, nicht gut genug gewesen zu sein. Diese Überdosierung von persönlichen Leistungserwartungen ist außerordentlich störend und schädigend. Die daraus entspringenden Selbstzweifel und die Angst vor dem – vermeintlichen – Versagen können bis zur Lähmung belastend sein. Je mehr der Zeitpunkt der Leistungserbringung näher rückt, desto quälender werden die Zweifel und die Angst, nicht zu genügen, nicht genügen zu können. Und wie gesagt, ganz besonders davon betroffen und gebeutelt sind hoch leistungsfähige Perfektionisten, die Leistung mit Anerkennung und sozialer Akzeptanz gekoppelt sehen. Interessant in diesem Zusammenhang ist das sogenannte Hochstaplersyndrom. die bank: Ein in diesem Kontext irritierender Begriff. Worum geht es? Kirchler: 1978 wurde von den amerikanischen Psychologinnen Pauline Rose Clance und Suzanne Imes ein Phänomen beschrieben, das sie impostor phenomenon oder Hochstaplersyndrom nannten. Während es sich nun bei echten Hochstaplern um Menschen handelt, die sich mit falschen Angaben etwas erschwindeln, sind Menschen, die unter dem Hochstaplersyndrom leiden, das genaue Gegenteil von Schwindlern. Sie stellen tatsächlich etwas dar, sind hoch qualifiziert, täuschen also mitnichten irgendetwas vor. Aber aufgrund ihrer fatalen Leistungserwartung an sich selbst, aus ihrem irrigen Empfinden, etwas vorzugeben, was sie nicht sind beziehungsweise einhalten können, fürchten sie, als Hochstapler entlarvt zu werden. Und so fühlen sie sich der ihnen zuteil werdenden Anerkennung nicht würdig, sorgen sich darum, als hochstapelnde Nicht-Experten enttarnt zu werden. Und das, obwohl sie definitiv Könner sind. 76 diebank 2.2015

die bank: Und aufgrund dieses widersinnigen Mechanismus genügen diese Menschen nie sich selbst? Kirchler: So ist es, eigentlich aber schlimmer noch als das. Aus dieser Angst heraus ist diese Sorte Mensch unablässig auf Höchstleitungen aus, setzt sich bis zur Erschöpfung ein, um das ihnen zuteil gewordene Lob in ihren Augen auch wirklich zu verdienen und kommt so trotz bester Aufgabenerfüllung mit Lob und Anerkennung nicht zu einer beruhigenden persönlichen Leistungsüberzeugung. Personen, die unter diesem Hochstaplersyndrom leiden, sind in der Regel hoch gebildet, erfolgreich und finden sich in allen Berufsgruppen. Sie sind sympathisch, eher zurückhaltend und lieber in der zweiten als in der ersten Reihe. Sie scheuen vor schwierigen Aufgaben nicht zurück und legen sich ins Zeug, um gute Ergebnisse zu erzielen. Dieses Phänomen tritt oft bei der Übernahme neuer Aufgaben auf. Sehr viele Menschen leiden vorübergehend unter dem Hochstaplersyndrom, aber es schwächt sich im Verlauf der Gewöhnung an die neue Aufgabe auch wieder ab. Erfolgreiche Frauen leiden öfter darunter als Männer. Es kommt vor, dass gerade diese hoch leistungsfähigen Frauen ihre Karriere aufgeben, um aus der enormen emotionalen Spannung zu entkommen. die bank: Wovon hängt denn nun die Überzeugung von der eigenen Selbstwirksamkeit ab? Kirchler: Eine maßgebliche Rolle spielen dabei gemachte Erfahrungen, insbesondere in der Kindheit, aber auch im späteren Erwachsenenalter. Wesentliche Weichen werden aber schon sehr früh gestellt. Und hier sind es vor allem Lob und Tadel nach erbrachten Leistungen und ganz besonders auch die Reaktionen auf gemachte Fehler, die einen ganz erheblichen Einfluss auf sowohl die Selbstwirksamkeitserwartung als auch die Selbstwirksamkeitsüberzeugung haben. Wer immer nur zu hören bekam oder bekommt, um wie viel besser andere waren, ist ganz erheblich der Gefahr ausgesetzt, bezüglich einer realistischen Einschätzung der eigenen Leistung und einem realistischen Umgang mit Leistung fehlprogrammiert zu werden. die bank: Nehmen wir einmal die andere Perspektive ein. Wie verhalten sich Menschen mit einer soliden Selbstwirksamkeitsüberzeugung im beruflichen Alltag? Kirchler: Sie glauben an sich und an ihre Leistungsfähigkeit. Sie führen ihren Erfolg nicht auf das Glück oder den Zufall zurück, sondern auf ihren Einsatz. Sie sind überzeugt, das Geschehen lenken zu können und die Kontrolle darüber zu haben. Sie arbeiten auf ein Ergebnis hin, ohne das Erreichte immer wieder infrage zu stellen und in Zweifel zu ziehen. Sie wissen, mit einer erbrachten Leistung stellen sich auch neue Erkenntnisse ein, lassen sich davon aber nicht verunsichern und zu permanent neuen Bearbeitungsschleifen an einer Aufgabe verführen. Sie finden ein Ende und investieren das neue Wissen in neue Aufgaben. Kurz und gut, sie sind überzeugt, aufgrund des eigenen Könnens etwas bewirken zu können, gewünschte oder geforderte Arbeiten oder Handlungen erfolgreich ausführen und die damit verbundenen Ziele erreichen zu können. Auch wenn die Aufgabe schwierig ist. Sie sind motiviert, haben eine hohe Ausdauer bei der Aufgabenbewältigung und sind weniger ängstlich oder depressiv verstimmt und damit erfolgreicher im Job. Ein starker Glaube an die eigenen Fähigkeiten führt zu hohen Ansprüchen und zur Wahl anspruchsvoller Aufgaben, die erfolgreich bewältigt wieder zu intensiverer Selbstwirksamkeitsüberzeugung führen. fi INTERVIEW die bank: Vorgesetzte tragen die Leistungsverantwortung. Ein Aspekt davon ist, dass auch im Blick auf die Leistung am Arbeitsplatz die Aufwand-Ertrags-Überlegung gilt. Beeinträchtigt der nicht mehr angemessene Aufwand, der aufgrund einer fehlprogrammierten Leistungseinstellung in eine Aufgabe gesteckt wird, zwangsläufig die Erledigung anderer Aufgaben? Kirchler: Kann schon sein, es kommt dann zu einem Missverhältnis von Aufwand und möglichem Ertrag. Wer immer wieder unzufrieden mit der eigenen Leistung ist und noch mal und noch mal an einer Aufgabe herumdoktert, arbeitet unwirtschaftlich. Vorgesetzte, die entsprechende Tendenzen registrieren, müssen dem entgegensteuern. Aus betriebswirtschaftlicher wie menschlicher Sicht. Und beides lässt sich koppeln. Beispielsweise durch die Vermittlung von Gefühlen, in die eigenen Fähigkeiten vertrauen zu können, durch Kompetenz- und Wertschätzung; indem sie dabei helfen, möglichst konkrete Vorstellungen über das eigene Handeln und die Handlungsabläufe sowie deren Konsequenzen bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu entwickeln und indem sie sie dabei unterstützen, ein kognitives Abbildsystems zu entwickeln, wo Wege zum Ziel vorgestellt und als handlungsleitend hingestellt werden. Der Erfolg darf getrost dem eigenen Einsatz und Können zugeschrieben werden und nicht dem Glück oder dem Zufall. die bank: Herr Professor Kirchler, vielen Dank für das Gespräch. 2.2015 diebank 77

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