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die bank 01 // 2017

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die bank gehört zu den bedeutendsten Publikationen der gesamten Kreditwirtschaft. Die Autoren sind ausnahmslos Experten von hohem Rang. Das Themenspektrum ist weit gefächert und umfasst fachlich fundierte Informationen. Seit 1961 ist die bank die meinungsbildende Fachzeitschrift für Entscheider in privaten Banken, Sparkassen und kreditgenossenschaftlichen Instituten. Mit Themen aus den Bereichen Bankmanagement, Regulatorik, Risikomanagement, Compliance, Zahlungsverkehr, Bankorganisation & Prozessoptimierung und Digitalisierung & Finanzinnovationen vermittelt die bank ihren Lesern Strategien, Technologien, Trends und Managementideen der gesamten Kreditwirtschaft.

BERUF & KARRIERE

BERUF & KARRIERE INTERVIEW Lebenswelten im Umbruch Wie gelingt es, in der Dynamik und Intransparenz des beruflichen Geschehens den Boden unter den Füßen zu behalten? Wie lässt sich verkraften, was im Beruf, im gesellschaftlich-politischen Leben und zunehmend auch im zwischenmenschlichen Umgang verkraftet werden muss? Und welche Konsequenzen sind aus der Notwendigkeit, die betrieblichen Strukturen fortlaufend neuen Gegebenheiten anzupassen, für die Menschenführung zu ziehen? Fragen zur Situation an den Psychotherapeuten und klinischen Psychologen Professor Dr. Jürgen Kriz von der Universität Osnabrück. die bank: Herr Professor Kriz, in der Beurteilung aus therapeutischer Sicht: Wie wirkt sich das rapide Veränderungsgeschehen im letzten Vierteljahrhundert auf die psychische Stabilität der Menschen aus? Kriz: Es verunsichert. Diese Verunsicherung ist politisch, gesellschaftlich und beruflich deutlich zu spüren. Die wirtschaftliche Entwicklung ist ein zentraler Punkt darin. Werte wie Effektivität, Leistung, Qualität sind heute zwangsläufige Parameter in ökonomischen Optimierungsprozeduren. In der Berufsausübung aber belasten sie zunehmend, weil sie mit den menschlichen Bedürfnissen immer weniger in Einklang stehen. In diese Diskrepanz spielen auch ein überkomplexes Rechtssystems hinein und die rasante Entwicklung der Informationstechnologien. die bank: Vor allem die Digitalisierung beeinflusst zunehmend deutlicher das politische und ökonomische System, oder? Kriz: Ja – und, in den individuellen Auswirkungen noch unmittelbarer zu erleben, sie bringt völlig neue berufliche Aspekte für den Einzelnen mit sich. Beispielsweise die jederzeitige, über die eigentliche Arbeitszeit hinaus- und bis in den Urlaub hineingehende Möglichkeit ständiger Erreichbarkeit. Oder, auf privater Ebene, die zunehmende Unverbindlichkeit der Beziehungen. Stehen die Tausende von „Freunden“ in den sozialen Netzwerken doch nicht unbedingt für Freundschaft, Sicherheit, Stabilität und Zuversicht, sondern doch eher für einen Zwang zum Mitmachen, der nicht selten auf Kosten wirklich stabilisierender realer Beziehungen im Nahbereich geht. die bank: Das ist aber eher ein Problem der jüngeren Facebook-Generation, richtig? Kriz: Gleichwohl, all das ist deswegen so problematisch, weil der Mensch gerade in unserer verunsichernden Zeit des weltweiten Umbruchs einer sicheren Rahmung bedarf. Menschen können ein beachtliches Stressaufkommen bewältigen, wenn sie das Empfinden haben, in ihren Bedürfnissen berücksichtigt und bei den Veränderungen mitgenommen zu werden. Der Mensch braucht eine sinnhafte Orientierung in der Welt. Ist ein solcher Sinn nicht fassbar, und werden all die undurchschaubaren Vorgänge in hochkomplexen Organisationssystemen als sinnlos empfunden, dann schafft sich der Mensch einen „Ersatzsinn“, am erkennbarsten durch die Übernahme radikaler, aber einfacher Sicht- und Erklärungsweisen. die bank: Die rasanten Wandlungsprozesse der globalisierten Welt können ebenso wenig zurückgedreht werden wie deren Komplexität. Wie wäre das Blatt zu wenden? Kriz: Es geht darum, den Menschen die verlorene Orientierung, Sicherheit und Sinngebung zurückzugeben, die in den in anonymen Großinstitutionen mit zweckrational durchökonomisierten Prozessen abhandengekommen sind. Dazu muss den Menschen das Gefühl vermittelt werden, wieder ernst genommen zu werden. Und Menschen ernst nehmen heißt: offene Kommunikation bis ins Kontroverse und den direkten Widerspruch hinein; die Achtung vor der anderen Meinung statt Belehrung, Bevormundung, politischer Korrektheit und Stigmatisierung Andersdenkender; durch die Entschleierung der Entscheidungsprozesse und deren Entideologisierung. die bank: Das klingt jetzt aber sehr pathetisch. Kriz: Na ja, Arbeiten ohne innere Anteilnahme, Anwesenheitsbezeugung ohne Überzeugung – das ist doch, was herauskommt, wenn der Sachverstand und die Erfahrung der Führungs- und Fachkräfte weniger zählt als das gerade Angesagte der Unternehmensberatungen. Menschen spüren sehr genau, ob Maßnahmen dem Gesamtwohl dienen, durchaus einschließlich angemessener Gewinne, ob sie trotz ihrer Eigenwilligkeiten gewünscht werden oder ob sie lediglich Versatzstücke, beliebig austauschbare Faktoren in abstrakten Managementmodellen darstellen. Das sind Aspekte, die weit mehr berücksichtigt werden sollten, mit denen die zwangsläufige Verunsicherung durch die Lebenswelten im Umbruch erträglicher gemacht werden könnte. 68 01 // 2017

BERUF & KARRIERE Prof. Dr. Jürgen Kriz ist Emeritus für Psychotherapie und klinische Psychologie an der Universität Osnabrück. Als Gastprofessor war er u. a. in Zürich, Moskau und den USA tätig und wurde mit Auszeichnungen wie dem „Viktor-Frankl- Preis“ der Stadt Wien für sein Lebenswerk oder dem „AGHPT-Award“ geehrt. die bank: Was besagt dies nun bezogen auf das ganz persönliche Verhalten? Kriz: Wer sich über sich selbst, seine Werte und Ziele, seine Stärken und Schwächen, seine Vorlieben und Abneigungen hinreichend im Klaren ist – und dies hin und wieder überprüft und nachjustiert – ist auf Wandel und Umbrüche weit besser vorbereitet, als wenn man irgendwelchen äußeren Normen und Vorgaben folgt. Brechen diese nämlich zusammen, so kann man leicht orientierungslos werden. Während eigene Ziele – nicht in Form von festgelegten Plänen, sondern eher von Imagination der Zielrichtung – eine Orientierung geben, die auch gegenüber plötzlichen und starken Veränderungen beachtlich adaptiv ist. die bank: Gehört dazu auch die Einsicht, dass viele Umbrüche ohnehin mit Entwicklungsaufgaben und -möglichkeiten verbunden sind? Kriz: Dies lässt sich – zumindest teilweise – selbst unter ungünstigen äußeren Umständen nutzen: Indem man sich klar Rechenschaft ablegt, inwieweit man die neuen Gegebenheiten vielleicht auch für sich nutzen oder in seinem eigenen Bereich verändern kann – oder ob ein Wechsel in andere Kontexte, zum Beispiel ein Firmenwechsel oder eine weitergehende berufliche Umorientierung, angezeigt ist. aa Aber warum fällt es so schwer, sich dieser Einsicht zu beugen? Kriz: Gerade bei als bedrohlich erlebten äußeren Veränderungen greift noch einmal mehr das, was unsere Lebenswelt im Alltag stabilisiert: Die unfassbare Vielfalt der Reizwelt wird auf eine fassbare Rezeptionswelt reduziert. Sinnvoll erscheint besonders das, was sich bisher – scheinbar – bewährt hat, was vertraut ist, was wir kennen. Damit ergibt sich allerdings ein Widerspruch: Denn veränderte Bedingungen verlangen eigentlich, dass wir auch das Bekannte und Vertraute in unseren Verstehens- und Verhaltensweisen verändern und an die neuen Gegebenheiten anpassen. Das gelingt besonders gut dann, wenn wir uns ansonsten sicher fühlen – nur dann sind wir bereit, Aspekte des Bisherigen zur Disposition zu stellen und zu hinterfragen. Doch gerade, wenn wir uns vom Neuen bedroht fühlen, sind wir zu solchen kreativen Nachjustierungen nicht in der Lage, sondern halten krampfhaft am Alten fest. die bank: Das ist eine unüberwindbare Hürde für jeden größeren Change-Prozess im Unternehmen. Was ist zu tun? Kriz: Für Therapie, Beratung und Coaching gibt es für Veränderungen beispielsweise das Konzept der „angemessenen Verstörung“: Veränderung ist nur durch Verstörung des bisher Überkommenen möglich – allerdings funktioniert dies nur dann, wenn sie eben „angemessen“ ist, das heißt eher als interessante Herausforderung und neue Möglichkeit betrachtet werden kann und nicht so groß ist, dass sie als Bedrohung wahrgenommen wird. Denn dann reagieren wir mit dem Gegenteil: zum Selbstschutz greifen wir auf die alten Muster zurück und verteidigen diese gegen Bedrohung – selbst dann, wenn wir eigentlich wissen, dass sie unzureichend sind. Wendet man diesen Grundgedanken auf die gegenwärtigen Veränderungen an, so könnte man sagen, dass diese von vielen als „unangemessene Verstörung“ erlebt werden. Aus therapeutischer Sicht ist festzustellen, dass vielen Menschen in Führungspositionen das Wissen um diese Zusammenhänge fehlt – und damit auch die Einsicht in die Notwendigkeit, entsprechend aktiv zu werden und Maßnahmen für die notwendige Erhöhung der empfundenen Sicherheit zu ergreifen. So werden Herausforderungen allzu oft eben zu „unangemessenen Verstörungen“ - mit all den Reaktionen hinsichtlich Leistungsverweigerung, Frust, Lethargie, Radikalisierung und Wut, die wir beobachten. Statt der positiven Konnotation von Herausforderung und neuen Möglichkeiten, die den Raum der Handlungsoptionen vergrößern, wird zu hergebrachten, inadäquaten Strategien gegriffen. Und deren – zu erwartendes – Versagen vergrößert dann Frust und Verunsicherung. die bank: Professor Kriz, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch. Das Interview führte Hartmut Volk. 01 // 2017 69

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